Medium
Themen
Völker
  • Podcast
  • Artikel
  • Video

Von Wolfgang Mayr

Nicht nur die PKK-nahe Nachrichtenseite anf warnt seit Wochen davor. Die Türkei und ihre verbündeten radikalen islamistischen Milizen bereiten sich auf den Einmarsch in Nord-Syrien vor. Auch die Nah-Ost-Plattform mena watch schlagzeilte: Türkei vor neuer Offensive gegen Kurden in Syrien.

Letzthin sorgte auch der türkische Präsident Erdogan für entsprechende Gerüchte. So forderte Erdogan auf dem G 20-Gipfel US-Präsident Biden unverblümt auf, die Kurden in Nord-Syrien nicht mehr zu unterstützen. Seine Überlegung, dann kann die türkische Armee ungehindert einmarschieren.

Als Blaupause dient Erdogan die türkische Annektion der kurdischen Enklave Afrin. Die Kurden wurden schikaniert, Mädchen und Frauen vergewaltigt, Männer ermordet, der große Rest wurde vertrieben. Es gab zwar diplomatische Proteste, die kümmern aber Erdogan und seine islamistischen Handlanger in Syrien nicht.

Auch eine große Anzahl von ehemaligen Afrin-BewohnerInnen ist verschwunden, berichtete GfbV-Nahost-Referent Kamal Sido. Die türkisch-islamistische Besatzungsmacht geht brutal gegen Menschen vor, gegen Sprache und Kultur und gegen das Land, belegt Sido die ethnischen Säuberungen. So wurden historische Stätten zerstört, Häuser beschlagnahmt, mehr als 300.000 Olivenbäume gefällt, Straßen, Plätze und Ortschaften umgetauft, erhielten türkische oder arabische Namen. Illegale Inbesitznahme.

Afrin, Blaupause für den Krieg gegen Rojava

Dieses Schicksal droht dem noch freien und autonomen nordsyrischen Autonomiegebiet. Eine sehr reale Drohung. Mena-Watch schreibt: „Die türkische Armee schickt militärische Verstärkung in die von der syrischen Opposition kontrollierten Gebiete im Nordosten Syriens, während die türkischen Drohungen gegen die kurdischen Kräfte in diesem Gebiet anhalten.“

Die von der Türkei unterstützte Freie Syrische Armee (FSA) rief ihre Alarmbereitschaft aus. Die türkische Armee und die FSA koordinieren laut Mena Watch mögliche Militäroperationengegen die kurdischen Kräfte. Mena-Watch verweist auf die  türkische Zeitung Turkiye Gazetesi, laut der Anführer der FSA-nahen Syrischen Nationalarmee nach Ankara einberufen wurden, um eine Militäroperation im Nordosten Syriens vorzubereiten.

Die mit der FSA verbundene Syrische Befreiungsfront (SLF) gab bekannt, dass sie mit einer neuen Gruppe von Kämpfern gegen die kurdischen Milizen von Rojava in den Krieg ziehen wird. Ihr Ziel ist es, zitiert Mena Watch die SLF, „die PKK und ihren terroristischen Arm in Syrien“ zu zerschlagen.

(Aus dem Artikel „Turkish army coordinates with Syrian proxy forces ahead of possible military action“ von Al-Monitor, Übersetzung Florian Markl).

Rojava ist ständigen türkischen Angriffen ausgesetzt

Der türkische Angriffskrieg auf Nord-Syrien, auf Rojava, hat aber schon lange begonnen, heißt es aus der Parteizentrale der kurdischen PYD. Mihemed Şahin von der Autonomieverwaltung bestätigte in einem anf-Interview zwei türkische Luftangriffe auf Kobane: „Die politische Konjunktur lässt momentan keinen umfassenden Besatzungsangriff zu, aber die Türkei hat grünes Licht für die aktuellen Angriffe von den in Syrien präsenten Mächten bekommen. Von dieser Situation profitieren auch die Großmächte. Der Druck auf die Autonomieverwaltung und die vereinigen Milizen nützt nicht nur dem türkischen Staat, sondern auch den anderen Mächten. Es geht dabei um Zugeständnisse hinsichtlich einer Lösung in Syrien. Deshalb wird bei den türkischen Angriffen ein Auge zugedrückt.“

Obwohl laut einem Abkommen in Nord-Syrien keine Militäroperationen stattfinden dürfen, garantiert von Russland und den USA. Die Türkei kümmert sich aber nicht darum, bedauert Sahin: „Der türkische Staat begründet seine Aggression mit dem Vorwurf, dass die Milizen und die Autonomieverwaltung eine Gefahr an seiner Grenze darstellen. Die Milizen haben sich deshalb dreißig Kilometer zurückgezogen, um dieser Begründung den Boden zu entziehen. Seitdem diese Abkommen getroffen worden sind, wurden die Luft- und Bodenangriffe jedoch keinen Tag ausgesetzt. Menschen sterben. In den letzten Tagen haben diese Angriffe zugenommen,“

Symbol Koabne`

Für Sahin ist klar, warum die türkische Luftwaffe Kobanê bombardiert. Diese Stadt ist zu einem Symbol des kurdischen Widerstandes geworden, in dieser Stadt erklärte sich Rojava 2012 autonom. Hier fügten die Milizen im Zusammenspiel mit der Nato dem IS die erste große Niederlage zu. Das ist der türkischen Regierungspartei AKP bekannt, erklärt Sahin den Angriff auf Kobanê. Der PYD-Politiker wirft der Türkei vor, die Autonomieverwaltung schwächen zu wollen. Die AKP-Regierung in Ankara verhängte Sanktionen gegen Rojava, türkische Staudämme halten das Wasser des Euphrats zurück, die türkische Politik versucht die Hindernisse für einen Einmarsch zu beseitigen.

Der Türkei gelang es außerdem, die syrischen Kurden von den Friedensverhandlungen auszugrenzen. Die diplomatische Wühlarbeit der Türkei zeigt Folgen. Vor den weiterreichenden Folgen fürchtet sich die multiethnische Bevölkerung Nord-Syriens, vor dem Krieg der Türkei und ihrer islamistischen Verbündeten.

Auf einer Kundgebung forderten arabische Bewohner von Rojva die internationale Gemeinschaft auf, den Luftraum für den türkischen Staat zu sperren. Sie verweisen auf die Flugverbotszone nach dem ersten Golfkrieg über Süd-Kurdistan im Irak. Daraus entstand die autonome kurdische Region. Die Frauenbewegung unterstützt diese Forderung und drängte auf die sofortige Einstellung der Angriffe auf Nord- und Ostsyrien.

GfbV im Gespräch mit Dr. Kamal Sido: Afrin, ein Jahr nach der türkischen Besatzung – YouTube

Aus dem Leben eines Menschenrechtlers (gfbv.de)

Die Politik der PYD in Rojava: Eine kritische Analyse – marx21

2016-12-08-governing-rojava-khalaf.pdf (chathamhouse.org)

Ankaras Angst vor «Rojava» | NZZ

Nord-Syrien: Traurige Gewinner | ZEIT ONLINE

Rojava: die Angriffe sind gegen die Autonomie gerichtet – Civaka Azad (civaka-azad.org)

ANF | Articles (anfdeutsch.com)

Turkey’s border war on Rojava: Afrin on Vimeo