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Von Wolfgang Mayr

Vor zwanzig Jahren konnten sich die Ukrainer noch eine Allianz mit Russland und Belarus vorstellen. Das änderte sich inzwischen aber grundlegend, findet der Politikwissenschaftler Serhii Schapowalow auf „Ukraine verstehen“.  Als Grund dafür bezeichnet er die rus­si­sche Aggres­sion, mit dem Höhepunkt des Überfalls auf die Krim im Jahr 2014. Inzwi­schen stehen laut den Erhebungen von Schapowalow nur noch ein Viertel der Bürger einem Bei­tritt der Ukraine zu einem Uni­ons­staat positiv gegenüber.

Die Ukraine ist außerdem vielfältig, erinnert der Politikwissenschaftler auf den multikulturellen und mehrsprachigen Charakter seines Landes. „Darüber hinaus gab es unter der Bevöl­ke­rung des Südens und Ostens der Ukraine, die his­to­risch gesehen stärker rus­si­fi­ziert und wirt­schaft­lich an Russ­land gebun­den sind, auf­grund der rus­si­schen Aggres­sion auch einen Mei­nungs­um­schwung,“ kommentiert Schapowalow seine Erhebungen.

„Außerdem ent­frem­det sich die ukrai­ni­sche Gesell­schaft auch mental immer mehr von der rus­si­schen Gesell­schaft,“ schlussfolgert Serhii Schapowalow. „Dies spie­gelt sich vor allem in der Inter­pre­ta­tion der Ereig­nisse der gemein­sa­men Geschichte wider. Während Russ­land eine straf­recht­li­che Ver­fol­gung für die Gleich­set­zung der Hand­lun­gen der UdSSR und Nazi­deutsch­lands bei der Ent­fes­se­lung des Zweiten Welt­kriegs ein­führt, kommen die Ukrai­ner zu der Erkennt­nis, dass es der Pakt zwi­schen Hitler und Stalin war, der den Krieg verursachte“.

Serhii Schapowalow wartet auch mit einer überraschenden Erkenntnis auf: „Die Ukrai­ner unter­stüt­zen auch das neue Spra­chen­ge­setz. Die Mehrheit in allen Regio­nen des Landes sind der Meinung, dass alle Bürger die Staats­spra­che beherr­schen sollten, dass Beamte die öffent­li­che Kom­mu­ni­ka­tion auf Ukrai­nisch führen sollten und dass der Unter­richt in staat­li­chen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen eben­falls auf Ukrai­nisch statt­fin­den sollte, wie es das neue Gesetz vorsieht“.

Auch in den his­to­risch stärker rus­si­fi­zier­ten Regio­nen im Süden und Osten der Ukraine empfindet die Hälfte der Bürger, die zu Hause auf Rus­sisch kom­mu­ni­zie­ren, das Ukrai­ni­sche als ihre Mut­ter­spra­che. Diese gilt als ein Faktor der poli­ti­schen Iden­ti­tät.

Russland ist es zwar gelungen, die Krim zu annektieren und im Donbass zwei Regionen unter seine Kontrolle zu bringen. Erfolgreich ist auch die derzeitige ernstzunehmende Drohkulisse an der urkainisch-russischen Grenze. Erfolglos hingegen blieb aber die rus­si­sche Pro­pa­ganda, die Ukrai­ne als einen inef­fi­zi­en­ten oder gar geschei­ter­ten Staat darzustellen. Wie es scheint, seht die Mehr­heit der Ukrai­ner hinter ihrem Staat. Die  rus­si­sche Aggres­sion sorgte für Zustimmungswerte von 72 Prozent.

Serhii Schapowalow ist Politikwissenschaftler und Dozent an der Nationalen Universität Kyjiw-Mohyla Akademie. Bei der Ilko Kucheriv Democratic Initiatives Foundation (DIF) beschäftigt er sich mit Meinungsforschung und koordiniert Forschungsprogramme zu politischen Themen, insbesondere zu Sprachpolitik und Erinnerungspolitik. Derzeit schreibt er seine Doktorarbeit über die Beeinflussung von Wahlpräferenzen und die Anfälligkeit für Propaganda in der Ukraine.