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„Jesiden in der Sindschar-Region auf der Flucht: Machtpolitik auf dem Rücken der Bevölkerung“

VOICES-Kolumne im "Der Nordschleswiger": Aktuell spielt sich – weitestgehend von der Weltöffentlichkeit unbeobachtet – ein Drama ab, das schlimmste Erinnerungen an das Jahr 2014 weckt. Tausende Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden sind zum Spielball internationaler sowie regionaler Interessen geworden und fürchten um ihr Leben, schreibt Jan Diedrichsen in seiner Kolumne.

Krimtatare inhaftiert, weil er die Wahrheit über den Krieg berichtet

Viele Krimtataren haben bereits nach dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine im Jahr 2014 und die Besatzung der Krim ihre Heimat verlassen. Die GfbV hat in der Zeit der beginnenden russischen Aggression intensiv das Schicksal der Krimtataren begleitet. Heute sind die Krimtataren beinah gänzlich aus dem Fokus verschwunden Der Druck auf die verbliebenden politischen Akteure bleibt jedoch enorm.

Der chilenische Verfassungskonvent beschließt erste Artikel

Der chilenische Verfassungskonvent hat nach sechsmonatiger Arbeit die ersten Artikel für die neue Verfassung beschlossen. Kaum vorgelegt, sorgen die Entwürfe für Aufregung, ist doch von Justizsystemen die Rede. Die Mapuche beispielsweise drängen auf ihre autonome Gerichtsbarkeit. Der Konvent scheint das selbstgesetzte Ziel anzustreben, die Plurinationalität und damit die Anerkennung der Ureinwohner.

Von Claus Biegert

„Stell dir vor, ein einzelner, bescheidener Mönch, und es gibt Regierungen, die  zittern vor ihm.“ Wer Klemens Ludwig kannte, hat diesen Ausruf von ihm im Ohr. Der Dalai Lama begleitete den Lebensweg des Journalisten Klemens Ludwig, und dieser begleitete den Lebenspfad des spirituellen und politischen Oberhaupts des tibetischen Volkes. 

Im Verhältnis der westlichen Staaten mit der weltmächtigen Volksrepublik China war Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama immer ein Störfaktor:  Willy Brandt traf ihn privat, offiziell hätte es diplomatische Differenzen zwischen Peking und Bonn gegeben. In Österreich wollte ein privater Geldgeber eine Briefmarke mit dem Kopf des Dalai Lama in Auftrag geben – bei der österreichischen Post ein übliches Verfahren. Die Marke kam nie auf den Markt, Peking gab den Ton an, Wien gab nach.

Seit seiner ersten Reise nach Tibet 1986 war Klemens Ludwig als Autor und Aktivist ein zuverlässiger Verbündeter der Exil-Tibeter in Indien, Nepal und der Schweiz. So wundert es nicht, dass er eng mit Petra Kelly und Gert Bastian zusammenarbeitete und von 1994 bis 2000 Vorsitzender der „Tibet Initiative Deutschland“ war und danach Chefredakteur von deren Periodikum „Brennpunkt Tibet“. Diese Nähe trübte nicht seinen kritischen Blick: Dass der CIA viele Jahre tibetische Guerilla-Kämpfer trainierte, redete er nie schön. Regelmäßig reiste er in den Himalaya bis die chinesischen Behörden ihm 2004 erstmals ein Visum verweigerten. Seine lokalen Kenntnisse von Krisenregionen brachten ihn oft in Rage, wenn er in deutschen Zeitungen Auslandsreportagen von Korrespondenten las. Aus dieser Rage entstand 1992 das Sachbuch: „Augenzeugen lügen nicht. Journalistenberichte, Anspruch und Wirklichkeit“.

Klemens kam im Dezember 1955 im Sauerland zur Welt. In Tübingen studierte er Theologie und Anglistik. Ins geplante Lehramt stieg er nie ein, sondern bewarb sich 1979 bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen. Das Studium musste Platz machen für die Menschenrechtsarbeit.  Zehn Jahre blieb er dort. Mit seinen Worten: „Die ersten Jahre machten mich zum Generalisten: Unterstützung für Indianer in Paraguay, Brasilien oder den USA, Kampagnen für Flüchtlinge am Horn von Afrika oder die Haratin in Mauretanien, Proteste gegen die indonesischen Verbrechen in Osttimor und Westpapua… es gab keinen Teil der Welt, der nicht im Fokus der Arbeit stand.“  Der Generalist bescherte uns ein Grundlagenwerk, das viele von uns im Regal stehen haben : „Bedrohte Völker. Ein Lexikon nationaler und religiöser Minderheiten“. Es war der Anfang einer ansehnlichen Publikationsliste, 30 Bücher sollten es werden. Im Rahmen seiner publizistischen Arbeit referierte er mehrfach vor dem Entkolonialisierungsausschuss der UNO in New York.

Bald war er ein vom Gründer Tilman Zülch geschätzter, tragender Eckpfeiler der Menschenrechtsorganisation.  Im Juni 1985 organisierte er den ersten Deutschlandbesuch des Nobelpreisträgers und späteren osttimoresischen Präsidenten José Ramos-Horta. Im gleichen Jahr war er involviert im dritten Weltkongress der Sinti und Roma in Göttingen. Zu den deutschen Sinti und Roma hatte er Kontakt seit dem Hungerstreik im KZ Dachau. Am Karfreitag 1980, dem 4. April, traten zwölf Sinti, unter ihnen die Überlebenden des Holocaust Jakob Bamberger, Hans Braun, Ranco Brandtner und Franz Wirbel, in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau in den Hungerstreik getreten. Zentrale Forderungen waren die Anerkennung des NS-Völkermords an den Sinti und Roma durch die Bundesregierung, die sofortige Beendigung der polizeilichen Sondererfassung von Sinti und Roma sowie die Herausgabe der NS-Akten aus dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt, die im Bayerischen Landeskriminalamt weiterhin verwendet worden waren. Der Protest löste eine breite internationale Solidaritätswelle aus und markierte einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Minderheit. Klemens Ludwig sorgte als Pressereferent der GfbV für die nötige Öffentlichkeit. 

Seine Radarschirm zeugte von einem breiten Interessensspektrum: Vom Polit-Thriller (Gendün – die Rückkehr des Panchen Lama) bis zum Mittelalterroman (Die Schwarze Hofmännin). „Er wollte“, so Klemens, „ Margarete Renner, der einzig namentlich bekannten Frau aus dem Großen Bauernkrieg von 1525, ein Denkmal setzen. Sie gehörte zum Heilbronner Haufen. Jahrhundertelang von der männlich dominierten Geschichtsschreibung verteufelt, zeigt die Heimatforschung sie seit wenigen Jahrzehnten in einem anderen Licht. Diese Forschungen bilden die Grundlage für den Roman – und lassen genug Raum für meine Geschichte von Margarete Renner, der Schwarzen Hofmännin.“ Und er spannte den Bogen noch weiter und studierte die Geschichte der Astrologie.

2020 dann die Diagnose ALS – eine Nervenerkrankung, die nicht heilbar ist. Trotzdem schrieb Klemens bis zuletzt weiter über die Themen, die ihm am Herz lagen. 

Wenn ich an die vielen Begegnungen mit ihm denke, dann entfaltet sich vor mir jene Zeit, in der die Gesellschaft für bedrohte Völker von beeindruckenden Persönlichkeiten getragen wurde und als Menschenrechtsorganisation in Europa nie ohne Echo blieb. Viele indigene Aktivisten und Aktivistinnen in den verschiedenen Himmelsrichtungen werden dich vermissen, Klemens. Mit einem spirituellen Zuruf aus dem Beauty Way-Ritual  der Diné verabschieden wir uns: „Wandle in Schönheit!“