„Kanonenfutter aus Sibirien“: Indigene Soldaten in der russischen Armee

Vom Internationalen Komitee der Indigenen Völker Russlands (Teil 2)

Vom Internationalen Komitee der Indigenen Völker Russlands (Teil 2)

Russische Medien berichteten, dass die überwältigende Mehrheit der russischen Soldaten in der Ukraine nicht aus den großen städtischen Zentren Westrusslands stammt. Die Soldaten kommen aus kleineren und ärmeren Orten in Sibirien und des Fernen Ostens, der Wolga-Region und des Kaukasus.

Der Anteil indigener und nicht-russischer Soldaten in der russischen Armee, die in diesem Krieg kämpfen und sterben, scheint unverhältnismäßig hoch zu sein. Unseren Informationen zufolge kämpften – in einem 200-köpfigen – indigenen Dorf in Sibirien fünf junge Soldaten in der Ukraine. Das gesamte indigene Volk zählt weniger als zweitausend Personen.

In vielen kleineren Dörfern und Städten der russischen Arktis, Sibiriens und des Fernen Ostens ist der Vertrags-Militärdienst einer der wenigen gut bezahlten Jobs. Er wird besser bezahlt als viele andere öffentliche Jobs. Diejenigen, die in der Ukraine kämpfen, erhalten zusätzliche Prämien. Berichten zufolge liegt das Durchschnittsgehalt eines Soldaten bei 200.000 Rubel pro Monat, während im März 2022 das Durchschnittsgehalt z. B. in der Oblast Tjumen, wo die indigenen Völker der Chanten, Mansen und Nenzen leben, bei 61.000 Rubel lag

Wenn man berücksichtigt, dass der Oblast Tjumen die führende Öl- und Gasförderregion Russlands ist, ist das Durchschnittsgehalt in vielen anderen Regionen, insbesondere in abgelegenen indigenen Dörfern, noch viel geringer.

Einige indigene AktivistInnen teilten uns mit, dass die Rekrutierung von Soldaten ohne realistische Informationen erfolgt. Dies bestätigen auch andere Quellen. Und da die russische Regierung Informationen über die Verluste und die Brutalität des Krieges in der Ukraine stark einschränkt, sind sich viele, die einen Vertrag unterschreiben, der Gefahren, auf die sie sich einlassen, nicht bewusst.

Es gibt bestätigte Todesfälle von einheimischen Soldaten aus Tschukotka, der Region Chabarowsk, Tywa, Burjatien und anderen Regionen. Die Gesamtzahl der Todesopfer unter den indigenen Soldaten ist jedoch schwer zu schätzen, da viele Angehörige indigener Völker russische Namen tragen, was es unmöglich macht, sie in den offenen Datenbanken von nicht-indigenen Soldaten zu unterscheiden.

Die hohe Zahl der Todesopfer in diesem Krieg zeigt, dass die indigenen Völker einen unverhältnismäßig hohen Preis für den von den Politikern in Moskau angezettelten Krieg zahlen. Während jeder Verlust von Menschenleben eine Tragödie ist, könnte es für die zahlenmäßig kleinen indigenen Völker eine Frage ihres Überlebens als eigenständige Gruppe sein.

Während die Todesrate unter ethnischen Minderheiten deutlich höher ist, leiden viele, die lebend nach Hause kommen, wahrscheinlich an Verletzungen und langfristigen psychischen Problemen, einschließlich posttraumatischer Belastungsstörungen. Die russische Gesundheitsinfrastruktur in den abgelegenen Gebieten, in denen die meisten indigenen Völker leben, ist jedoch nur sehr begrenzt in der Lage, diese Probleme zu behandeln.

Als schließlich das Ausmaß der in den besetzten ukrainischen Gebieten begangenen Verbrechen bekannt wurde, wurde versucht, die Brutalität „rassistisch“ zu begründen. In den russischen sozialen Medien wurden diese Verbrechen als von „Wilden“ aus entlegenen Winkeln des Reiches begangen dargestellt. Indigene Soldaten wurden als Menschen charakterisiert, die aufgrund ihrer kulturellen Prägung eher zu Gewalt neigen. Eine solche Deutung der Ereignisse war nicht nur in der russischen, sondern auch in der ukrainischen Öffentlichkeit weit verbreitet.

Doch selbst wenn indigene Soldaten einige dieser Verbrechen begangen haben sollten, muss man sich des rassistischen Narrativs bewusst sein, das durch solche Geschichten verbreitet wird. Auch der Tatsache, dass es – gewollt oder ungewollt – von denjenigen ablenkt, die in der Hierarchie weiter oben stehen, die tatsächlich für die Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht verantwortlich sind und die Entscheidungen für diese Kriegsverbrechen getroffen haben.

Teile und herrsche

Die Bewegung der indigenen Völker in Russland ist gespalten

Auf der einen Seite gibt es die Vereinigung der indigenen Völker des Nordens (RAIPON), einst ein vehementer Verfechter indigener Rechte. Ihre Rolle beschränkte sich in den letzten zehn Jahren größtenteils darauf, die Entscheidungen der Regierung gutzuheißen. 2013 geriet die Organisation vollständig unter die Kontrolle des Regimes. Damals wurde Grigorij Ledkow, ein Abgeordneter der Regierungspartei „Einiges Russland“, von der russischen Regierung an die Spitze von RAIPON berufen. Bis heute ist Ledkow Präsident der Organisation und beansprucht als solcher den Alleinvertretungsanspruch für 41 indigene Völker Nordrusslands, Sibiriens und des Fernen Ostens auf nationaler und internationaler Ebene.

Der andere „Flügel“ der indigenen Bewegung wird hauptsächlich durch das „Aborigene Forum“ vertreten. Dieses Forum ist ein informelles Bündnis unabhängiger indigener AktivistInnen, Organisationen und ExpertInnen für die Rechte indigener Völker. Es entstand als Reaktion auf die faktische Übernahme von RAIPON durch die Regierungspartei „Einiges Russland“.

Diese Spaltung der Bewegung hält bis heute an und wurde durch den Krieg noch verstärkt.

In einer Erklärung vom 1. März an den russischen Präsidenten erklärt Raipon ihre volle Unterstützung für die „besondere militärische Operation“ in der Ukraine. Das Dokument wurde von den Führern der 33 regionalen Mitglieder von RAIPON unterzeichnet, von denen viele für Regierungsstellen arbeiten. Am 3. März schloss sich RAIPON eine weitere regierungsnahe indigene Organisation an, die Vereinigung der finno-ugrischen Völker. Auch sie unterstützen den Krieg der russischen Führung.

Als Reaktion auf diese Entwicklung gründeten im Exil lebende indigene AktivistInnen aus Russland ihr Internationales Komitee indigener Völker Russlands (ICIPR). Das Komiteewendet sich ausdrücklich gegen die von RAIPON verbreitete Propaganda der russischen Regierung.

Trotz der politischen Verfolgung und Schikanen halten die Exil-AktivistInnen des ICIPR enge Kontakte zu ihren Gemeinschaften und Völkern. Sie wollen für ihre im Land verbliebenen indigenen Brüdern und Schwestern eine öffentliche Stimme sein.

Seit der Gründung der ICIPR versucht RAIPON mit großem Aufwand die neu gegründete Organisation und ihre einzelnen Mitglieder zu diskreditieren. Sie stellen die Legitimität der ICIPR und der Exil-AktivistInnen in Frage.

Die polarisierende Haltung gegenüber dem Krieg ist auch unter den indigenen Völkern in ganz Russland zunehmend spürbar. Die weit verbreitete Desinformation und die Schwierigkeit, in abgelegenen Regionen an unabhängige Informationen zu gelangen, führen unter anderem zu einer Spaltung der Bewegung. Angesichts der immer repressiver werdenden Gesetze sind indigene AktivistInnen zunehmend einer wachsenden Bedrohungausgesetzt. Die Behörden üben Druck auf Gemeinden und AktivistInnen aus, damit sie sich fügen, da sie andernfalls eine Strafverfolgung befürchten müssen.

Schließlich werden die Gemeinschaften nach Angaben indigener Quellen häufig für Propagandazwecke missbraucht. Dies geschah beispielsweise auf der Kola-Halbinsel, wo Mitglieder einer Gemeinschaft von den örtlichen Behörden unter falschem Vorwand zu einem Treffen eingeladen und dann gezwungen wurden, an einer Aufführung mit militaristischer Symbolik teilzunehmen. Russland betrachtet indigene Völker als Untertanen, die es nicht verdienen, respektiert zu werden.

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