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„Jesiden in der Sindschar-Region auf der Flucht: Machtpolitik auf dem Rücken der Bevölkerung“

VOICES-Kolumne im "Der Nordschleswiger": Aktuell spielt sich – weitestgehend von der Weltöffentlichkeit unbeobachtet – ein Drama ab, das schlimmste Erinnerungen an das Jahr 2014 weckt. Tausende Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden sind zum Spielball internationaler sowie regionaler Interessen geworden und fürchten um ihr Leben, schreibt Jan Diedrichsen in seiner Kolumne.

Krimtatare inhaftiert, weil er die Wahrheit über den Krieg berichtet

Viele Krimtataren haben bereits nach dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine im Jahr 2014 und die Besatzung der Krim ihre Heimat verlassen. Die GfbV hat in der Zeit der beginnenden russischen Aggression intensiv das Schicksal der Krimtataren begleitet. Heute sind die Krimtataren beinah gänzlich aus dem Fokus verschwunden Der Druck auf die verbliebenden politischen Akteure bleibt jedoch enorm.

Der chilenische Verfassungskonvent beschließt erste Artikel

Der chilenische Verfassungskonvent hat nach sechsmonatiger Arbeit die ersten Artikel für die neue Verfassung beschlossen. Kaum vorgelegt, sorgen die Entwürfe für Aufregung, ist doch von Justizsystemen die Rede. Die Mapuche beispielsweise drängen auf ihre autonome Gerichtsbarkeit. Der Konvent scheint das selbstgesetzte Ziel anzustreben, die Plurinationalität und damit die Anerkennung der Ureinwohner.

Erschienen als Kolumne VOICES – MINDERHEITEN WELTWEIT im „Der Nordschleswiger“ 

Von Jan Diedrichsen

Papst Franziskus hat sich in der Nähe des Geländes zweier ehemaliger Internatsschulen in Maskwacis, Alberta in Kanada entschuldigt: „Mit Scham und in aller Eindeutigkeit bitte ich demütig um Vergebung für das Böse, das so viele Christen an den indigenen Völkern begangen haben.“

Die päpstliche Ansprache an die First Nations, Metis und Inuit war die erste Entschuldigung in der Heimat der Betroffenen. Franziskus wandte sich an die indigenen Gruppen in den Bear Park Pow-Wow Grounds, einem Teil des angestammten Gebiets der Cree, Dene, Blackfoot, Saulteaux und Nakota Sioux.

Massengräber und Missbrauch

Hintergrund für die Bußwallfahrt des Papstes waren die im vergangenen Jahr entdeckten Massengräber, die ein System des Missbrauchs sichtbar machten und die Welt erschütterten.

Zwischen 1881 und 1996 wurden mehr als 150.000 indigene Kinder von ihren Familien getrennt und in Internate gesteckt. Viele Kinder wurden ausgehungert, geschlagen und sexuell missbraucht in einem System, das eine kanadische Wahrheits- und Versöhnungskommission als „kulturellen Völkermord“ bezeichnete.

Ihre Kultur und Sprache sollten den Kindern mit Gewalt ausgetrieben werden, nur so würden sie zu Gott finden. Die meisten dieser Horror-Schulen wurden im Auftrag der Regierung von römisch-katholischen Priester- und Nonnenorden geführt.

Forderung: Mehr als eine Entschuldigung

Im vergangenen Jahr wurden die sterblichen Überreste von 215 Kindern einer ehemaligen Internatsschule in British Columbia entdeckt. Seitdem wurden die mutmaßlichen Überreste von Hunderten weiterer Kinder in anderen ehemaligen Internatsschulen im ganzen Land entdeckt.

Viele Überlebende und indigene Vertreterinnen fordern mehr als nur eine Entschuldigung. Sie fordern auch eine finanzielle Entschädigung, die Rückgabe von Artefakten, die von Missionaren an den Vatikan geschickt wurden, sowie die Unterstützung bei der Strafverfolgung eines mutmaßlichen Missbrauchstäters, der heute unbehelligt in Frankreich lebt.

Koloniale Vergangenheit

Nein, die Situation der indigenen Bevölkerung Grönlands lässt sich nicht mit dem oben beschriebenen kirchlich sanktionierten Demütigungsregime an Inuit, First Nations und Metis vergleichen.

Doch auch Dänemark muss sich seiner kolonialen Vergangenheit stellen, auch wenn dies am eigenen Selbstbild als Nation rütteln mag. Denn Dänemark war mit Blick auf die koloniale Vergangenheit des Landes ebenfalls Täter.

Die Situation der Menschen in Grönland macht noch heute sprachlos. Wie so oft werden komplexe Situationen erst in Romanform greifbar: Die Gewinnerin des Literaturpreises des Nordischen Rates 2021, die 31-jährige Autorin Niviaq Korneliussen hat in ihrem Roman „Blomsterdalen“ das angespannte Verhältnis zu Dänemark und den Kampf um die grönländische Identität und Kultur in einer postkolonialen Realität thematisiert.

Grotesk hohe Selbstmordrate

Das Hauptaugenmerk liegt auf der grotesk hohen Selbstmordrate. Eine Selbstmordrate, vor allem unter den Jugendlichen, von der man annimmt, dass sie die höchste weltweit ist.

Historikerinnen und Journalisten berichten derweil Erschütterndes: 22 grönländische Kinder wurden aus ihren Familien gerissen und im Rahmen eines sozialen Experiments nach Dänemark geschickt. Ziel des staatlich sanktionierten Plans war es, die Kinder aus ihren sozialen Kontexten zu lösen und in eine künftige „dänisch-sprachige Elite“ auf Grönland „umzuwandeln“. (Siehe mehr hier bei VOICES)

Staatlich sanktionierte Verbrechen

Ganz aktuell in einem sprachlos machenden Podcast „Spiralkampagnen“ von Danmarks Radio wird die Geschichte der demütigenden Zwangsverhütung grönländischer Frauen beschrieben, um die Geburtenrate der „Eingeborenen“ zu senken. Dies sind unzweifelhaft staatlich sanktionierte Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Dänemark muss sich – wie alle ehemaligen Kolonialreiche – der eigenen Geschichte stellen. Das Eingeständnis, Schuld auf sich geladen zu haben, ist dabei das Mindeste. Verantwortung übernehmen, auch finanzieller Art sollte das Ziel sein.