Verharmlosung des Völkermordes in Srebrenica: Bundespräsident Steinmeier zieht Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz an den Historiker Gideon Greif zurück

Von Jan Diedrichsen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wollte am 10. November 2021 den israelischen Historiker Gideon Greif für sein wissenschaftliches Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz auszeichnen. Die Ehrung wurde kurzerhand verschoben und nun, wie von bosnischen Medien berichtet, wieder zurückgenommen.

 

VOICES berichtete:

Bundesverdienstkreuz für Gideon Greif? Eine fragwürdige Ehrung des israelischen Historikers  

 

Bundeskanzler Frank-Walter Steinmeier hat am Mittwoch in einem Brief an Esnaf Begic, den Vorstandsvorsitzenden des Islamischen Kollegs Osnabrück, mitgeteilt, dass das Auswärtige Amt seine Entscheidung über die Vergabe von Greif rückgängig gemacht habe.

Die Einstellung Greifs für den Orden hatte nicht zuletzt in Bosnien und Herzegowina für Proteste gesorgt. Grund dafür ist dessen Rolle als Vorsitzender einer 2019 von der nationalistischen Regierung der bosnischen Teilrepublik „Republika Srpska“ eingesetzten, sogenannten ´Unabhängigen internationalen Untersuchungskommission zum Leiden aller Menschen in der Region Srebrenica zwischen 1992 und 1995`“.

Kein Genozid in Srebrenica? 

Im Sommer legte diese Kommission einen mehr als 1100-seitigen Abschlussbericht vor und kam zum Schluss, dass von einem Genozid an bosnischen Muslimen in Srebrenica keine Rede sein könne. Begründung: weil sich unter den Opfern auch zahlreiche Serben befunden hätten.

Die Kommission hatte der führende Politiker der bosnischen Serben-Republik, Milorad Dodik, eingesetzt. Dodik betreibt die Abspaltung der Serben-Republik aus dem bosnischen Staatenverband.

 

VOICES berichtete

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„Serbische Welt statt Großserbien“ – Seit Monaten warnt die GfbV-Sektion Bosnien vor neuen Konflikten

 

Mehrere Urteile des Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunals für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag stufen die Verbrechen als Völkermord ein. Der Bericht widerspricht den Ermittlungen des Internationalen Jugoslawien-Tribunals der UNO in Den Haag. Das Tribunal und eine ganze Reihe von Fachleuten belegten detailliert, dass in Srebrenica ein Völkermord verübt wurde.

Der bis Ende Juli amtierende Hohe Repräsentant der internationalen Gemeinschaft in Bosnien, Valentin Inzko, machte die Leugnung des Völkermords von Srebrenica – aber auch anderer Kriegsverbrechen im Bosnien-Krieg (1992-1995) – zu einem strafrechtlichen Vergehen.

 

VOICES berichtete

Doch noch ein Abschiedsgeschenk von Valentin Inzko: Leugnung des Völkermordes per Dekret unter Strafe gestellt

 

 „Peinlich für die Wissenschaft“

Die Reaktion auf den Bericht der serbischen Kommission, unterschrieben vom Historiker Greif, war harsch. Menachem Rosensaft, stellvertretender Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses, bezeichnete den Kommissions-Bericht als „peinlich für die Wissenschaft“, zitiert die „Jüdische Allgemeine“ den Juristen und Historiker Rosensaft: „Als Sohn von zwei Überlebenden von Auschwitz und Bergen-Belsen […] bin ich besonders entsetzt über die schamlose Manipulation der Wahrheit in diesem Bericht“, schrieb Rosensaft in einem Beitrag für »Just Security«.

Rosensaft warf Greif vor, mit seinem Kommissions-Bericht Verharmloser des Srebrenica-Massenmordes zu legitimieren. Laut dem Historiker Rosensaft ließen Greif und seine Kommission zahlreiche Erkenntnisse einfach unerwähnt. Rosensaft forderte deshalb dazu auf, den Bericht in den „Mülleimer der Geschichte“ zu werfen. Für Rosensaft zeigt dieses Beispiel einmal mehr, dass sich einige Personen zu „nützlichen Idioten“ machten, welche sogar vor der Leugnung von Völkermord nicht zurückschreckten“ die scharfe Kritik.

Der so kritisierte Greif verteidigte in vielen Interviews die Untersuchung der von ihm geführten Kommission. Er widersprach heftig, dass diese gar nicht unabhängig gewesen sein soll. Außerdem pochte er auf seine wissenschaftliche Professionalität.

„Diese Auszeichnung für Herrn Greif wäre ein Schlag ins Gesicht der Überlebenden und der Nachkommen der Opfer von Srebrenica“, erklärte Jasna Causevic, GfbV-Referentin Genozid-Prävention und Schutzverantwortung und richtet sich damit direkt in einem Schreiben an den Bundespräsidenten.

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