Bundesverdienstkreuz für Gideon Greif? Eine fragwürdige Ehrung des israelischen Historikers  

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Von Wolfgang Mayr

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wollte am 10. November den israelischen Historiker Gideon Greif für sein wissenschaftliches Lebenswerk ehren. Mit dem Bundesverdienstkreuz. Die Ehrung aber wurde kurzerhand verschoben, schreibt die „Jüdische Allgemeine“. Aus unvorhergesehenen internen Gründen, zitiert die Zeitung aus einer Mail der israelischen Botschaft.

Die „Jüdische Allgemeine“ scheint die Gründe für den Aufschub zu kennen. Doch der Reihe nach. Der Historiker Gideon Greif veröffentlichte 1995 sein Standardwerk über das angebliche „Sonderkommando“ bestehend aus jüdischen Häftlingen, die von der SS als Helfer zur Ermordung von Juden in Auschwitz-Birkenau zwangsrekrutiert worden waren. Das internationale Aufsehen darüber war groß.

Mit Laurence Weinbaum und Colin McPherson schrieb Greif das Buch „Die Jeckes – deutsche Juden in Israel erzählen“. 66 Einzelpersonen und Paare erzählen über ihre Flucht aus Nazi-Deutschland und berichten über ihren Neuanfang in Palästina.

Gideon Greif ist Sohn von „Jeckes“, geboren 1951 in Tel Aviv. Der studierte Historiker arbeitete zwischen 1983 und 2009 an der International School for Holocaust Studies der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Außerdem war er an verschiedenen Universitäten Gastdozent für Geschichte.

Greif, umstritten auf dem Balkan

Gideon Greif, zweifelsohne ein ausgewiesener Fachmann für die Shoah. Berichte bosnischer Zeitungen aber sorgten für Zweifel. So schreibt die „Jüdische Allgemeine“ nach den bosnischen Presseberichten: „Gideon Greif ist auf dem Balkan eine umstrittene Figur. Grund dafür ist seine Rolle als Vorsitzender einer 2019 von der nationalistischen Regierung der bosnischen Teilrepublik „Republika Srpska“ eingesetzten, sogenannten ´Unabhängigen internationalen Untersuchungskommission zum Leiden aller Menschen in der Region Srebrenica zwischen 1992 und 1995`“. Der Name dieser angeblichen unabhängigen Kommission nimmt in gewisser Weise bereits das Endergebnis vorweg, spöttelte die „Jüdische Allgemeine“.

„Diese Auszeichnung für Herrn Greif wäre ein Schlag ins Gesicht der Überlebenden und der Nachkommen der Opfer von Srebrenica“, erklärt Jasna Causevic, GfbV-Referentin Genozid-Prävention und Schutzverantwortung und richtet sich damit direkt in einem Schreiben an den Bundespräsidenten.

Kein Genozid in Srebrenica? 

Im Sommer legte diese Kommission einen mehr als 1100-seitigen Abschlussbericht vor und kam zum Schluss, dass von einem Genozid an bosnischen Muslimen in Srebrenica keine Rede sein könne. Begründung: weil sich unter den Opfern auch zahlreiche Serben befunden hätten.

Dieser Bericht widerspricht absolut konträr den Ermittlungen des Internationalen Jugoslawien-Tribunals der UNO in Den Haag. Das Tribunal und eine ganze Reihe von Fachleuten belegten detailliert, dass in Srebrenica ein Völkermord verübt wurde.

„Peinlich für die Wissenschaft“

Die Reaktion auf den Bericht der serbischen Kommission, unterschrieben vom Historiker Greif, war harsch. Menachem Rosensaft, stellvertretender Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses, bezeichnete den Kommissions-Bericht als „peinlich für die Wissenschaft“, zitiert die „Jüdische Allgemeine“ den Juristen und Historiker Rosensaft: „Als Sohn von zwei Überlebenden von Auschwitz und Bergen-Belsen […] bin ich besonders entsetzt über die schamlose Manipulation der Wahrheit in diesem Bericht“, schrieb Rosensaft in einem Beitrag für »Just Security«.

Rosensaft warf Greif vor, mit seinem Kommissions-Bericht Verharmloser des Srebrenica-Massenmordes zu legitimieren. Laut dem Historiker Rosensaft ließen Greif und seine Kommission zahlreiche Erkenntnisse einfach unerwähnt. Rosensaft forderte deshalb dazu auf, den Bericht in den „Mülleimer der Geschichte“ zu werfen. Für Rosensaft zeigt dieses Beispiel einmal mehr, dass sich einige Personen zu „nützlichen Idioten“ machten, welche sogar vor der Leugnung von Völkermord nicht zurückschreckten, wiederholt die „Jüdische Aussage“ die scharfe Kritik.

Der so kritisierte Greif verteidigte in vielen Interviews die Untersuchung der von ihm geführten Kommission. Er widersprach heftig, dass diese gar nicht unabhängig gewesen sein soll. Außerdem pochte er auf seine wissenschaftliche Professionalität.

„Eine unmenschliche Entscheidung“

Der Leiter des bosnischen Instituts für Genozidforschung, Emir Ramic, kritisierte deshalb die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Gideon Greif. Für Ramic eine unmenschliche Entscheidung. Die „Belohnung eines Völkermordleugners“ kommt einem „Verbrechen“ gleich, findet Ramic drastische Worte und forderte die Rücknahme der Entscheidung.

In Bosnien und in Israel wundern sich ExpertInnen, dass die Bundesrepublik Gideon Greif mit dem höchsten deutschen Verdienstorden ehren will. Laut einer Meldung der Deutschen Presseagentur dpa wird die Verleihung des Verdienstordens an den israelischen Historiker Gideon Greif in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt derzeit einer neuerlichen Prüfung unterzogen. Die Proteste sorgten also bereits für eine Aufschub der Ehrung.

Quelle: Jüdische Allgemeine

UN-Gerichtshof in Den Haag: Das Jugoslawien-Tribunal – eine Bilanz – Politik – Tagesspiegel

Microsoft Word – ADK 137 Die „Srebrenica-Entscheidung“ des Internationalen … (deutscharmenischegesellschaft.de)

Internationaler Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien – Wikipedia

Memo112020.cdr (gfbv.de)

Israeli Historian Gideon Greif: No Genocide Committed in Srebrenica – Bing video

2019.02.07. Gideon Greif about Srebrenica. – Bing video

Augenzeugen des Völkermordes | Europa | DW | 06.04.2012

Roy Gutman | The Washington Institute

Krieg gegen Frauen – 3sat | programm.ARD.de

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