Verfälschte Geschichte – Putin und die unfolgsame Ukraine

Von Wolfgang Mayr

Der russische Präsident Putin versucht sich als Historiker. Mit seiner Geschichtsschreibung untermauert Putin seine anti-ukrainische Politik. Am 12. Juli ver­öf­fent­lichte er einen Essay über die his­to­ri­schen Bezie­hun­gen zwi­schen Russen und Ukrai­nern. Putin leitet aus der gemein­sa­men Geschichte der beiden Völker in der mit­tel­al­ter­li­chen Kyjiwer Rus sein Konzept ab, dass Russen und Ukrai­ner in einem „spi­ri­tu­el­len Raum“ lebten und ein Volk sind.

Martin Schulze Wessel, Pro­fes­sor für Geschichte Ost- und Süd­ost­eu­ro­pas an der Ludwig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät München und Co-Vor­sit­zen­der der Deutsch-Ukrai­ni­schen Historikerkommission, widerspricht auf „Ukraine verstehen“ dem geschichtsschreibenden russischen Präsidenten (siehe link: Putins bedroh­li­che alter­na­tive Geschichtsschreibung – ukraineverstehen.de).  Daraus einige Auszüge:

Über die Funk­tion des Textes kann kaum ein Zweifel bestehen: Er enthält eine unver­hüllte Drohung an die Ukraine und warnt Kyjiw vor der Ver­bin­dung mit den west­li­chen Staaten, die Putin als sys­te­ma­ti­sche Feinde der Einheit von Russen und Ukrainern dar­stellt.

Ein apo­ka­lyp­ti­sches Sze­na­rio zeich­net er für den – ohne tatsäch­li­che Grund­lage ange­nom­me­nen – Fall einer erzwungenen Assi­mi­la­tion der in der Ukraine leben­den Russen. Dies komme, so Putin, „der Anwen­dung von Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen gegen uns“ gleich. Wie bei der Anne­xion der Krim könnte der Hinweis auf die Schutz­be­dürf­tig­keit der in der Ukraine leben­den Russen als Legi­ti­ma­tion für eine künf­tige Inter­ven­tion dienen.

Geschichts­for­schung unter Strafandrohung

Neue Insti­tu­tio­nen wurden geschaf­fen, um der staat­li­chen Sicht auf die Geschichte Geltung zu ver­schaf­fen. So wurde z.B. in der rus­si­schen Staats­an­walt­schaft 2020 eine eigene Abtei­lung für die Ver­tei­di­gung der offi­zi­el­len his­to­ri­schen Wahr­heit gegrün­det, die auch über straf­recht­li­che Mittel verfügt. Geschichts­klit­te­rung spielte eine große Rolle, als der Kreml die Krim als ver­meint­lich urrus­si­sches Gebiet annek­tierte und den Ukrai­nern auf dem Maidan faschis­ti­sche Tra­di­tio­nen andich­tete.

Heute legi­ti­miert Putin seine aggres­sive Ukraine-Politik mit dem alten impe­­rial-rus­­si­­schen Nar­ra­tiv der Wie­der­her­stel­lung und Erhal­tung der Einheit der ost­sla­wi­schen ortho­do­xen Völker.

Wider­spruch aus der Ukraine

Ukrai­ni­sche His­to­ri­ker ver­bin­den die Kyjiwer Rus eng mit Staats­ge­bil­den, die sie als Vor­läu­fer der moder­nen Ukraine ansehen wie dem Groß­fürs­ten­tum Litauen, das im Spätmittelalter große Teile der bela­ru­si­schen und ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung in sich ver­einte, und dem Hetma­nat der Kosaken in der Früh­neu­zeit. Für diese Sicht auf die Geschichte gibt es gute Gründe, doch ist das rus­si­sche Nar­ra­tiv nicht nur in Russland, sondern auch in his­to­ri­schen Dar­stel­lungen im Westen sehr viel besser eta­bliert. Auf diesen unglei­chen Kenntnis­stand kann Putin sich mit seiner höchst ein­sei­ti­gen Geschichts­deu­tung stützen.

Reli­gion als natio­nal kon­sti­tu­ie­ren­der Faktor?

Putins Ver­ständ­nis von der Nation gleicht im Wesent­li­chen dem stalinistischen Konzept, doch haben sich die kon­kre­ten Merkmale der Nation ver­än­dert. Neben den Kri­te­rien der Sprache und des Ter­ri­to­ri­ums hob Stalin die Wirt­schaft hervor, während Putin die Reli­gion als Merkmal betont. Die Annahme einer über­zeit­li­chen Kon­ti­nui­tät der Nation, die Putin als eine gemein­same Groß­na­tion der Russen, Ukrainer und Bela­ru­sen begreift, lässt eigen­stän­dige natio­nale Ent­wick­lun­gen der Ukrainer und Bela­ru­sen nicht zu.

Die frühe Euro­päi­sie­rung der Ukraine und Belarus

Ukrai­ner und Bela­rus­sen waren in dem Groß­fürs­ten­tum Litauen in einen poli­ti­schen und sozia­len Wandel ein­bezo­gen, den man als eine frühe Form der Euro­päi­sie­rung begrei­fen kann. Städte wie Lemberg, Kyjiw und Minsk erhiel­ten städ­ti­sche Pri­vi­le­gien, sie gewan­nen Selbst­ver­wal­tungs­rechte und wurden in diesem Sinne zu euro­päi­schen Städten.

Adels­re­pu­blik vs. auto­kra­ti­sches Zarentum

Die struk­tu­rellen Unterschiede zwi­schen Russ­land und der Ukraine wurde vor allem im 16. Jahr­hun­dert sicht­bar, als die Adels­re­pu­blik Polen-Litauen ihre Blü­te­zeit erlebte, während in Moskau das auto­kra­ti­sche Zaren­tum dominierte. Dieser Gegen­satz ist nicht auf die schlichte Formel „euro­päi­sche Ukraine – nicht-euro­­päi­­sches Russ­land“ zu ver­kür­zen.

Der Maidan als Zäsur

Seit dem Maidan hat die Ukraine den Weg einer Euro­päi­sie­rung im Sinne der Ver­knüp­fung von Natio­nal­staat­lich­keit mit einer liberal und demo­kra­tisch ver­fass­ten Regie­rungs­form eingeschla­gen, während in Russ­land das Natio­nal­ge­fühl mit impe­ria­ler Tra­di­tion ver­bun­den ist. Selbst unter Kriegsbedingungen ist in der Ukraine eine Demo­kra­tie entstanden, die poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung unter freien Bedin­gun­gen gewähr­leis­tet. Die Ent­wick­lung der Ukraine als unab­hän­gige Nation hat dabei nichts so beför­dert wie die macht­po­li­ti­sche Her­aus­for­de­rung durch Russ­land seit der Anne­xion der Krim. Putin schreibt Geschichte in dop­pel­ten Sinn. Paradoxerweise hat er als Prä­si­dent das mit­ge­schaf­fen, was er als His­to­ri­ker nun leugnen will.

Professor Martin Schulze Wessel und Co-Vor­sit­zen­der der deutsch-ukrai­ni­schen Historikerkommission widerlegte die Putin-Thesen über die gemeinsame russisch-ukrainische Nation, (link: Putins bedroh­li­che alter­na­tive Geschichtsschreibung – ukraineverstehen.de).

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