Südsudan droht Rückkehr zum Krieg

Die Vereinten Nationen warnten am Freitag vor einer Wiederkehr des Krieges im Südsudan. Ausbrüche interethnischer Gewalt und politischer Machtkämpfe drohten derzeit selbst die begrenzten Fortschritte der Umsetzung des schwerfälligen Friedensprozesses zunichtezumachen

Salva Kiir Mayardit, President of the Republic of South Sudan, in the Blue Room during a U.S.-Africa Leaders Summit dinner at the White House, Aug. 5, 2014. (Official White House Photo by Amanda Lucidon)

Von Jan Diedrichsen

Das jüngste Land der Welt leidet seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 2011 unter chronischer Instabilität, einschließlich eines brutalen fünfjährigen Bürgerkriegs zwischen den Kräften von Präsident Salva Kiir und dessen Stellvertreter Riek Machar, der fast 400.000 Menschen das Leben kostete.

Der Südsudan ist eines der vielfältigsten Länder Afrikas. In ihm leben mehr als 60 verschiedene Volksgruppen. Die GfbV hat sich in den letzten Jahren intensiv der Entwicklung im Südsudan, der Dafur-Tragödie (West-Sudan) sowie der Demokratiebewegung im Sudan gewidmet.

 

Lesen Sie aus dem Archiv der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) zum Südsudan:

Unpunished crimes against humanity in South Sudan. African Union fails in the struggle against impunity

Südsudan: Unter EU-Sanktionen stehender General wird stellvertretender Verteidigungsminister. Düstere Perspektiven für Frieden und Gerechtigkeit

South Sudan: “National Dialogue” becomes a farce. STP calls for comprehensive peace process

 

Das Abkommen von 2018, das den Krieg beendete, wurde durch Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Parteien zunichtegemacht.

Wichtige Bestimmungen harren der Umsetzung – alles keine guten Vorzeichen für die in weniger als einem Jahr vorgesehene Wahl.

Es besteht ein echtes Risiko, dass der Konflikt wieder aufflammt“, sagte Yasmin Sooka, Vorsitzende der UN-Menschenrechtskommission im Südsudan, am Freitag vor Journalisten bei einem Besuch im Land.

Die Tatsache, dass es nicht gelungen sei, ein einheitliches Kommando der Streitkräfte zu bilden – ein Schlüsselelement des Friedensabkommens – hat nach Angaben der UNO zu einer Situation geführt, in den weiterhin unkontrollierbare Gewaltausbrüche immanent sind.

Zweiunddreißig Menschen, darunter auch Kinder, wurden im vergangenen Monat bei bewaffneten Angriffen im Bundesstaat Jonglei getötet.

Die politische Instabilität hat die Herausforderungen noch vergrößert. Machar sieht sich einer wachsenden Opposition in seinen eigenen Reihen gegenüber, da sich Spitzenkader darüber beklagen, gegenüber Kiirs Lager an Boden zu verlieren.

Die wackelige Allianz der beiden wurde im August erneut bedroht, als Kämpfe zwischen rivalisierenden Fraktionen in Machars Bündnis ausbrachen, bei denen mindestens 32 Menschen starben.

Machar erklärte, die Zusammenstöße zielten darauf ab, die Bildung einer einheitlichen Armee zu verhindern, die nach wie vor ein wichtiger Streitpunkt zwischen ihm und Kiir darstellt, da sich die Gruppierungen noch nicht auf eine Machtteilung in dieser Frage einigen konnten.

Der Südsudan hat seit seiner hart erkämpften Unabhängigkeit vom Sudan im Juli 2011 mit Krieg, Hungersnot und politischen sowie wirtschaftlichen Krisen zu kämpfen.

Angesichts der wachsenden Unzufriedenheit haben einige Bürger zu einem gewaltfreien Volksaufstand aufgerufen. Ziel ist es, das derzeitige Regime zu stürzen.

Die Behörden sind jedoch hart gegen diese Proteste vorgegangen.

„Mitglieder der südsudanesischen Zivilgesellschaft haben uns berichtet, sie hätten Angst, über die Menschenrechtslage zu sprechen. Sie fürchten Vergeltungsmaßnahmen der staatlichen Sicherheitsdienste, die in der Vergangenheit politische Meinungsäußerungen gewaltsam unterdrückt haben“, so die UN in einer Erklärung vom Freitag.

Südsudan

Der Südsudan erlangte am 9. Juli 2011 seine Unabhängigkeit vom Sudan als Ergebnis eines Abkommens aus dem Jahr 2005, das den am längsten andauernden Bürgerkrieg in Afrika beendete.

Der Südsudan, der aus den 10 südlichsten Bundesstaaten des Sudan besteht, ist eines der vielfältigsten Länder Afrikas. In ihm leben mehr als 60 verschiedene ethnische Gruppen, und die Mehrheit der Bevölkerung folgt traditionellen Religionen.

Die größten ethnischen Gruppen im Südsudan sind die Dinka mit mehr als einer Million Einwohnern (insgesamt etwa 15 %), die Nuer (etwa 5 %), die Bari und die Azande. Die Shilluk bilden einen historisch einflussreichen Staat entlang des Weißen Nils, und ihre Sprache ist relativ eng mit der der Dinka und Nuer verwandt. Die traditionellen Territorien der Shilluk und der nordöstlichen Dinka grenzen aneinander. Derzeit leben rund 800 000 Auswanderer vom Horn von Afrika im Südsudan.

Die Unabhängigkeit hat den Auseinandersetzungen im Südsudan kein Ende gesetzt. Im Jahr 2013 brach ein Bürgerkrieg aus. Der Präsident überwarf sich mit seinem Vizepräsidenten. Dies führte zu einem Konflikt, durch den rund 4 Millionen Menschen vertrieben wurden.

Im August 2018 wurde ein Abkommen zur Teilung der Macht zwischen den Kriegsparteien unterzeichnet. Dies sollte den fünfjährigen Bürgerkrieg beenden.

Salva Kiir Mayardit wurde 2005 Präsident des Südsudan – damals noch Teil des Sudan – und Chef der sudanesischen Volksbefreiungsbewegung (SPLM). Er trat die Nachfolge des langjährigen Rebellenführers John Garang an, der bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kam.

Im April 2010 wurde Kiir in Mehrparteienwahlen im Süden des Landes erneut zum Präsidenten gewählt. Im Juli 2011, als der Südsudan unabhängig wurde, wurde er Präsident des neuen Staates.

Nur zwei Jahre später wurde das Land jedoch von einem Bürgerkrieg heimgesucht, als Kiir sein gesamtes Kabinett entließ und Vizepräsident Riek Machar beschuldigte, einen gescheiterten Putsch angezettelt zu haben.

Im August 2018, nach fünf Jahren Bürgerkrieg, unterzeichnete Kiir ein Abkommen zur Teilung der Macht mit Rebellenführer Machar und anderen Oppositionsgruppen, um den brutalen Konflikt zu beenden.

 

Einige wichtige Daten in der Geschichte des Südsudan:

1956 – Der Sudan wird unabhängig, aber die südlichen Bundesstaaten sind unzufrieden mit ihrer mangelnden Autonomie. Die Spannungen entluden sich in Kampfhandlungen. Diese dauerten bis 1972 an, als dem Süden ein gewisses Maß an Selbstverwaltung zugesagt wird.

1983 – Die Kämpfe beginnen erneut, nachdem die sudanesische Regierung die Autonomieregelung aufgehoben hat.

2011 – Der Südsudan wird nach über 20 Jahren Guerillakrieg, der mindestens 1,5 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, und mehr als vier Millionen Vertriebenen ein unabhängiges Land.

2012 – Nach Unstimmigkeiten mit dem Sudan über die ölreiche Region Abyei kommt es zu Kämpfen, die als Heglig-Krise bekannt werden. Im Juni 2012 wurde ein Friedensabkommen geschlossen. Dies ermöglichte die Wiederaufnahme der südsudanesischen Ölexporte. Eine 10 km lange entmilitarisierte Zone entlang der Grenze wurde geschaffen.

2013 – Der Bürgerkrieg bricht aus, nachdem Präsident Salva Kiir das Kabinett entlässt und Vizepräsident Riek Machar beschuldigt, einen gescheiterten Putsch zu planen. Über 2,2 Millionen Menschen werden durch die Kämpfe vertrieben. Eine schwere Hungersnot bedroht das Leben Tausender.

2018 – Ein erneuter Versuch, den Bürgerkrieg zu beenden, führt zu einem Abkommen über die Teilung der Macht zwischen den Kriegsparteien.

Jan Diedrichsen, 2/2022

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