„Stimmen aus der Hölle“

Zeugenaussagen ukrainischer Roma über den russischen Eroberungskrieg

Von Wolfgang Mayr

Der Brüsseler Anti-Diskriminierungszentrum ADC Memorial berichtet seit Beginn der russischen Aggression und Feindseligkeiten in der Ukraine 2014 kontinuierlich über die Lage der Roma in der Konfliktzone.

2015 veröffentlichte ADC Memorial seinen Menschenrechtsbericht „Roma and War“, ergänzt und erweitert durch den „For Today, They Don’t Seem to Shooting“. Darin gebündelt Informationen über die Frontsiedlungen in den Jahren 2016-2017.

All das wird inzwischen in den Schatten des russischen Eroberungskrieges in der Ukraine gestellt. ADC Memorial legte einen den BerichtStimmen aus der Hölle“ vor.

Roma leben in allen Regionen der Ukraine, aber meistens in ländlichen Ortschaften. Das Leben in vielen Tabors, wie dicht besiedelte Roma-Siedlungen im Volksmund genannt werden, war schon immer schwierig, arm und isoliert. Das gilt für die Sowjet-Zeit, aber auch für den ukrainischen Frühling, für das demokratische Experiment.

Roma-Kinder besuchten kaum Schulen, die soziale Integration über die Bildung war somit unterbunden. Diskriminierung und soziale Ausgrenzung verschärften die Armut. Ein Teufelskreis hin zur weiteren Marginalisierung, mit allen Begleiterscheinungen.

Die soziale Misere verschärfte in den vergangenen zwei Jahren die Pandemie. Die überfüllten Tabors wurden zu riesigen hot spots, Brennpunkten sozialer und medizinischer Tragödien. Roma wurden kaum geimpft, sie wurden auch kaum medizinisch betreut. Viele alten Menschen starben.

In die grassierende Pandemie hinein „platzte“ der russische Krieg. Viele Roma-Familienversuchten das Land zu verlassen, dokumentiert ADC Memorial die Flucht aus den Kriegsgebieten. Viele schafften es nicht, weil sie keine Dokumente hatten. „Wir hatten Angst, dass russische Soldaten uns töten würden, wie es die Deutschen 1941 taten“, zitiert ADC Memorial einen Roma-Flüchtling.

Der Großteil der Roma verblieb in ihren Heimatregionen, in den Oblasten Odessa, Cherson, Mariupol, im Donbass. In Odessa hilft die NGO Winds of Change Roma-Frauen und -Mädchen, diese wiederum versorgen die ukrainischen Soldaten mit Proviant. Es gibt auch Berichte über Roma-Frauen in Odessa, die gerne ukrainische Flaggen nähen.

„Odessa wird regelmäßig vom Meer aus beschossen, die Stadt ist gefährlich und unruhig. Es wird immer schwieriger, Lebensmittel und andere Notwendigkeiten zu kaufen. Freiwillige und NGOs versuchen, Familien in schwierigen Situationen zu helfen,“ schreibt ADC Memorial.Der Krieg verschärft die Lage der Roma, kein Wasser, keine medizinische Versorgung, manchmal kein Essen. Die Vereinigung der Pioniere und die Organisation My razom unterstützten 20 große Roma-Familien.

Odessa blieb bisher von der Zerstörung verschont, Mariupol gibt es nicht mehr, ähnelt den Stadtleichen von Grozny, Aleppo, Homs. Mariupol zählte auch zu den Covid-Hochburgen, besonders grassierend unter der Roma-Bevölkerung, berichtete Roza ADC Memorial: „Nachdem Russland die Volksrepubliken Donezk und Luhansk anerkannt hatte, verstand ich, dass Mariupol beschossen wird, wenn ein Krieg beginnt. Ich sagte meiner Schwester, sie solle die Kinder nehmen und sofort gehen. Die Stadt wurde seit Beginn des Krieges bombardiert. Und es ist nicht so, dass sie nur militärische Einrichtungen bombardierten. Sie zerstörten alles: Privathäuser, Kindertagesstätten, Schulen, Krankenhäuser, alles. Viele meiner Verwandten und Freunde haben ihr Zuhause verloren.“

Roza sagte, Mariupol ist die Hölle auf Erden. Roza ist jetzt in Sicherheit, aber sie macht sich Sorgen um ihre Verwandten, die sich noch in der Ukraine befinden. Im Bericht „Stimmen aus der Hölle“ zitiert ADC Memorial die aus Mariupol stammende Zhanna; „Unser Bezirk geriet am 13. März unter schweren Beschuss. Eine gewaltige Explosion ertönte   …    Mein Mann kroch nach der Bombardierung heraus und sah, dass der zweite Stock unseres Hauses zerstört wurde   …   Die Wände wurden von Metallstücken durchbohrt. Wir verbrachten die Zeit damit, einen Weg zu finden, um zu gehen, aber das war wegen der endlosen Bombardements nicht möglich.“ Zhanna und ihrer Familie gelang dann doch die Flucht, nach Polen.

In der Nähe der russisch annektierten Krim besetzten die russischen Eroberungstruppen die Klein-Städte Ljubimowka und Kachowka im Oblast Cherson. Flüchtlinge aus diesen Städten bestätigten ADC Memorial vom Terror der Soldaten, von Übergriffen. Das bedeutet, dass die Situation der Roma katastrophal ist, beschreibt Roman (Name wurde geändert) die Folgen der russischen Besatzung.

„Es gibt eine ganze Reihe von Roma aus Charkiw, Mariupol, Cherson, Odessa und anderen Städten unter den Millionen von Ukrainern, die gezwungen waren, Zuflucht außerhalb des Landes zu suchen. Neben den Härten des Lebens als Flüchtling stoßen einige von ihnen manchmal auf Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile in den Ländern, die den unter dem Krieg leidenden Ukrainern Unterkunft und Unterstützung bieten,“ dokumentiert ADC Memorial die Schicksale der Flüchtlinge.

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