„Laufende Sezession“

Die bosnische Außenministerin schlägt Alarm, die serbischen Kantone Bosniens streben den Anschluss an Serbien an.

Von Wolfgang Mayr

Im Interview mit der Tageszeitung „Corriera della Sera“ warnt die bosnische Außenministerin Bisera Turkovic die EU. Die „Republika Srpska“ steht vor der Abspaltung von Bosnien-Herzegowina. Die EU kann diese Entwicklung stoppen, sagt Turkovic, indem sie Bosnien als Mitglied aufnimmt. Das ist auch das Instrument dafür, drängt die Außenministerin auf ein rasches Handeln, den russischen Einfluss auf dem Balkan einzudämmen.

Die Außenministerin erinnert den EU-Apparat in Brüssel aber auch daran, dass dafür nicht mehr viel Zeit bleibt. Ob diese Botschaft in der EU-Hauptstadt ankommt? Ob die Dringlichkeit auch als solche empfunden wird? Der autoritäre ungarische Ministerpräsident Orban zeigte nämlich der EU einmal mehr ihre Grenzen auf. Er verweigerte seine Zustimmung gegen weitere anti-russische Maßnahmen. Und, Orban gilt auch als Freund des serbischen Sezessionisten Milorad Dodik.

Die Befürchtungen in Sarajewo sind groß. Russland will wieder ganz groß werden, umschreibt die bosnische Außenministerin Bisera Turkovic die imperialen Pläne von Präsident Putin. Seine Armee wird ein großes Stück der Ukraine besetzten, aber auch mehr. Er wird nicht aufhören und er wird weitergehen, sorgt sich die Außenministerin. Moldawien steht auf der imperialistische Menü-Liste, präziser Transnistrien, und eben auch der Balken. Putin kreist die EU und die NATO ein.

Die EU ließ bisher die Opfer der serbischen Aggression der 1990er Jahre links liegen, zog es vor, mit Serbien über eine EU-Mitgliedschaft zu verhandeln. Serbien tanzt auf zwei Hochzeiten, sucht auch die Nähe zu Putin und Russland, lehnt die EU-Sanktionen ab. „Serbien muss entscheiden, ob EU oder Moskau“ , sagt Turkovic im Zeitungsinterview.  Die EU muss deshalb die Richtung vorgeben, drängt Bosniens Außenministerin Brüssel zu einer klaren Haltung. „Geografisch gehören wir zu Europa“, erinnert Turkovic die EU-Europäer an das europäische Bosnien . Wenn Brüssel aber nicht handelt, wird sich wohl Russland den Balkan holen.

Im Sinne Russlands handelt die Republika Srpska, warnt Außenministerin Turkovic. Die Sezession des serbischen Landesteils von Bosnien läuft bereits, die Republika aktiviert ihre eigenen Organe, koppelt sich aus dem bosnischen Staat aus, beschreibt Turkovic die Situation. Wenn Milorad Dodik bei den Wahlen im Oktober gewinnt, befürchtet die Ministerin, wird die Sezession vollzogen.

Sie ist deshalb überzeugt, dass eine bosnische EU-Mitgliedschaft die Unentschlossenen in der Republika Srpska ermutigt, gegen Dodik zu stimmen, gegen eine pro-russische und für eine EU-Politik.

Turkovic unterstützt die ukrainischen Bemühungen, ebenfalls Mitglied der EU zu werden: „Ich denke, dass beide Länder Kandidaten sein müssen, auch wir hatten vor dreißig Jahren unseren Anteil in der Verteidigung europäischer Werte wie Multikulturalismus und die Religionsfreiheit. Damals wurden mehr als 100.000 Menschen getötet. Zehntausende Frauen wurden vergewaltigt. Dies geschieht jetzt auch in der Ukraine, die um Aufnahme in die EU bittet,“ stellt sich Turkovic hinter den ukrainischen Beitrittswunsch. Für sie ist es unverständlich, wenn der deutsche Bundeskanzler von langen Verhandlungsjahren spricht. Das ist für sie eine Art Verweigerung.

Russland ließ Bosnien wissen, dass es einen EU-Betritt ablehnt, genauso die angestrebte Mitgliedschaft in der NATO. Der russische Außenminister Lawrow betrachtet beide Aufnahmewünsche als einen feindlichen. „Es ist klar, dass sie diesen Teil der Welt dominieren wollen. Sie wissen, dass sie, wenn sie Bosnien-Herzegowina kontrollieren, den gesamten Balkan kontrollieren werden“, analysiert Turkovic die Zukunft ihres Landes.

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