Jüdische Stimmen gegen deutsches Schwafeln

Wenn Deutsche sich als Opfer ermächtigen und Angegriffenen pazifistische Ratschläge erteilen.

Von Wolfgang Mayr

Alice Schwarzer, Reinhard Merkel oder Harald Welzer können der ukrainischen Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg nichts Gutes abgewinnen. Der ukrainische Widerstand gegen den Aggressor wird von den deutschen Russland-Verharmlosern gar als Eskalation in ihrem Offenen Brief an Bundeskanzler Scholz niedergeschrieben.

Dieses Briefeschreiben gipfelte in den Kongress „Ohne Nato leben“ an der Berliner Humboldt-Universität. Eine Tagung der Friedensinitiative der Linken, ihre Botschaft, „Hände weg von Russland“. Für diese Friedens-Linken gilt nicht Russland, sondern die Nato als Aggressor. Nicht Russland will die Ukraine vernichten, sondern die Nato Russland. Die logische Fortsetzung der Gedanken der erwähnten Briefschreiber an den Kanzler. Star-Redner ist Oskar Lafontaine, der die westlichen, besonders die deutsche Ukrainer-Aufrüstungs-Befürworter in das Nazi-Eck stellt.

Lafontaine wirbt für eine unabhängiges Europa zwischen Russland und den USA, „Lafontaine spricht nicht aus, was auf der Hand liegt: Dieses Europa würde die Ukraine schutzlos ihrem Schicksal überlassen. Und sich selbstgenügsam aus der Geschichte verabschieden“, kritisiert die TAZ den skurrilen Auftritt von Lafontaine.

Der ehemalige SPD-Vorsitzende, Finanzminister unter Putin-Freund Gerhard Schröder, später Linken-Politiker, geißelte die ukrainische Regierung als eine Marionettenregierung, die westliche Hilfe an sie muss begrenzt werden. Lafontaine empfiehlt den UkrainerInnen, sich sozial zu verteidigen. Um zum Frieden zu kommen, plädiert Lafontaine für eine vertragliche Abtretung der Krim und des Donbass an Russland. Lafontaine, zweifelsohne ein Anhänger des Rechts des Stärkeren.

Kein Verständnis für die Ukraine, nur deftige Kritik an der Nato, der USA, derBundesregierung und der angeblich kriegstreiberischen Heinrich-Böll-Stiftung. Aber kein einziges kritisches Wort über Russland, konnte die TAZ hören. Der Theologe Eugen Drewermann verteidigte gar Präsident Putin, er wollte den Krieg vermeiden, den Krieg hingegen wollte der Westen. Seine Botschaft an die UkrainerInnen: „„Nur die Wehrlosen bereiten den Frieden“.

Ein Georgier meldete sich auf dem Friedenskongress der Linken zaghaft zu Wort. Er wäregerne Pazifist, sagte er, nach dem er aber erleben mussten, wie das russische Militär seine Heimat niederbombte, zweifelt er am Pazifismus. Drewermann entgegnete, dass er keine Angst vor Russland haben müsse. Punkt. Über diesen arroganten Egoismus wunderte sich die TAZ, die die linken Forderungen als quergedachte Sicherheitspolitik abqualifizierte.

Gegen dieses deutsche Schwafeln meldeten sich zwei jüdische Persönlichkeiten unmissverständlich zu Wort, Richard Schneider und Achim Doerfer. Der ARD-Journalist Schneider widersprach auf der Seite des Zentrums für liberale Moderne mit überzeugenden Argumenten den alldeutschen Schwaflern: „Haben die Deut­schen nicht immer und immer wieder betont, sie hätten aus der Geschichte gelernt? Bei jeder Gele­gen­heit wird „Nie wieder!“ und „Wehret den Anfän­gen!“ gerufen. Aber hat sich irgend­je­mand mal wirk­lich Gedan­ken gemacht, was das eigent­lich bedeu­tet? Dass man Tyran­nen mit Macht, auch mili­tä­ri­scher Macht, ent­ge­gen­tre­ten muss und nicht mit Appease­ment­ver­hal­ten?“, fragt Schneider spöttisch die Gegner einer Aufrüstung der Ukraine.

Laut Schneider können die meisten Israe­lis die deut­sche Haltung nicht ver­ste­hen. Die Bundesrepublik ist „keine kleines Nischen­land mehr, in dem man es sich gemüt­lich ein­rich­ten kann, sondern eine Mit­tel­macht, das stärkste und größte Land der EU.“ Israe­li­sche Exper­ten für euro­päi­sche Politik erwarten Füh­rungs- und Gestal­tungs­wil­len besonders von Deutsch­land, ist Schneider überzeugt, gerade wenn es darum geht, einen neuen Völ­ker­mord zu verhindern.

Dieses Argument greift auch Achim Doerfer in der „Jüdischen Allgemeinen“ auf. Doerfer wirft deutsche Intellektuellen vor, sich als Opfer zu ermächtigen, um ungefragte Ratschläge zu erteilen. Offensichtlich warteten diese Intellektuellen die Debatte ab, ätzt Doerfer, bis wohin sollen die Ukrainer sich wehren? Laut diesen Intellektuellen, eine Täter-Opfer-Umkehr findet Doerfer, tragen die Ukrainer gar eine Verantwortung für ein weiteres Eskalieren des Krieges: „Manche behaupten, dies verlange der Ukraine ab, den rechten Zeitpunkt nicht zu verpassen, in dem die Waffen zu strecken seien – gemessen am Maßstab deutschen Dafürhaltens natürlich.“

Wie Schneider geht Doerfer mit diesen Deutschen hart ins Gericht. Er erinnert sie daran, dass ihre angeblichen Erfahrungen Tätererfahrungen sind. Keine Erfahrungen von Opfern, die in Notwehr um ihre Existenz kämpften mussten. Für Doerfer heißt in diesem Zusammenhang „Nie wieder“ nie wieder Wehrlosigkeit. Es geht um Menschenwürde und Freiheit, „das ist im Krieg den Angegriffenen, den Opfern, ein Menschenrecht, sie müssen entscheiden, wie sie um Würde und Freiheit kämpfen wollen. Weil nur dies, und da kommen wir tatsächlich zu militärischen Nützlichkeitserwägungen, den eigentlich Machtlosen dann doch Macht verleiht.“

Doerfer lehnt auch die Umschreibung des russischen Krieges als Krieg Putins ab. „Ein Muster, bekannt aus Jahrzehnten deutschen Wunschdenkens nach 1945. Natürlich ist nicht das gesamte russische Volk in Haftung. Aber das hört sich an, als hätte die wenigstens zuletzt wirkmächtige Täterforschung in Deutschland nie stattgefunden.“

An die Adresse der Welzer, Merkel und Schwarzer gerichtet schreibt Doerfer in der „Jüdische Allgemeinen“: „Wo einfach Frieden um jeden Preis ersehnt wird, gilt: Die Konsequenz der deutschen historischen Aggression war nicht einfach die Ächtung militärischer Gewalt, sondern die Ächtung des Angriffskrieges als Menschheitsverbrechen.“

Doefer ist angesichts der jüdischen Geschichte überzeugt, „sich als Opfer ermächtigen zu dürfen, dem Angriffskrieg auf ein ganzes Volk entgegenzutreten – das ist die Lehre aus der deutschen Geschichte.“ Die „Jüdische Allgemeine“ berichtet, dass der russische Krieg gegen die Ukraine das vielfältige jüdische Leben in der Ukraine zerstört. Die Zerstörung findet unter dem Leitmotiv der „Entnazifierung der Ukraine“ statt.

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