Zerstückelt die Ukraine

Ein ehemaliger US-amerikanischer Außenminister und ein Welt-Kommentator sind einer Meinung: Die Ukraine muss Land an Russland abtreten.

By Marsha Miller - https://www.flickr.com/photos/lbjlibrarynow/26667223635/in/album-72157667635816275/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49303627 Henry Kissinger, former U.S. Secretary of State and national security advisor for Presidents Richard Nixon and Gerald Ford, discusses the Vietnam War with LBJ Presidential Library director Mark Updegrove on Tuesday, April 26, 2016. Kissinger, who played a leading role in U.S. diplomatic and military policy during the Vietnam War, was the keynote evening speaker on the first day of the LBJ Presidential Library’s three-day Vietnam War Summit. LBJ Library photo by Marsha Miller 04/26/2016.

Von Wolfgang Mayr

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wartete der 98-jährige Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger mit einer überraschenden Empfehlung an die Ukrainer auf. Die von Russland überfallene Ukraine soll dem Aggressor die seit 2014 besetzte Krim und den Donbass überlassen.

Es ist an der Zeit, sagte der ehemalige US-Außenminister von Präsident Nixon, dass die Ukraine ernsthaft mit Russland verhandelt. Kissinger befürchtet ansonsten Aufruhr und Spannungen. Ernsthaft? Was war das denn bisher? Einmarsch, Bombardements, Kriegsverbrechen von Vergewaltigungen über Morde an Zivilisten, Zerstörung von Dörfern und Städten, Vertreibungen und Deportationen.

Kissinger warnte die westlichen Länder davor, weiter in den Krieg einzugreifen. Der Westen soll nicht zur Niederlage Russlands beitragen. Stattdessen plädiert der Friedensnobelträger kaltschnäuzig dafür, die Ukraine zu opfern. Kissinger meinte zwar, dass idealerweise die Grenze wiederhergestellt wird, wie sie einmal war. Nur, auf welche Grenze bezieht er sich?

Die Ukraine hingegen fordert die Rückgabe der Krim und des Donbass. Diese Forderung kanzelt Kissinger ab, den Krieg über diesen Punkt hinauszuführen – zitiert „Die Welt“ den ehemaligen Außenminister – wäre nicht mehr zugunsten der Freiheit der Ukraine, sondern ein neuer Krieg gegen Russland. Kissinger erteilt dem russischen Präsidenten damit die Absolution. Er darf sich die angeblich verlorenen russischen Gebiete zurückholen.

Ein Friedensnobelträger mit einer erschreckenden Botschaft. Keine besonders neue wohlgemerkt, wurde diese doch auch schon im Minsker Abkommen festgeschrieben. Deutsche Politiker empfahlen damals schon territoriale Zugeständnisse, um zum Frieden zu gelangen. Vielleicht erklärt Kissinger Dinge, die amtierende Politiker nicht zu sagen wagen, aber denken.

Welt-Kommentator Jacques Schuster  stimmt Kissinger zu. Niemand kann Russland einen Diktatfrieden vorschreiben, analysiert Schuster. Also muss es einen Kompromiss geben, empfiehlt Schuster der überfallenen Ukraine einen Kniefall vor dem Aggressor.

Der Welt-Kommentator schreibt der Ukraine de facto einen Diktatfrieden vor. Denn, wer ist schon die Ukraine? Laut dem russischen Präsidenten Putin gibt es die Ukraine nicht, genauso wenig die ukrainische Nation. Dieser Nicht-Nation kann deshalb ruhig ein Diktatfrieden zugemutet, also aufgedrückt werden. Was für eine Arroganz.

Ein weiterer Intellektueller wickelt die Ukraine ab: So schrieb der  PolitikwissenschaftlerHeribert Münkler den Ukrainern in ihr Handbuch, eine Pufferzone zu sein, die dem Frieden zu dienen hat. Eine Empfehlung gegeben in der Neuen Züricher Zeitung im vergangenen Januar. Münkler kommt jetzt in der „Die Welt“ zu dem Schluss , dass die Ukraine dabei sei, den Krieg zu verlieren. Die Ukraine werde unter die Räder kommen, wie auch immer der Krieg endet.

Auch die Herausgeber der New York Times denken in diesen neuen, alten Kategorien. Das Flaggschiff des liberalen Journalismus empfiehlt, wie Kissinger auch, der Ukraine einen Kompromiss. Begründung: Die ukrainische Verteidigung gegen den russischen Angriff ist nicht unser Krieg. Noch im März forderte die New York Times das glatte Gegenstück dazu.

Henry Kissinger und seine Verbündete im Geiste werben für Frieden, für Respekt für Russland und für die ukrainische Unterwerfung unter russische Befindlichkeiten. Nur zur Erinnerung. Als Außenminister zählte Kissinger in den 1970er Jahren zu den Strategen der entgrenzten Gewalt der US-Army im Krieg in Indochina.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.

Zurück zur Home-Seite