Wallmapu ohne Militär?

Die neue chilenische Links-Regierung setzt auf Dialog mit den Ureinwohnern statt auf Schlagstöcke, Maschinengewehre und Panzer

Von Wolfgang Mayr

In wenigen Tagen ist es soweit, das Militär und die Polizei ziehen aus der Mapuche-Region Wallmapu ab. Der Ausnahmezustand wird aufgehoben. Der neue Präsident Gabriel Broicsetzt eines seiner Versprechen zügig um. Er macht Schluss mit der jahrzehntelangen militärischen Aufrüstung der Polizei und der fast zweijährigen militärischen Besetzung von Wallmapu, mit einigen Toten, kommentiert die Soli-Plattform amerika21.

Bereits am ersten Amtstag kündigte Regierungssprecherin Camila Vallejo an, dass der Ausnahmezustand im Mapuche-Gebiet Wallmapu im südlichen Chile aufgehoben wird. Das Militär soll in den Regionen Araucanía und Bío-Bío künftig keine polizeilichen Aufgaben mehr übernehmen. Die Regierung setzt auf Dialog mit den Mapuche, beendet den Krieg niederer Intensität.

Eine Regierungs-Delegation traf sich in der Araucanía mit Vertretern der Mapuche, ein Abkommen wird angestrebt. Besprochen wurden Themen wie die fehlende Gesundheitsversorgung, Armut und die historische Ungerechtigkeit. Wie nicht anders zu erwarten, kritisierte der rechtsgerichtete Regionalgouverneur der Araucanía den Abzug des Militärs. Die Armee schützte die weißen Bauern gegen militante Mapuche-Aktivisten.

Im Wallmapu attackieren Mapuche-Militante Forst- und bäuerliche Betriebe. Die Bauern, viele deutscher Abstammung, betreiben ihre Landwirtschaft auf ehemaligen Ländereien der Mapuche. Mit ihren Eucalyptusplantagen verdrängen die Siedler die ursprüngliche Vegetation, diese Plantagen sind für die zunehmende Trockenheit verantwortlich.

Präsident Boric will die bisherige Politik der fortgesetzten Kolonialisierung beenden. Bei seiner Vereidigung bekannte sich der Präsident zu den Völkern Chiles, auch mit einer entsprechenden traditionellen Zeremonie.

In seiner Antrittsrede rückte Boric von der bisherigen Formel „Mapuche-Konflikt“ ab. Er betonte hingegen, dass es sich um einen Konflikt zwischen dem chilenischen Staat und den Mapuche handelt, die sich gegen Enteignung und Assimilierung wehren. Boric und seine Regierungsmitglieder benennen die Mapuche-Region nach ihrem Ursprungsnamen, Wallmapu und nicht „Makrozone Süden“.

Einige Mapuche-Organisationen begrüßen den angebotenen Dialog und das Verhandlungsangebot der Regierung. Radikalere Organisationen halten am bewaffneten Kampf fest. Hector Llaitul von der Coordinadora Arauco Malleco sagte in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung, sein Ziel bleibt die Selbstbestimmung der Mapuche, zu erreichen auch mit Gewalt. Die Spätfolge der brutalen Kolonialisierung durch die Spanier und ihre chilenischen Erben.

Wallmapu – Heimat der Mapuche

Die Mapuchen leben in den zentralen und südlichen Regionen von Chile und dem angrenzenden Argentinien. Ihr Name bedeutet so viel wie „Menschen der Erde“. Schätzungen zur Anzahl der Mapuche in Chile variieren zwischen 800.000 und 1,4 Millionen, womit sie die größte ethnische Minderheit im Land darstellen.

Die Mapuche sind in mehrere Gruppen unterteilt, die in unterschiedlichen Regionen beheimatet sind. Sie werden in die drei Hauptgruppen der Picunche („Volk des Nordens“), der Pehuenche („Volk des zentral-südlichen Teil Chiles“) und der Huilliche („Volk des Südens“) gegliedert. Ihre Sprache ist das Mapudungun, das nur noch von 10 bis 15 Prozent der Mapuche gesprochen wird.

Ihre Gemeinschaften sind nicht hierarchisch organisiert, Mapuche leben im Einklang mit der Natur. Indessen kommt sozialen Bindungen und Verwandtschaft eine große Bedeutung zu. Die Eigenbezeichnung Mapuche impliziert zudem eine enge Verbindung zum Land als Bestandteil der kollektiven Identität des Volkes. Es dient einerseits dem Lebensunterhalt und wird andererseits als Land der Ahnen respektiert und geschätzt.

Die Mapuche konnten sich erfolgreich sowohl gegen die Inka als auch gegen die Spanier behaupten. Im Vertrag von Killin erkannte Spanien 1641 sogar die territoriale Autonomie der Mapuche an. Zwischen 1879 und 1884 versuchte das unabhängig gewordene Chile die Mapuche endgültig zu unterwerfen und zu assimilieren. Dabei wurden zehntausende Mapuche von ihrem Land vertrieben oder getötet. Unter der Pinochet-Diktatur (1973 – 1990) wurde das Land der Mapuche in großem Stil ausgebeutet und enteignet, ihre indigenen Bewohner in Comunidades (kleine Reservate) zurückgedrängt.

Heute ist das Verhältnis zwischen dem chilenischen Staat und den Mapuche vor allem von den ungeklärten Landrechts- und Ressourcenkonflikten geprägt. Die Gemeinden der Mapuche protestieren gegen die Abholzung der Wälder, gegen Staudämme oder Bauprojekte, die die Umwelt und somit ihre Lebensgrundlage gefährden. Trotz der von Chile ratifizierten Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die besagt, dass die Einwilligung der Indigenen für jedes Projekt eingeholt werden muss, konnte die Situation der Indigenen nicht verbessert werden. Die chilenische Regierung stuft Proteste wie beispielsweise Straßenblockaden oder Landbesetzungen als „terroristische Bedrohung“ ein. Dadurch hat der Staat eine leichtere Handhabe, die Proteste zu kriminalisieren.

Innerhalb der chilenischen Bevölkerung weisen die Mapuche heute die höchste Armutsrate auf und zählen zu jenem Teil der Gesellschaft mit dem geringsten Bildungsniveau. Im alltäglichen Leben sind sie Diskriminierung und Vorurteilen ausgesetzt, vergleichbar mit den Sinti und Roma in Europa. Menschenrechtsverletzungen an den Mapuche nehmen erheblich zu. So gehören beispielsweise in der Hauptstadt Temuco der Auracanía-Region Polizeigewalt, gewaltsame Hausdurchsuchungen und Todesdrohungen zum Alltag der Mapuche.

Aus „100 Jahre Territorial-Autonomie“ von Thomas Benedikter, LIT-Verlag

 

 

 

 

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