Tag der Muttersprache: Krimtatarisch vom Aussterben bedroht

Heute wird weltweit der „Tag der Muttersprache“ der UNESCO begangenen. Ein passender Anlass, um an die Krimtataren und ihre vom Aussterben bedrohte Sprache zu erinnern.

Von Jan Diedrichsen
 
In diesen Tagen wird viel von einem drohenden Krieg gesprochen. Dabei wird ein erstes Opfer der russischen Aggression oftmals bereits vergessen oder ausgeblendet: Die Krim und die dort lebenden Krimtataren. Es waren 2014 die Krimtataren, die am lautesten dagegen protestierten, dass russische Soldaten die Halbinsel völkerrechtswidrig annektierten und bis heute als Besatzungsmacht agieren.
 
Seit der völkerrechtswidrigen Annexion verfolgen die russischen Besatzungsbehörden eine Politik der Unterdrückung und Einschüchterung, die auch vor Folter und Mord nicht Halt macht: Dutzenden Krimtataren wurde unter fadenscheinigen Vorwürfen der Prozess gemacht.  Die genaue Zahl der Verhafteten, der politischen Gefangenen, ist nicht bekannt. Die Krimtataren sind überdurchschnittlich vertreten.
 
Selbst bei denjenigen, die die Annexion als eine nicht hinnehmbare Verletzung der territorialen Integrität der Ukraine verurteilen, ist immer wieder das Argument zu vernehmen, Russland habe legitime Ansprüche auf die Krim, sie sei nur ein Geschenk Chruschtschows an die Ukraine gewesen, der eine dreihundertjährige Verbindung mit Russland unterbrach, die mit der Eingliederung der Halbinsel in das Russische Reich unter Katharina der Großen im Jahr 1783 begann.  Dieses historisch nicht haltbare Narrativ ignoriert sowohl die Multiethnizität der Krim als auch die Geschichte der Region. Das tragische Schicksal der Krimtataren wird ausgeblendet.
 
Die Deportation der gesamten krimtatarischen Bevölkerung nach Zentralasien und Sibirien unter Stalin im Jahr 1944 und die massenhafte Rückkehr, die Repatriierung seit 1991 sind die Region konstituierende historische Tatsachen. Das aktuelle brutale Vorgehen der russischen Besatzer reicht alleine schon als Grund aus, um die Annexion unter keinen Umständen durch die Hintertür als „unvermeidbare historische Tatsache“ zu legitimieren.

Die krimtatarische Sprache

Die krimtatarische Sprache ist eine kiptschakische Turksprache, die auf der Krim und in der krimtatarischen Diaspora in Usbekistan, der Türkei, Rumänien und Bulgarien sowie in kleinen Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten und Kanada gesprochen wird. Sie ist nicht mit dem eigentlichen Tatarisch zu verwechseln, das in Tatarstan und den angrenzenden Regionen Russlands gesprochen wird; die Sprachen sind zwar verwandt, gehören aber zu zwei verschiedenen Untergruppen der Kiptschak-Sprachen und sind daher nicht untereinander zu verstehen. Sie wurde stark von den nahe gelegenen Oghuz-Dialekten beeinflusst.

Ein langjähriges Verbot der krimtatarischen Sprache nach der Deportation der Krimtataren durch die sowjetische Regierung hat dazu geführt, dass die Sprache derzeit von der UNESCO zu den ernsthaft vom Aussterben bedrohten Sprachen (stark gefährdet) gezählt wird. Es wird von rund 500.000 Menschen gesprochen.

Die krimtatarische Sprache ist in der Ukraine und in Rumänien als Minderheitensprache anerkannt.

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