Regionale Früh-Faschismen: Was führte vor 100 Jahren zum Entstehen des Faschismus?

Von Wolfgang Mayr

Das Kompetenz-Zentrum für Regionalgeschichte der Freien Universität Bozen untersucht den Ursprung der verschiedenen faschistischen Bewegungen in mehreren europäischen Regionen. Thema auch einer internationalen Tagung (12. und 13. November) in Bozen. Im nächsten Jahr jährt sich zum 100. Mal die faschistische Machtübernahme durch den „Duce“ Benito Mussolini in Italien.

Der „Duce“ gilt in manchen Kreisen als großer italienischer Staatsmann, so sagte es der ehemalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Mit seiner „nationalliberalen“ Forza Italia bildete Berlusconi mit den Mussolini-Erben von der „Alleanza Nazionale“ seine Mitte-Rechts-Regierungen. Einige Gemeinden kürten Mussolini zum Ehrenbürger. Ein Bekenntnis zur eigenen Geschichte, verteidigen Politiker von „Forza Italia“ die Ehrenbürgerschaften für den „Duce“. Bei Neuwahlen würden laut Umfragen die rechtsradikalen „Frattelli d`Italia“ stärkste Kraft im Parlament werden. Lebendige Vergangenheit.

Die Historikerinnen und Historiker diskutieren auf der Tagung die Bedeutung von regionalen Ausprägungen für die Durchsetzung der faschistischen Herrschaft in der Übergangsphase bis zur Machtergreifung. Ein Schwerpunkt dabei ist das Aufeinandertreffen des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus in Südtirol.

Zwei Dutzend Historiker*innen aus Italien, Österreich, Deutschland und der Schweiz präsentieren und diskutieren neueste Forschungsergebnisse zur Bedeutung des frühen Faschismus in verschiedenen europäischen Regionen. Der Blick auf regionale Grenzfaschismen und die Frühfaschismen in Spanien und Irland ist dabei genauso ein Thema wie die Entwicklung faschistischer Herrschaft und Gewalt auf Südtiroler Ebene – also aus einer mikrohistorischen Perspektive. Verschiedene Fallstudien über den Faschismus in mehreren süditalienischen Regionen und im Tiroler Raum sowie in Vorarlberg runden die Tagung ab.

„Neben verschiedenen Veranstaltungen, die dem Thema 50 Jahre Zweites Autonomiestatut (1972–2022) gewidmet sind, steht im akademischen Jahr 2021/22 auch das Centenaire der faschistischen Machtübernahme im Mittelpunkt, die selbstredend große Auswirkungen auch auf Südtirol hatte“, schreibt Professor Oswald Überegger, Direktor des Kompetenzzentrums für Regionalgeschichte.

Der Link für den Online-Zugang zur Tagung wird nach der Registrierung via E-Mail zugesandt:

https://unibz.ungerboeck.com/PROD/emc00/PublicSignIn.aspx?&SessionID=ej5fh4fg6fe1fcpff1&Lang=ENG

Zweierlei Faschismen im Museum

Die Krypta des faschistischen Siegesdenkmales in Bozen beherbergt ein Museum zur Geschichte des faschistischen und nationalsozialistischen Totalitarismus

Für viele italienische BürgerInnen ist das Siegesdenkmal aus der faschistischen Ära ein Symbol der italianita´ der Südtiroler Landeshauptstadt. Patriotisch gesonnene Südtiroler empfinden das Siegesdenkmal als ein faschistisches Relikt.

Deutschsprachige Südtiroler interessierten sich erst spät für die Überreste des NS-„Durchgangslagers“ im Bozner Süden, das Symbol der Südtiroler Kollaboration mit den Nazis von 1943 bis 1945. Das italienische Heer feierte über Jahrzehnte am faschistischen Siegesdenkmal die „nationalen Gedenktage“ wie die Siege über Habsburg und die deutschen Nazi-Besatzer.

Der ehemalige christdemokratische Bozner Bürgermeister Salghetti versuchte die Sprengkraft des Siegesdenkmals zu entschärfen und benannte den vor faschistischer Architektur strotzenden Sieges- in Friedensplatz um. Bei einer Volksbefragung stimmte eine Mehrheit der italienischen Wählerschaft in Bozen für die Rückbenennung.

Dieses Siegesdenkmal, das über dem Museum steht, ist die Basis des Dokumentationszentrums über die Südtiroler Geschichte und ein klares Zeichen gegen den Totalitarismus, sagte Museums-Macher und Historiker Hannes Obermaier. Aufgearbeitet wurde im Museum die Geschichte Südtirols ab 1918 – Annexion durch Italien – und 1945. Befreiung, Niederlage, Kriegsende. Neutral soll die Aufarbeitung dieser Geschichte sein, alle Sichtweisen beinhalten, öffentlich verständlich.

Für Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) ist das Museum eine historische Notwendigkeit, die einen Schritt zur Normalisierung darstelle. Außerdem sei das Museum wichtig, um der Bevölkerung ein wichtiges Kapitel der Südtiroler Geschichte näher zu bringen. Durch die Zugänglichkeit werde das Denkmal von seiner ideologischen Macht befreit, so Kompatscher. „Es ist dies ein Zurückschauen, aber kein Zurückfallen“, sagte der Landeshauptmann.

„Es geht um eine Umfunktionierung: Vom Denkmal zum Mahnmal“, lobte Kompatscher die Museumsmacher. „Wir wollen aus der Geschichte lernen und wir wollen Stellung beziehen, dass wir so etwas nie wieder bei uns haben wollen.“

Der Bau wurde von Mussolini in Auftrag gegeben, um an den Sieg Italiens über Österreich im Ersten Weltkrieg zu erinnern. Deshalb ist das Siegesdenkmal für manche auch heute noch eine Provokation. Provokant tönt die lateinische Inschrift auf dem Marmorblock: „Hier an den Grenzen des Vaterlandes setze die Zeichen. Von hier aus bildeten wir die Übrigen durch Sprache, Gesetze und Künste“.

Der damalige italienische Kulturminister Dario Franceschini von der sozialdemokratischen PD würdigte bei der Eröffnung den Geist des Museums: „Die Generation, die heute 20 ist, wird ein neues Kapitel der Autonomie schreiben, in dem es vor allem um das Gemeinsame gehen wird“, sagte Franceschini. Und, Südtirol fungiert durch seine Vielfalt und die Mehrsprachigkeit als Brücke zwischen Nord und Süd.

Regionale Frühfaschismen: Tagung des Kompetenzzentrums für Regionalgeschichte / Free University of Bozen-Bolzano (unibz.it)

Home | Dokumentations-Ausstellung Siegesdenkmal

Siegesdenkmal Bozen: Sieg und Frieden – BARFUSS: Das Südtiroler Onlinemagazin

Eine Dokumentationsausstellung unter dem Siegesdenkmal – YouTube

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BAS | Von der Feuernacht zur Autonomie Widerstand

Piffrader-Relief: Vom faschistischen Denkmal zum Mahnmal – Bing video

Südtirol Kundgebung „Gegen Faschismus – Für Tirol“ 01 – Bing video

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