Ladinos blockieren Wahlsieger Castillo

Von Wolfgang Mayr

In Peru weigern sich die Nachfahren der spanischen Eroberer, die Ladinos und ihre Verbündeten, den Wahlsieg des indigenen Pedro Castillo anzuerkennen.

Bei den Präsidentenwahlen konnte sich Castillo anfangs Juni knapp durchsetzen, gegen die korrupte rechte Diktatoren-Tochter Keiko Fujimori. Das rechte Lager spricht – wie ihr US-Vorbild Trump – von Wahlfälschung. Rechtsradikale Verbündete randalierten in der Hauptstadt Lima. Sie forderten den Übergangspräsidenten auf, Neuwahlen auszurufen. „Damit sollte der Amtsantritt des linken Wahlsiegers Pedro Castillo in zwei Wochen verhindert werden,“ kommentierte das online-Magazin amerika21.

Rechtskandidatin Fujimori distanzierte sich zwar medienwirksam von der rechtsradikalen Gewalt. Sie versucht aber ihrerseits, den Amtsantritt Castillos am 28. Juli mit einer Klageserie zu verhindern. Sie erklärte, zitiert amerika21 Fujimori, sie werde den Wahlsieg von Pedro Castillo auch dann nicht anerkennen, wenn das oberste Wahlgericht seine endgültige Entscheidung treffen wird.

Seitdem kursieren in Lima Putschgerüchte. Vertreter der peruanischen Rechten schwärmen vom Sturm auf den Präsidentenpalast. Der Sturm auf den Kongress in Washington der militanten Trump-Anhänger im Januar gilt wohl als nachahmenswertes Modell.  Schützenhilfe erhalten die Rechten vom peruanischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Auf einem internationalen Forum der politischen Rechten in Madrid sprach Vargas Llosa von Wahlbetrug. Alle Handlungen, welche die Präsidentschaft Castillos stoppen würden, seien absolut gerechtfertigt, zitiert amerika21 den Schriftsteller.

Vargas Llosa warf Castillo vor, mit der linksautoritären venezolanischen Regierung in Kontakt zu stehen. Die Wahlen seien direkt aus Venezuela gesteuert worden. Der Schriftsteller bezeichnete Castillo als „antidemokratischen Kommunisten“. Die Rechtskandidatin Fujimori stehe für die liberale Demokratie.

Eine nicht nachvollziehbare Stellungnahme. In seinem neuen Roman „Harte Jahre“ rechnete Vargas Lllosa mit den Putschisten der gewählten guatemaltekischen Regierung Arbenez 1954 und ihren US-Verbündeten ab.

Inzwischen ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft gegen Fujimori wegen Verstößen gegen das Wahlrecht durch Störung und Verhinderung des Wahlprozesses. Der Diktatoren-Tochter, verurteilt wegen Korruption und Geldwäsche, werden falsche Erklärungen und Betrug in den Anträgen vorgeworfen.

Mit einem landesweiten Streik solidarisierte sich ein linkes Parteienspektrum mit Pedro Castillo. Zu dem Streik aufgerufen hatte die Nationale Front für Demokratie und Regierbarkeit aus Gewerkschaften, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Linksparteien. Sie forderten die Anerkennung Castillos als Präsidenten. Der Linkskandidat hatte am 6. Juni die Mehrheit der Stimmen bei der Präsidentschaftswahl erreicht.

Fujimori wird von peruanischen Unternehmern und einflussreichen Anwaltskanzleien unterstützt. Auch Teile des Staatsapparates stehen hinter der Diktatoren-Tochter. Das verwundert nicht. Pedro Castillo ist nicht nur Vorsitzender einer starken Gewerkschaft, er ist auch Angehöriger der indigenen Hochland-Bevölkerung.

Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen traf sich Castillo mit indigenen Vertretern, die auf einen Politikwechsel zu ihren Gunsten drängen. Castillo und die indigenen Organisationen einigten sich auf eine 13 Punkte umfassenden Erklärung. Die mit den indigenen Vertretern am 10. Mai unterschriebene Vereinbarung sieht einen neuen verfassungsgebenden Prozess vor. Wie in den Nachbarländern Ecuador und Bolivien soll die Betonung dabei auf einen „plurinationalen“ und „plurikulturellen“ Staat gelegt werden. Die peruanische Elite, die Nachfahren des Eroberers Pizzarro, grenzt die indigenen Völker systematisch aus. Die ethnisch bedingte Diskriminierung gehört zum Alltag der indigenen Menschen.

In der Übereinkunft fordern die indigenen VerteterInnen die Anerkennung indigener Gebiete, das Recht über deren Gebrauch und die Wiedergutmachung für erlittene (Umwelt-)Schäden. Die Erdölförderung im Amazonas führt beispielsweise dort zu weitreichenden Umweltschäden, die Gewinne hingegen kassieren die Unternehmen in Lima.

In Peru sind in den vergangenen vier Jahren 120 Umweltengagierte angegriffen und 800 juristisch verfolgt worden, viele davon indigener Herkunft. Diese Personengruppe soll künftig vor Übergriffen geschützt werden, schreibt amerika21.

Castillo und die indigenen Organisationen einigten sich auf die Plurinationalität des peruanischen Staates. Pedro Castillo stammt aus Chota, einer Andengemeinde in Cajamarca. Die meisten Gebirgsgegenden zählen trotz Rohstoffausbeutung mit zu den ärmsten Regionen Perus zählen, ähnlich wie der Amazonas. Der indigene James Pérez Pacaya drängte auf den Schutz der Umwelt: „Wir als indigene Bewegung sind Ressourcenbewahrer. Deshalb haben wir Castillo einen Vorschlag unterbreitet, den er in einer eventuellen Regierung berücksichtigen sollte, denn aus seiner Sicht sieht er das Amazonasgebiet ganz anders, da er unsere Realität nicht kennt,“ zitiert amerika21 aus dem Abkommen.

Die indigene Linke in den Anden-Regionen, in Equador, Peru und Bolivien, zeigte bisher wenig Verständnis für die Anliegen der indigenen Regenwald-Bewohner. Der Amazonas wird auch von der indigenen Linken als zu plündernde Rohstoffreserve gewertet. Aus diesem Grund kam es in Bolivien zwischen der ehemaligen Regierung Morales und den indigenen Amazonas-Organisationen auch immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen.

„Unser Land befindet sich heute in einem entscheidenden Moment in seiner Geschichte. Es wird festgelegt, ob wir einen gesellschaftlichen Wandel in Demokratie, in Frieden schaffen, der die verschiedenen Stimmen unseres Landes berücksichtigt, insbesondere die Stimmen derjenigen, die in all diesen Jahren unsichtbar gemacht und zum Schweigen gebracht wurden … Unser Vorschlag umfasst die Hoffnung der Völker auf Veränderung und bekräftigt einen Weg des schrittweisen, aber tiefgreifenden Wandels, der wahrhaft demokratisch und von der Suche nach Rechten und Chancen für alle, mit Gerechtigkeit und Frieden, geleitet wird,“ schreibt Castillo.

Deshalb plant Castillo eine Umschreibung der geltenden Verfassung, die Verfassung der Fujimori-Diktatur, stellt Castillo klar. Diese Verfassung lebt vom Geist des Kolonialismus, findet Castillo und erkennt die politischen und kulturellen Institutionen der indigenen Völker und bäuerlichen Gemeinschaften nicht an. Der Widerstand der Eroberer-Elite, der Großgrundbesitzer, der Industriellen, Armee und Polizei ist deshalb vehement. In ihrem Weltbild ist kein Platz für die indigenen Menschen. Trotzdem wundert sich Pedro Castillo über die Heftigkeit der Ladinos und ihrer Verbündeten.

„Ich hätte niemals gedacht, dass ein Landschullehrer, Rondero und Bauer so heftig attackiert werden würde, nur weil er eine Botschaft der Hoffnung zum Ausdruck bringt, für die Wiedergewinnung des Heimatlandes und seiner Souveränität, zum Wohl aller meiner peruanischen Geschwister. Am 28. Juli werden wir mit dem Vertrauen, das ihr mir entgegenbringt, den ersten Stein eines souveränen Heimatlandes mit Rechtssicherheit legen, in dem wir alle in Frieden mit Freiheit und sozialer Gerechtigkeit leben können“ (Zitat aus amerika21).

Castillo steht wirtschaftspolitisch in der Tradition der marxistischen lateinamerikanischen Linken. Linke wie der Brasilianer Lula, die venezuelanische Regierung, die Ortega-Brüder in Nicaragua und der Ex-Präsident von Bolivien, Evo Morales, begrüßen den Wahlsieg von Castillo. Dieser äußerte sich bisher zurückhaltend sozialdemokratisch in Wirtschaftsfragen, gar nicht marxistisch.

„Seine Werte in Bezug auf Familie, Abtreibung und Sozialethik unterscheiden sich aber von denen der meisten heutigen Linken,“ kommentiert der Tagesspiegel: „Ich werde nicht die Abtreibung legalisieren“, zitiert der Tagesspiegel Castillo nach der Wahl. „Euthanasie? Ich stimme dem nicht zu. Gleichgeschlechtliche Ehe? Noch schlechter. Die Familie kommt zuerst“, heißt es im Artikel über den 51-jährigen Castillo, der als Grundschullehrer in einer der ärmsten Provinzen Perus gearbeitet hat.

In diesen Fragen gibt es einen gar nicht so kleinen gemeinsamen Nenner mit der Rechten. Trotzdem, Castillo ist für die Pizzarro-Nachfahren eine Gefahr. Eine Gefahr deshalb, weil er die seit der Eroberung ausgegrenzten indigenen Völker gleichberechtigt am Staat beteiligen möchten. Pedro Castillo verfolgt die Vision einer gerechten Gesellschaft, formuliert in „Todas las Sangres“ von Jose´ Maria Arguedas.

„Todas las Sangres“ – Alle peruanischen Völker vereint

José María Arguedas (1911-1968) war Schriftsteller, Dichter, Pädagoge, Anthropologe, Ethnologe, Übersetzer, Journalist und Musiker. Mit seinen Übersetzungen von Quechua-Gedichten und -Erzählungen ins Spanische brachte Arguedas diesen verdrängten und verschwiegenen Reichtum dem „weißen“ Peru nahe.

Er trug maßgeblich dazu bei, dass die indigene Kunst aufgewertet wurde, besonders in der Musik und im Tanz (hayano). Seine Romane und Kurzgeschichten geben die Erfahrungen seines Lebens in der andinen Kulturwelt wieder. Er veröffentlichte mehr als 400 literarische und anthropologische Schriften. Vor ihm war die indigene Kultur der Anden mündlich (Riten, Zeremonien, mündliche Weitergabe).

Für Arguedas war es ein besonderes Anliegen, die Ungerechtigkeit zu dokumentieren. Arguedas wird mit dem Dichter Cesar Vallejo als einer der wichtigsten Vertreter der peruanischen Literatur angesehen.

Arguedas behandelt in seinen Werken den Konflikt zwischen den beiden wichtigsten Kulturen des Landes: der andinen Kultur der Quechua und Aymara und der importierten spanisch geprägten westlichen Kultur. Amerika21: „Der besondere Umstand, innerhalb zweier kultureller Traditionen, der westlichen und der indigenen aufgewachsen worden zu sein, und seine große Sensibilität, erlaubten es ihm wie keinem anderen peruanischen Intellektuellen, die komplexe Realität der indigenen Bevölkerung, mit der er sich voll identifizierte, zu verstehen und auszudrücken.“

Arguedas kämpfte ein Leben lang gegen die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung. Sein aufrechtes solidarisches Engagement wurde zu einer Zäsur in der peruanischen Gesellschaft mit einem Zuvor und einemDanach. Damit beeinflusste er das Denken vieler Peruaner. Die Mutter Erde, die „Mamapacha“ und die Natur spielen in der indigenen Kultur eine zentrale Rolle. Arguedas griff viele der ökologischen Fragestellungen der indigenen Völker auf.

1964 veröffentlichte er das Buch, eine Vision für die Zukunft Perus: „Todas las sangres“ (Alle Völker vereint1). Ein Meisterwerk, in dem Arguedas die ethnische Vielfalt der peruanischen Bevölkerung und die kulturellen und sozialen Konflikte nachzeichnete. Sein Ideal, eine gerechte und integrative Gesellschaft in einem multiethnischen und multikulturellen Land. Diesem Ideal fühlt sich Pedro Castillo verpflichtet.

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