10-02-2026
Euskadi-Tolosaldea: Baskisch blüht auf
In der baskischen Provinz Gipuzkoa konnte sich Euskara „erholen“ (1)
Die Kleinstadt Tolosa in der baskische Provinz Gipuzkoa ist zur baskischen Sprachhochburg geworden. Foto: tourismus.euskadi.eus
Von Wolfgang Mayr
Die baskische Sprache, das Euskara, ist in die Comarca Tolosaldea in der Provinz Gipuzkoa im autonomen Baskenland „zurückgekehrt“. Die hartnäckige Arbeit verschiedener Organisationen hat sich gelohnt, stellt „nationalia“ von der katalanischen NGO Ciemen zufrieden fest.
Tolosaldea nennt Kike Amonarriz, ein Soziolinguist und Moderator des baskischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens (Euskal Irrati Telebista), die Lunge der baskischen Sprache. Eine „künstliche Lunge“ zur Wiederbelebung? General Franco gelang es mit seiner antibaskischen Politik, Tolosa zu hispanisieren. Kastilisch wurde auf den Plätzen und Straßen gesprochen und das im Herzen des Baskenlandes, erzählt Amonarriz vom Verein Galtzaundi.
Dieser Verein forcierte und unterstützte die Revitalisierung der baskischen Sprache, mit Vorträgen, Kursen, Workshops, Veranstaltungen und sonstigen kulturellen Aktivitäten. Die Baskischsprechenden wurden mobilisiert und die Verwendung von Baskisch „normalisiert“. Sie wurde zur Alltagssprache.
Amonarriz bedankt sich bei jenen Familien, die die Sprache in ihren vier Wänden am Leben erhielten. Die Älteren konnten damals die wenigen Häuser zeigen, in denen Baskisch gesprochen wurde, erinnert sich Amonarriz an seine Recherchen von damals. Auf den Straßen „war Baskisch kaum mehr als ein Flüstern“, eine poetische Umschreibung des Absterbens.
Der Anstoß kaum von den Bewohnern der umliegenden Dörfer, die auf ihren Märkten ungeniert baskisch sprachen. Die Dörfler brachten nicht nur Obst und Gemüse in die Stadt, sie boten diese auch auf Baskisch an. Das zur Randsprache abgedrängte Baskisch überlebte auf den ländlichen und bäuerlichen Messen.
Ein halbes Jahrhundert nach Francos Tod war die baskische Sprache wieder in der Öffentlichkeit zu hören, auf den Straßen und Plätzen, in den Schulen, in den Ämtern. „Wir haben einen historischen Punkt erreicht, zum ersten Mal seit einem Jahrhundert ist mehr Baskisch auf den Straßen von Tolosa zu hören als Spanisch“, freut sich Sprachwissenschaftler Amonarriz über die gelungene baskische Renaissance.
„Wach auf“
Der baskische Sprachraum erstreckt sich über zwei Staaten, Spanien und Frankreich sowie über drei administrativ getrennte Gebiete: der Baskischen Autonomen Gemeinschaft und der Autonomen Gemeinschaft Navarra im Süden der Pyrenäen sowie der traditionellen baskischen Territorien Lapurdi, Nafarroa Beherea und Zuberoa im Südwesten Frankreichs. Ein Drittel der drei Millionen Einwohner sprechen die Sprache fließend. Die Region Tolosaldea mit ihrer virtuosen Sprachpolitik ist so etwas wie das baskische Herz geworden.
Warum in Tolosaldea die baskische Sprache revitalisiert werden konnte, dafür nennt Amonarriz gleich mehrere Gründe. „Seit der Gründung der baskischen Verwaltung verwendet der Stadtrat von Tolosa Euskara als Verwaltungssprache und unterstützt soziale sowie kulturelle Initiativen, die die Verwendung der baskischen Sprache im Alltag stärken wollen“, würdigte Amonarriz die Sprachpolitik der Stadt. Es geht dabei um die organisatorische Beständigkeit zur Wiedererlangung der Sprache und dieses Vorhaben wird seitdem als kollektives Projekt betrieben.
Die Zusammenschau von Verwaltung, Schulen und sozialen Akteuren ermöglichte diese Entwicklung. Amonarriz betont die Bedeutung, dass Verwaltung, soziale Akteure und Schulen sich einbringen und zusammenarbeiten, dass sie gemeinsam in dieselbe Richtung rudern.
Euskara ist auf Aufschriften, Werbeplakaten, offiziellen Erklärungen, Straßen- und Ortstafeln zu sehen. Die berühmte Sichtbarkeit in Kombination mit der Hörbarkeit, Euskara dominiert den öffentlichen Raum. Das nennt Amonarriz den Sauerstoff für die Sprache.
Eine der Voraussetzungen für diesen baskischen Sprachenfrühling sind auch die zivilgesellschaftlichen Initiativen wie jene von Galtzaundi, ergänzt Igor Agirre, Koordinator von Galtzaundi. Zivilgesellschaftliches Engagement ist ein „wesentlicher Faktor in jedem Prozess der sprachlichen Revitalisierung“, ist Agirre überzeugt. Die Sensibilisierung ist eines der Hauptziele von Galtzaundi.
Und das gelang in Tolosaldea. Diese Region besteht aus 28 Gemeinden und ist sehr dünn besiedelt. Von den 48.000 Einwohnern der Region lebt die Hälfte in Tolosa und Umgebung. Die Dörfer sind klein und unabhängig, aber gut miteinander verbunden. In dieser Region gelang es den verschiedenen Akteuren, die Jahrzehnte der Unterdrückung und der Erstickung des Euskara zu beenden. Tolosa und Tolosaldea wirken „ansteckend“ auf das übrige Baskenland.
Die Zahlen sprechen für die Initiativen. Eine Umfrage von 1985, organisiert von Galtzaundi, ergab, dass 29 Prozent der Einwohner baskisch sprachen. 2023 gab es wieder 53 Prozent Baskischsprechende. 59 Prozent der jungen Menschen und mehr als zwei Drittel der Kinder sprechen inzwischen fließend baskisch.
Die Schule ist hauptsächlich für den Erfolg verantwortlich, ist Galtzaundi-Koordinator Agirre überzeugt. Die Erwachsenen, die ihre Muttersprache nicht sprechen, wurden mit der Sprache der Vorfahren in der Erwachsenenbildung konfrontiert. Sprechen, schreiben, lesen, eine Art baskische Alphabetisierung der Gesellschaft, so erklärt Agirre die Rückkehr der baskischen Sprache in die baskische Gesellschaft. Bei den Jüngeren waren es die Ikastolas. Agirre sagt darüber: „Sie ermöglichten den jüngeren Generationen, ungehindert Baskisch zu lernen.“
Siehe auch:
– Euskadi-Tolosaldea: Baskisches Bewusstsein (2)
– Euskadi: Im Baskenland spielen die „spanischen“ Parteien nur mehr eine Nebenrolle
– Catalunya-Euskadi: Bald Unesco-Mitglieder?
– Südtirol, Baskenland, Nordirland: Der “ethnische Terror” stellte in europäischen Winkeln die staatlichen Autoritäten in Fragen
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