„Der Nachtwächter“ – Widerstand der Anishinaabe

Von Wolfgang Mayr

Die Schriftstellerin Louise Erdrich wurde für ihren Roman „The Night Watchman“ (Der Nachtwächter) in der Kategorie „Fiction“ mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Ein Buch über den Widerstand der Anishinaabe in den 1950er Jahren in Nord-Dakota gegen die Assimilierungspolitik der US-Regierung.

Die deutsche Übersetzung „Der Nachwächter“ ist vom Aufbau-Verlag veröffentlicht worden. Die Autorin, Tochter eines deutschstämmigen Vaters und eine Anishinaabe-Mutter, erzählt die Geschichte ihres Großvaters, der als Nachtwächter sein Einkommen verdiente.

Erdrich betreibt in ihren vielen Büchern eine Art Familien-Archäologie, erzählt die schwierigen Geschichten zwischen den Anishinaabe und der weißen Mehrheitsgesellschaft. Erdrich beschreibt aber auch ungeschminkt das Leben ihrer Leute im Reservat der Turtle Mountain Chippewa. Im neuen Buch, das mit Fiktion wenig, aber mit der bitteren Realität umso mehr zu tun, wird Erdrich politisch. „Im Nachwächter“ greift sie die ständigen Verletzungen der Verträge zwischen den USA und den Ureinwohner-Nationen auf.

„Solange das Gras wächst“

„Solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“, solange sollten die vielen Verträge der USA mit den First Nations gelten. Aber schon knapp nach der Unterzeichnung dieser Verträge vor mehr als 150 Jahren hielt sich der us-amerikanische Vertragspartner kaum daran.

In den fünfziger Jahren im letzten Jahrhundert stoppten die konservativen Republikaner die von BIA-Chef John Collier in den 1930er Jahren angestoßene indigene Renaissance. Der Indian Reorganisation Act wurde faktisch ersetzt durch die sogenannte „House Concurrent Resolution“. Alle Reservate sollten aufgelöst und die Reservats-Bevölkerungen in die Städte umgesiedelt werden.

Krieg mit anderen Mitteln

Die Fortsetzung der alten Indianer-Kriege mit anderen Mitteln, schrieb Claus Biegert 1976 in seinem Buch „Seit 200 Jahren ohne Verfassung“:  „Hauptvollstrecker dieser Politik war der Indianer-Kommissar Dillon M. Mayer, jener Mann, der während des 2. Weltkrieges Befehlshaber über die japanischen Internierungslager in den USA war,“ beschreibt Biegert die sogenannte Indianer-Politik der republikanischen Regierung: „Unverhohlen tat er seine Absicht kund, die Stämme schnellstmöglich aus den z.T. von alters her von ihnen bewohnten Gebieten zu vertreiben, und sie der ihnen vertraglich zustehenden Rechte zu berauben. Selbstbestimmung, wie einst von John Collier formuliert, war für einen US-Militaristen wie ihn bereits eine staatsfeindliche Aktion.“

Der politische Hintergrund zum Buch. 1953 annullierte der US-Kongress tatsächlich die erwähnten Verträge. Die Liste der Betroffenen ist lang, der „aufzulösenden“ Reservate, Menominee in Wisconsin, Klamath in Oregon, Alabama-Coushatta, Osage, um nur einige zu zitieren. Oder die Turtle Mountain Chippewa. Auf die Termination sollte dann die Relocation – die Umsiedlung – folgen. „Meyer fand tatkräftige Hilfe in den Abgeordneten William H. Harrison, Spross einer alten Indianer-Töter-Familie, und zwei erzkonservativen Köpfen aus Senat und Repräsentantenhaus, Arthur Watkins und E.Y. Berry,“ die Macher laut Claus Biegert des Ethnozids durch angebliche Integration.

Auflösung und Umsiedlung

Termination, Relocation, Integration, das bedeutete Vertreibung, Enteignung und Zwangsassimilation. Es gab dagegen Widerstand von den Betroffenen. Einer davon war Erdrichs Großvater, Mitglied im Stammesrat der Turtle Mountain Chippewa. Er versuchte die von oben verordnete Zerstörung seines Reservats zu verhindern. Erdrich schreibt vom schwierigen Zusammenleben der Anishinaabe und ihrer weißen Nachbarn, von den Problemen und den teilweise zerrütteten Verhältnissen im Reservat und von den Überresten der Mythen und Legenden der Anishinaabe.

Kann der Großvater die Termination, die Relocation stoppen, können sich die Anishinabee gegen den US-Deep State der Republikaner wehren? Diese Fragen stellt sich Erdrich in ihrem Roman „Der Nachwächter“ und sie gibt auch Antworten. Bayern2 griff in seinen radioTexten diese Geschichte auf:

Die US-amerikanischen Ureinwohner, die First Nations oder Native Americans, die indigenen Völker haben eine lange beeindruckende Geschichte. Eine Geschichte der Niederlagen, der Zwangs-Umsiedlungen, einer brutalen Assimilierung und kulturellen Enteignung. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende, sagte Louise Erdrich im Interview mit Bayern2:

Unser Kampf heute ist der Kampf gegen den Abbau fossiler Brennstoffe. Ein paar Rechte aus den Verträgen sind uns noch geblieben, die uns innerhalb unserer ursprünglichen Territorien etwas Schutz geben. Aber von Norden kommt eine Pipeline aus Kanada durch, die Teersandöl enthält, den zerstörerischsten kohlenstoffintensiven Brennstoff auf dem Planeten.

Wenn Sie sich den Kampf gegen die Pipeline „Line 3“ anschauen, wenn Ihre Hörerschaft im Netz das Video „Honor the Earth“ ansieht, sehen sie alles, was da passiert. Es ist ein Kampf ums Überleben. Es ist ein Grundpfeiler, ein Keystone. Wir kämpfen in jeder Form, um diese Konzerne mit ihren fossilen Brennstoffen daran zu hindern, die Erde in Brand zu setzen, genau das ist es, wir wissen es.

Für indigene Völker endet die Welt, immer, immer wieder. Ich denke, das liegt auch im kulturellen Gedächtnis der Deutschen, sie kennen den Schmerz der Zerstörung, die unendliche Mühe des Wiederaufbaus. Wir sitzen in einem Boot. Wir arbeiten uns daran ab zu retten, was wir können. Wir wissen, wie übel der Klimawandel sein kann und sein wird, wenn wir nicht handeln. Man sieht jede Art von Aufbegehren der Indigenen.

Die Erde ist mächtiger, wir haben keine Kontrolle über den Golfstrom, die Strömung, die Winde. Wir haben nur uns, um einem der teuflischsten Signale unserer Zeit etwas entgegenzusetzen, und das sind sehr wenige gigantische multinationale Konzerne, die dem Überleben des Menschen, dem Überleben der Zivilisation im Weg stehen, das ist es, worauf indigene Völker schauen. Wir Indigenen wissen, was auf dem Spiel steht.“

„Solange das Gras wächst und die Flüsse fließen“: Pulitzer-Preisträgerin Louise Erdrich: „Der Nachtwächter“ | Buch | BR KulturBühne | BR.de

Louise Erdrich: „Der Nachtwächter“ – Die erzwungene Assimiliation der frühen amerikanischen Bevölkerung (deutschlandfunk.de)

The Night Watchman, by Louise Erdrich (Harper) – The Pulitzer Prizes

Louise Erdrich | Poetry Foundation

The Birchbark Blog – Birchbark Books

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.

Zurück zur Home-Seite