Bundespräsident Steinmeier bittet Sinti und Roma um Vergebung

Der Geburtstag des Zentralrates und die vielen Glückwünsche sollten uns nicht täuschen: Der dumpfe und klischeebeladene Antiziganismus ist eher in der Mitte der Gesellschaft zu finden, als es bis heute die Sinti und Roma wären.

Von Jan Diedrichsen

Der Bundeskanzler greift auf Twitter in die Tasten:

Der Bundespräsident bittet um Vergebung:

„Auch in der jungen Bundesrepublik erlebten Sinti und Roma Ausgrenzung und Herabwürdigung; Behörden, Polizei und Justiz diskriminierten, stigmatisierten oder kriminalisierten Angehörige der Minderheit; in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit wurde der Völkermord an den Sinti und Roma verschwiegen, verleugnet oder verdrängt; Ansprüche auf Entschädigung wurden lange, viel zu lange nicht anerkannt.

Auch für dieses zweite Leid, das den Sinti und Roma in der Nachkriegszeit angetan wurde, will ich heute im Namen unseres Landes um Vergebung bitten. Und ich will Ihnen sagen, wie dankbar ich für das demokratische Engagement des Zentralrats bin und wie viel Respekt ich davor habe. Denn es ist eben alles andere als selbstverständlich, dass die deutschen Sinti und Roma in den vergangenen vier Jahrzehnten nicht nur für ihre Rechte und Interessen gestritten haben, sondern dabei immer auch für Dialog, Verständigung und Versöhnung eingetreten sind. Dafür meinen herzlichen Dank!“

Das sind wichtig und richtige Worte sowie verdiente Anerkennung für die Aktivistinnen des Zentralrates der deutschen Sinti und Roma! Auf Drängen nicht zuletzt  der GfbV erkannten Bundeskanzler Helmut Schmidt und Bundespräsident Karl Carstens Anfang der 80er-Jahre erstmals den Völkermord an den Sinti und Roma an und entschuldigten sich öffentlich.

Am Welt-Roma-Tag scheinen die Sinti und Roma – zumindest in Deutschland, – also endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein? Dieser Eindruck trügt. Der dumpfe und klischeebeladene Antiziganismus ist leider weiterhin eher in der Mitte der Gesellschaft zu verorten, als es Sinti und Roma wären. Der Zentralrat der deutschen Sinti und Roma mit dem Vorsitzenden Romani Rose, seit Jahrzehnten fest im Sattel, berichtet laufend über den mehr oder weniger offenen Antiziganismus weiter Teile der deutschen Gesellschaft. Noch schlimmer sieht es in vielen Staaten im östlichen Teil Europas aus, wo die großen Roma-Minderheiten Millionen Menschen umfassen und diese tagtäglich auf das Schlimmste diskriminiert werden, ja auch heute noch um ihr Leben fürchten müssen.

Der Zentralrat feiert Geburtstag und lässt sich zu Recht in diesen Tagen von der Politik feiern. Hier sei jedoch. die Frage gestattet, ob der Verband so aufgestellt ist, dass er einen bevorstehenden Generationenwechsel nach dem Mitgründer Romani Rose konfliktfrei bewältigt. Den Sinti und Roma in Deutschland wäre das zu wünschen.

Der Fraktionsvorsitzenden des SSW, der Partei der Dänen und Friesen im Schleswig-Holsteinischen Landtag, Lars Harms,  erklärte kürzlich in einer Plenardebatte in Kiel: „Nur die wenigsten Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner kennen die Sinti-Kultur, wissen um die kulturellen und sprachlichen Schätze dieser Minderheit. Sie können, wenn es hochkommt, allenfalls Klischees benennen. Aber ein authentisches Bild abseits von Zuschreibungen von außen kennt kaum jemand. Erstaunlich, wie diese Ignoranz sich hält.“

Die deutschen Sinti und Roma in Schleswig-Holstein sind seit 2012 durch die Landesverfassung geschützt. Sie gehören fest verankert zum Minderheiten-Kosmos des nördlichsten Bundeslandes. Das war nicht immer der Fall, aber die Solidarität zwischen den Minderheiten ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, so auch die persönlichen Beziehungen. Dies gilt nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern bundesweit.

Der Weg hin zu dieser Normalität war lang, steinig und musste erkämpft werden. Die Bürgerrechtsbewegung zur Anerkennung der Sinti und Roma ist eng mit der Geschichte der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) verknüpft. Damit wären wir wieder beim 40. Jahrestag der Gründung des Zentralverbandes der deutschen Sinti und Roma angelangt:

Als erste und einzig Organisation setzte sich die GfbV bereits in den 1970er-Jahren für die Minderheit ein. Aus dieser Bürgerrechtsbewegung ging schließlich der Zentralrat hervor.

Die Zeiten waren ganz andere: Zum Schrecken der Betroffenen waren nach 1945 Beamte weiter im Dienst, die vorher im Reichssicherheitshauptamt die Deportation von Sinti und Roma organisiert hatten. Bis in die 70er-Jahre verweigerten Behörden Sinti und Roma aus Ostpreußen, Hinterpommern oder Schlesien den deutschen Pass, selbst wenn sie ehemalige Insassen von Konzentrations- und Arbeitslagern waren. Sie erhielten sogenannte „Fremdenpässe“, in denen Berufe angegeben werden mussten. Meist stand an jener Stelle „Landfahrer“ oder „Musiker“. Die GfbV kämpfte für die Wiedereinbürgerung dieser Sinti und Roma. Mit Erfolg.

1979 gab Tilman Zülch in der Reihe politischer Taschenbücher „rororo aktuell“ eine Dokumentation zur Situation der Sinti und Roma in Deutschland und Europa heraus. Der Band mit dem Titel: „In Auschwitz vergast bis heute verfolgt“, machte das Ausmaß des Völkermordes an bis zu 500.000 Angehörigen dieser Minderheiten bekannt. Bis dahin wurden die Verbrechen an den Sinti und Roma zumeist totgeschwiegen. In seinem Vorwort schrieb der Philosoph Ernst Tugendhat: „Die Zigeuner werden noch heute als Untermenschen zwar nicht offen bezeichnet, aber empfunden und behandelt.“

Gemeinsam mit Romani Rose, der schon damals für die Rechte seiner Volksgruppe kämpfte, organisierte die GfbV ebenfalls 1979 einen Gedenkmarsch mit anschließender Kundgebung im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen. Rund 2.000 Menschen nahmen daran teil. Für diese Aktion konnten wichtige Unterstützer gewonnen werden, deren Stimme in Politik und Gesellschaft unüberhörbar war: Den damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden, Heinz Galinski, und die Präsidentin des Europaparlaments, Simone Veil. Sie, eine Überlebende aus Bergen-Belsen, erklärte: „Wir haben nicht immer genügend Solidarität gefühlt, diese Solidarität des gemeinsamen Unglücks. … Wir waren zusammen unter den Sterbenden, wir sind heute hier zusammen als Überlebende.“ Das Ringen für die Anerkennung der Sinti und Roma als Opfer der Nationalsozialisten bezeichnete sie als fundamentalen Kampf für die Menschenrechte.

In Berlin erinnert seit 2012 ein Mahnmal an die Opfer. Den Verfassungsrang haben keine der Minderheiten in Deutschland, wenngleich sie dies immer wieder gefordert haben. Vielleicht sparen sich das der Bundespräsident und Bundeskanzler als Empfehlung für den nächsten Welt-Roma-Tag auf: Eine Empfehlung für die Aufnahme der Minderheiten ins Grundgesetz, natürlich inklusive der Sinti und Roma, die fest dazugehören.

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