Azteken-Reich: Brachten die Spanier tatsächlich die Kultur?

Wolfgang Mayr

Mexiko, der Nachfolgestaat der spanischen Eroberer, lässt offensichtlich die indigene zapatistische Delegation nicht ausreisen. Frankreich, einst Kolonialmacht und dann Hort der bürgerlichen Revolution, will diese Delegation nicht einreisen lassen.

In diesen Tagen vor 500 Jahren, am 13. August 1521, ordnete der spanische Conquistador Cortez die Eroberung des Aztekenreiches an. Die spanischen Plünderer und ihre indigenen Partner, die von den Azteken unterjochten Nachbarvölker, zerstörten aztekische Städte und das Reich. Die Hauptstadt Tenochtitlan wurde dem Erdboden gleichgemacht. Zehntausende Einwohner wurden von den Eroberern ermordet. Obwohl Cortez sich staunend über diese damals moderne Stadt äußerte, wurde die Azteken-Hauptstadt vollständig verwüstet.

„Von den geschätzten 24 Millionen Einwohnern des Aztekenreiches überlebten nur drei Millionen Menschen die spanische Eroberung, schreibt Gord Hill, Aktivist der Kwakiutl in seinem Buch „Fünf Jahrhunderte indigener Widerstand“ (Verlag Edition AV).

Die indigene Zapatista-Delegation aus Chiapas wollte 500 Jahre danach die Europäer über diesen Holocaust informieren, und auch darüber, dass es noch immer Widerstand gegen die anhaltende Kolonialisierung, Enteignung und Assimilierung gibt. Es scheint aber, das wird ihnen nicht gelingen. Die politischen und bürokratischen Hürden sind zu hoch. Die fehlten damals, bei der Eroberung.

Die Zapatistas wollten den Europäern ihre Geschichte erzählen, die Geschichte der Verlierer und Opfer. Noch immer hält sich hartnäckig das kolonialistische Narrativ, die Spanier brachten den blutrünstigen Azteken die Zivilisation. Im April 2017 kommentierte Jose´Antonio Sanchez, Präsident des spanischen öffentlichen Fernsehens (RTVE) das Kooperationsabkommen mit lateinamerikanischen TV-Anstalten und einem Lateinamerika-Institut: „Die spanische Eroberung des Aztekenreiches war keineswegs ein kolonialistischer Akt, sondern vielmehr eine zivilisatorische und missionarische Leistung. Die Spanier brachten Kirchen, Schulen und Krankenhäuser in die Neue Welt und besiegten ein barbarisches und blutrünstiges Staatsgebilde“ (Zitat aus „Conquistadoren und Azteken, Cortes und die Eroberung Mexikos“ von Stefan Rinke, C.H.Beck).

Rassismus pur. Der Sager ähnelt dem Spruch auf dem faschistischen Siegesdenkmal in Bozen: “HIC PATRIAE FINES SISTE SIGNA // HINC CETEROS EXCOLVIMVS LINGVA LEGIBVS ARTIBVS” – „Hier an den Grenzen des Vaterlandes setze die (Feld-)Zeichen. Von hier aus bildeten wir die Übrigen durch Sprache, Gesetze und Künste.“

Ursprünglich war anstelle von ceteros („die Übrigen“) das Wort barbaros („die Barbaren“) vorgesehen gewesen. Trotz der abgemilderten Wortwahl blieb die Aussage unmissverständlich: Das faschistische Italien bringe als kulturell, politisch und militärisch überlegene Macht den Bewohnern des zurückgebliebenen Randgebiets die Zivilisation.

Und wie sieht diese Zivilisation aus? Der Nachrichtenpool Lateinamerika berichtete im Mai dieses Jahres über den Marsch für die nationale Würde, organisiert von Müttern, die ihre verschollenen Töchter und Söhne suchen. Vor zehn Jahr fand der erste Marsch statt. Jährlich kommen neue Mütter hinzu.

Eine der Initiatorinnen ist María Elena Salazar, Mutter von Hugo Marcelino González Salazar. Sie sucht seit elf Jahren ihren Sohn, einen jungen Arbeiter, der im Alter von 25 Jahren am 20. Juni 2009 in Torreón im Bundestaat Coahuila verschwand. María Salazar schloss sich der Gruppe „Vereinte Kräfte für unsere Verschwundenen in Coahuila“ an, die im Zusammenhang mit der Aufstandsbekämpfung in den 1970er Jahren entstanden ist. Als der erste große Protestmarsch stattfand, war María 50 Jahre alt, heute ist sie fast 60 und hat ihren Sohn immer noch nicht gefunden.

Der erste Protestmarsch dieser Art fand am 10. Mai 2011 in Ciudad Juárez im Bundesstaat Chihuahua statt. Es waren Mütter von vermissten jungen Frauen, die sich im Norden des Landes organisiert hatten. Das Verschwinden und die Ermordung von Frauen machten damals internationale Schlagzeilen. Wie zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen nachwiesen, hatte der von Ex-Präsident Felipe Calderón Hinojosa ausgerufene „Krieg gegen die Drogen“ eine internationale Menschenrechtskrise in Mexiko ausgelöst. Die betroffenen Mütter forderten von der Staatsanwaltschaft die strafrechtliche Verfolgung der Fälle. Ein Jahr später gingen die Mütter, die sich in der Zwischenzeit zur „Nationalen Bewegung für unsere Verschwundenen” zusammengeschlossen hatten, erneut auf die Straße.

Fast 90.000 Menschen sind in Mexiko verschwunden. Viele von ihnen wurden von Kriminellen verschleppt, damit sie Drogen schmuggeln, als Prostituierte arbeiten oder beispielsweise Tunnel bauen. Andere verschwanden wie Carlos Eduardo, als sie sich in den Händen von Polizisten oder Soldaten befanden. Die Suche nach ihnen konzentriert sich meistens auf sterbliche Reste: auf Gräber, Knochen, forensische Analysen. „Sie füllen die Laboratorien mit menschlichen Resten, aber an der Suche nach Lebenden zeigen die Behörden kein Interesse“, erklärt María de la Luz López Castruita, die seit 13 Jahren ihre Tochter Irma Claribel sucht. Ihr Kollektiv Búsqueda Nacional en Vida will sich damit nicht zufrieden geben: „Wir haben es satt, unsere Angehörigen auf Müllplätzen, in Höhlen, Flüssen und Bergen zu suchen“, erklärt eine Sprecherin auf einer Kundgebung. „Man hat sie uns lebend genommen, und deshalb wollen wir sie lebend zurück. Wir sind es leid, sie als Tote zu suchen.“

Krieg gegen die Bevölkerung führen auch der Staat und seine Sicherheitskräfte, die weiße Elite und ihre Killerkommandos in den südlichen mexikanischen Bundesstaaten und die Drogenkartelle. Allein im südlichen Chiapas sollen mehr als 200 Angehörige indigener Völker von den Killern der organisierten Kriminalität ermordet worden sein. Dort, im Süden, stellen die indigenen Völker einen großen Anteil an der Bevölkerung und fordern deshalb politische Mitsprache und Mitbestimmung und für ihre Regionen weitreichende Autonomien.

Aber wie sagte 2017 der ehemalige Präsident des öffentlichen spanischen Fernsehens RTVE, Sanchez, über die Zerstörung des Aztekenreiches und über die spanische Kolonialisierung: Die spanische Eroberung des Aztekenreiches war keineswegs ein kolonialistischer Akt, sondern vielmehr eine zivilisatorische und missionarische Leistung. Die Spanier brachten Kirchen, Schulen und Krankenhäuser in die Neue Welt und besiegten ein barbarisches und blutrünstiges Staatsgebilde“ (Zitat aus „Conquistadoren und Azteken, Cortes und die Eroberung Mexikos“ von Stefan Rinke, C.H.Beck).

(19) Mexiko: Indigene bewaffnen sich gegen Drogenkartelle – YouTube

Quelle: IMER Noticias, Quinto Elemento Lab, Journalistengruppe „A dónde van los desaparecidos“. Übersetzung: Wolf-Dieter Vogel / Periodistas de a Pie

 

 

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