Wahlnachlese Kanada: First Nations geben sich keinen Illusionen hin

Von Jan Diedrichsen

Kanadas Premierminister Justin Trudeau wird im Amt bleiben, hat aber bei den vorgezogenen Neuwahlen nicht die erhoffte Mehrheit errungen. Trudeau, der Vorsitzende der Liberalen Partei, setzte auf eine vorgezogene Neuwahl in der Hoffnung, aus der Krisen-Leistung seiner Regierung während der COVID-Pandemie Kapital schlagen zu können.

Auf dem Wahlzettel fanden sich eine historisch große Anzahl indigener Kandidat:innen wieder. Laut dem vorläufigen endgültigen Wahlergebnis werden in zehn Wahlkreisen indigene Abgeordnete den Einzug ins Parlament schaffen. Nach Angaben der „Assembly of First Nations“ traten mindestens 75 Indigene bei den Wahlen an. Damit wurde der bisherige Rekord von 62 Personen im Jahr 2019 übertroffen. Die Rolle als „Königsmacher:in“ kommt ihnen jedoch nicht zu, und die ersten Reaktionen der Gewählten macht deutlich, dass sie keine übertriebene Hoffnung hegen, es werde sich nach der Wahl viel ändern.

Es stellt sich dennoch die Frage: Werden indigene Stimmen und Themen in Ottawa in Zukunft (mehr) Gehör finden?  Die Liste der Probleme ist lang und reicht über den ausreichenden Zugang zu sauberem Trinkwasser bis hin zur Wohnungskrise in den Reservaten. Hinzu kommen die Probleme im Norden Kanadas, wie z.B. die maroden Eisenbahnlinien, der Mangel an Wohnraum, der schlechte Internetzugang und die unzureichenden medizinischen Behandlungsmöglichkeiten für die Bewohner:innen in den abgelegenen nördlichen Gemeinden.

Das Land stand unter Schock, als im Mai Hunderte von Kindern in nicht gekennzeichneten Gräbern an mehreren Standorten von Internatsschulen in ganz Kanada entdeckt wurden. Dies wurde von mehreren Parteien als nationale Tragödie bezeichnet. Die vehement und aus beinah allen Ecken der Mehrheitsbevölkerung geforderte Aufarbeitung dieses schwarzen Kapitels der Geschichte des Landes hat sich jedoch nicht auf den Wahlkampf übertragen lassen.

Einen Tag nach der Wahl haben die „Grand Chiefs der Southern Chiefs Organization (SCO)“ und die „Assembly of Manitoba Chiefs (AMC)“ Erklärungen veröffentlicht, in denen sie ihre Erwartungen an die neue Regierung zum Ausdruck bringen. Sie fordern u.a. konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung für die indigene Bevölkerung und zur Verringerung des Unterschieds in der Lebenserwartung von elf Jahren zwischen den First Nations und den Nicht-First Nations in Kanada.

„Die First Nations in Manitoba werden sich dafür einsetzen, dass die Wahlversprechen der Liberalen für Versöhnung, für wirtschaftliche Entwicklung, für die Einhaltung aller Rechte – sei es vertraglich zugesicherte oder angeborene Rechte auch eingehalten werden. Wir wollen endlich die versprochenen Investitionen in die Infrastruktur und die versprochene Unterstützung bei der Aufarbeitung der Schicksale der ermordeten Internatsschüler:innen“

Indigene Themen spielten jedoch (wiedermal) in der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit im Wahlkampf eine untergeordnete, kaum wahrnehmbare Rolle. Wiedermal gab es ein Strohfeuer der Empörung und Reue, das jedoch genauso schnell wieder verlosch. Das hinterlässt bei den First Nations (nicht zum ersten Mal) den Eindruck, dass ihren Anliegen  – bis auf Lippenbekenntnisse – keine wirkliche Relevanz zugerechnet werden.

Ian Austen von der New York Times hat im Vorfeld der Wahlen einen lesenswerten Hintergrundbericht über das nicht-Vorkommen der indigenen Themen im kanadischen Wahlkampf veröffentlicht.

„Viele indigene Menschen haben mir gesagt“, so Ian Austen, „dass sie nicht wählen gehen, weil sie sich nicht als Kanadier betrachten und es als Zustimmung zu einem System ansehen, das ihnen aufgezwungen wurde.“

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