Taiwan – Abtrünnige Provinz?

Die Chinesen haben in den vergangenen 400 Jahren die Ureinwohner-Völker der Insel Taiwan zurückgedrängt und marginalisiert. Ein Schicksal, das die indigenen Taiwanesen mit vielen anderen Nationalitäten in der Volksrepublik China teilen.

Von Wolfgang Mayr

Die Chinesen haben in den vergangenen 400 Jahren die Ureinwohner-Völker der Insel Taiwan zurückgedrängt und marginalisiert. Ein Schicksal, das die indigenen Taiwanesen mit vielen anderen Nationalitäten in der Volksrepublik China teilen.

Tibet, mehr als ein halbes Jahrhundert chinesisch besetzt, ist aufgrund der staatlich forcierten Zuwanderung inzwischen mehrheitlich chinesisch. Ähnlich ist die Entwicklung in Ost-Turkestan. Die rote Diktatur mit brauner Einfärbung krempelt mit brutalen Maßnahmen die demographische Struktur um, die Uiguren sollen zur Minderheit im eigenen Land werden.

In der sogenannten autonomen Region der Inneren Mongolei stellen die alteingesessenen Mongolen gerade noch dürftige 20 Prozent der Bevölkerung.

In der Volksrepublik findet eine recht rabiate Entnationalisierung aller nicht-chinesischen Nationalitäten statt. Die Methoden stammen aus dem faschistischen „Werkzeugkasten“, gezielte Zuwanderung, Marginalisierung der Autochthonen, Abdrängung ihrer Sprachen und Kulturen, die Regionen werden zu inneren Kolonien der Volksrepublik.

Besonders erfolgreich war der chinesische Kolonialismus auf der Insel Taiwan. Seit mehr als 400 Jahren breiten sich die Chinesen auf dieser Insel aus, die bis dahin von indigenen Volksgruppen, Stämmen besiedelt war. Die Ureinwohner Taiwans gehören ethnisch und sprachlich den austronesischen Völkern an. Deren Siedlungsgebiet erstreckt sich von Taiwan im Norden zu den Osterinseln im Osten bis nach Neuseeland im Süden und nach Madagaskar im Westen.

Die Ureinwohner machen zwei Prozent der 23,5 Millionen Taiwaner aus. Sie ringen seit der Eroberung der Insel durch chinesische Siedler vor hunderten von Jahren um ihr kulturelles Erbe.

Die halbe Million taiwanesischer Ureinwohner lebt groß teils in den Bergen, in den östlichen Ebenen und auf der Orchideeninsel. Heiraten von Angehörigen unterschiedlicher Volksgruppen ließ eine recht einheitliche Urbevölkerung entstehen. Inzwischen ist die Assimilierung der ursprünglichen Einwohner weit vorangeschritten, aufgrund von „Mischehen“, kultureller Assimilation und auch erzwungenem Kontakt mit Kolonialherren haben einiger Stämme ihre kulturelle Identität verloren. Andere drohen auszusterben.

Einst waren die Ureinwohner die Herrscher von Formosa, „die Schöne“, lange Zeit der Name für Taiwan. Mehrere Kolonialisierungswellen seit dem 17. Jahrhundert verdrängten die autochthone Bevölkerung. Nach den Niederländern folgten die Chinesen, später die Japaner. Die Kolonialisten vertrieben ­Ureinwohner in immer unwirtlichere Regionen. Die Ureinwohner teilen das Schicksal mit anderen indigenen Völkern, auch sie sind heute die ärmsten und am schlechtesten gebildeten Schichten der Gesellschaft.

Den im Süden der Insel lebenden Paiwan sind mit 86 000 Angehörigen die drittgrößte von 16 anerkannten indigenen Gruppen. Vierzehn weitere kämpfen noch um den offiziellen Statusund um die Anerkennung ihrer Sprachen. Seit sieben Jahren arbeitet in der Hauptstadt Taipeh ein Sprachenzentrum für indigene Sprachen. Ein kleiner Schritt zu mehr Gleichberechtigung der Ureinwohner.

Bis in 1980er Jahre die Angehörigen der Urbevölkerung in Schulen, in der Verwaltung, auf öffentlichen Plätzen nicht sprechen. Damals war nur Hochchinesisch zugelassen; selbstTaiwanisch, das sich unter den frühen Einwanderern aus China herausgebildet hatte, war verboten. Die Sprachendiktatur hinterließ Wunden, viele Eltern verzichten auf die Weitergaben ihrer indigenen Sprachen an ihre Kinder.

Heute sind es aber die eingewanderten Chinesen, die die 23-Millionen-Einwohner-Nation wirtschaftlich, politisch und kulturell dominieren. Ureinwohner wie die Paiwan machen je nach Definition nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung aus.

In den 1980er Jahren schaffte Taiwan das Kriegsrecht ab. Die starke Demokratiebewegung veränderte schnell und grundlegend die vom Militär geprägte Gesellschaft. Erstmals wagten die Ureinwohner, mehr Rechte einzufordern. In den 1990er Jahren suchte die Regierung den Dialog mit den Minderheiten und richtete eine Behörde für die Urbevölkerung ein. 2000 wurde ein Vertreter der indigenen Bunun aus dem zentralen Bergland Taiwans Minister. Er stellte die Weichen für eine neue Politik für die Ureinwohner.

2005 trat ein Grundlagengesetz in Kraft, mit weitreichenden Folgen. So darf der Staat keine Grundstücke mehr beschlagnahmen, auf Kosten der Ureinwohner. Sie machten damit üble Erfahrungen, wie 1982. Damals wies Tapeih auf Lanyu, „Orchideeninsel“ vor der Ostküste Taiwans, eine Deponie für Atommüll aus, auf dem Gebiet der indigenen Tao. Trotz ihrer Proteste wurde gebaut. Auf Grund des neuen Gesetzes muss der Staat bei Projekten die Erlaubnis der Betroffenen einholen.

Die Schulen mit indigenen Schülern sind verpflichtet, einen Teil des Unterrichts in Ureinwohnersprachen zu geben. Späte Wiedergutmachung, äußerst kleinspurig und kleinmütig. Ob damit das Sprachensterben gestoppt werden kann? Laut dem Atlas der gefährdeten Sprachen der Unesco gehören die meisten Sprachen der taiwanischen Ureinwohner zu denen, die in einer Generation aussterben.  Für zehn Sprachen kommt die neue Politik zu spät, weitere sind stark gefährdet. Bei einer der kleinsten Gruppen, den Hla’lua, gibt es nur noch einen einzigen aktiven Sprecher, bei einer weiteren noch drei ältere Menschen.

Insgesamt ändert sich derzeit die Sprachenpolitik auf Taiwan. Mandarin, die Nationalsprache der Volksrepublik China, ist nicht mehr die offizielle Sprache. Mandarin, Taiwanesisch, Hakka und verschiedene Idiome der Ureinwohner der Insel werden als Nationalsprachen geführt, sagte der Direktor des Regierungsrates für Kulturentwicklung, Chiu Chuang-liang. Mandarin war seit 1949, als die Nationalisten den Bürgerkrieg gegen die Kommunisten verloren und sich nach Taiwan zurückgezogen hatten, auch offizielle Sprache auf Taiwan.

Die Signale aus Taipeh an die Ureinwohner klingen überzeugend. Präsidentin Tsai Ing Wenentschuldigte sich als erstes Staatsoberhaupt bei den Ureinwohnern. Sie bittet die Ureinwohner im Namen der Regierung für das in den vergangenen 400 Jahren erlittene Leid und Unrecht um Verzeihung. Präsidentin Tsai Ing Wen sagte auch, Taiwan muss sich ernsthaft mit seiner Geschichte beschäftigen und die Wahrheit sagen. Tsai kündigte eine Untersuchungskommission unter ihrer Leitung an.

Präsidentin Tsai, sie ist indigener Abstammung, sprach sich auf für die indigene Autonomie aus und für einen Ausbau der Rechte der Ureinwohner.

Die meisten Siedlungsgebiete der Ureinwohner sind zu Nationalparks geworden, mit strengen Auflagen. Deshalb kommt es immer wieder zu Konflikten um Jagd- und Fischereirechte. Die Ureinwohner leiden zudem unter hoher Arbeitslosigkeit und verdienen deutlich weniger als andere Taiwaner.

Auf mehreren Kundgebungen in Taipeh demonstrierten Ureinwohner immer wieder vor dem Amtssitz der Präsidentin für weitergehende Reformen. Sie verlangen garantierte Jagdrechte und mehr Unterstützung von der Regierung. Die Präsidentin soll außerdem ihre Ankündigungen endlich umsetzen.

Die roten Imperialisten in Peking beanspruchen eine Insel, deren Ureinwohner nie gefragt wurden, welchem Staat sie angehören wollen. Der ehemalige Präsident Chen Shui-bian erinnerte daran, dass Taiwan Erbin der ersten chinesischen Republik ist, die nach der Xinhai-Revolution auf dem chinesischen Festland 1912 in Nanking ausgerufen wurde.

Taiwan selbst war von 1895 bis 1945 japanisch beherrscht, fiel erst nach dem 2. Weltkrieg an die Republik China. 1949, nach der Niederlage im Bürgerkrieg gegen die Kommunistische Partei und der Gründung der Volksrepublik auf dem Festland, zogen sich die „National“-Regierung, die Eliten und Streitkräfte der Republik China auf die Insel Taiwan zurück. Bis vor wenigen Jahren war Taiwan autoritär regiert, die kleine Schwester des großen Bruders auf dem Festland. Taiwan schaffte den Sprung in die Demokratie, eine breite Demokratiebewegung konnte sich gegen die alte Herrschaftselite durchsetzen.

Die Demokratiebewegung setzt auf die Unabhängigkeit. Ähnlich wie die inzwischen zerschlagene Demokratiebewegung der einstigen britische Kolonie Hongkong. Die demokratische Inselrepublik „Republik China“ nennt sich Taiwan, um auch die Selbständigkeit zu unterstreichen, die Distanz zur Volksrepublik.

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