Kurdische Kulturhauptstadt Berlin: Eine Metropole für klassische und zeitgenössische kurdische Literatur

Von Wolfgang Mayr

Berlin ist der Standort der Erinnerung an die finsterste deutsche Geschichte mit dem Holocaust-Memorial, mit dem Erinnerungsort „Topographie des Terrors“, dem Denkmal der von den Nazis ermordeten europäischen Sinti und Roma. Im neuen Zentrum Flucht und Vertreibung wird auch diese verdrängte Geschichte wissenschaftlich neutral aufgearbeitet. Genauso wird die ehemalige Teilung Deutschlands und Berlins dargestellt.  Berlin widerspiegelt aber auch die wuchernde sprachliche und kulturelle Vielfalt, ein plurinationales Universum für sich. In Berlin „blüht“ neue kurdische Literatur.

In Berlin kümmert sich das Institut für kurdischen Studien um die kurdische Kultur. Fernab des vierfach geteilten Kurdistans im Nahen Osten. Das Institut beschäftigt sich mit der Idiom reichen kurdischen Sprache und mit der  reichhaltigen kurdische Literatur. So veröffentlichte das Institut „Mem u Zin“, ein klassisches kurdisches Epos aus dem 17. Jahrhundert und die „Blutige Rose“, eine moderne kurdische Dichtung von Abdula Goran.

„Mem u Zin“ von Ehmede Xani

„Mem u Zin“ ist das Hauptwerk von Ehmede Xani (1651-1707), das als kurdisches Nationalepos gilt. Der Inhalt ähnelt der Romeo-und-Julia-Tragödie von William Shakespeare und wurde einst mündlich von Generation zu Generation weitergegeben.

Mem, aus dem Alan-Clan und Zîn, aus dem Botan-Clan, lieben sich. Beko aus dem Bakran-Clan versucht dies zu verhindern. Schließlich wird Mem wegen einer Verschwörung durch Bakir ermordet.

Als Zîn die Nachricht vom Tode Mems empfängt, bricht sie auf seinem Grab zusammen und stirbt. Sie wird neben Mem begraben. Die Nachricht vom Tode von Mem und Zîn verbreitet sich schnell unter den Leuten von Cizîra Botan. Das Volk ist wütend auf Bakir und tötet ihn. Er wird unter den Füßen von Mem und Zîn begraben. Ein Dornbusch, genährt von Bakirs Blut, wächst aus seinem Grab: die Wurzeln der Bosheit dringen tief in die Erde zwischen den Gräbern von Mem und Zin. So sind die zwei Liebenden sogar im Tod voneinander getrennt.

Das Buch “Mem u Zin“ diente 1992 Ümit Elçi als Grundlage für seinen gleichnamigen Film Mem û Zîn (dt. Mem und Zin). Da die kurdische Sprache in der Türkei bis Ende der 1990er Jahre/Anfang des 21. Jahrhunderts verboten war, musste das kurdische Epos in türkischer Sprache gedreht werden.

Für die Kurden symbolisiert Mem das kurdische Volk und Zîn das kurdische Land, die durch unglückliche Umstände voneinander getrennt bleiben und keine Einheit werden können.

„Blutige Rose“ von Abdula Goran

Institutsleiter Feryad Fazil Omar schreibt: „Der Name der Anthologie `Blutige Rose´ geht zurück auf ein gleichnamiges Gedicht von ihm und ist zugleich programmatisch für seinen dichterischen Stil: Mit poetisch ungewohnten, ja unbequemen Worten und Bildern nimmt er den Kampf auf mit politischer und gesellschaftlicher Unterdrückung – oder wie es Goran, der Dichter des Volkes, selbst in einem seiner Gedichte ausdrückte:

„Ich sagte: das Volk. –
Nein, die Verräter des Volks,
die Leiter der Institutionen.
Die Feingekleideten sind es, die Schande,
die die Fehler beim Hungrigen sucht.“

Abdullah Goran lebte von 1904 bis 1962 in Süd-Kurdistan (Irak), er wird als kurdischer Nationaldichter verehrt. Goran wurde wegen seiner literarischen Arbeit auch inhaftiert. Er war nämlich kein Poet im Elfenbeinturm, Goran nutzte seine Prosa als poetisches Kampfmittel gegen die politische Unterdrückung der Kurden. Er gilt auch als Spracherneuerer, als Modernisierer der kurdischen Sprache.

Zitat Feryad Fazil Omar: „Der Vater der kurdischen Moderne schrieb aber auch romantische Oden im Stile Shelleys. Väter der Moderne sind keine Modernisten, und doch zeigen sich in den Gedichten Abdullah Gorans bereits alle Facetten der Bilddekonstruktion, wie sie die zeitgenössische Lyrik kurdischer Sprache zeigt.“

Seine Anthologie mit umfassender Auswahl erschien in kurdischer und deutscher Sprache. Für deutsche LeserInnen also nachlesbar.

Abdullah Suleyman Goran war Sohn einer ehemals aristokratischen Familie. Er studierte in Kerkûk, wurde Grundschullehrer und dann Kassierer im Arbeitsamt von Erbîl. In den 40er Jahren begann er sich für das politische Leben zu interessieren. Seine politischen Aktivitäten und Ansichten führten dazu, dass er gleich dreimal verhaftet wurde. Die Revolution 1958 im Irak brachte ihm die Entlassung aus dem Gefängnis. Danach aebeitete er als Chefredakteur verschiedener Zeitschriften, als Übersetzer aus europäischen Sprachen ins Kurdische und als Dozent für kurdische Sprache und Literatur an der Universität Bagdad. Er verstarb 1962 starb.

 

Das Institut für kurdische Studien Berlin

Ein Brückenschlag zwischen den Kulturen

Was macht nun das Institut? Erforscht wird die kurdische Sprache und Kultur, erarbeitet werden Vorschläge für die Integration von in Deutschland lebenden KurdInnen und kulturelle Toleranz, der Kulturaustausch und die Verständigung der Völker auf Augenhöhe sind die Ziele des Instituts.

1988 wurde das Institut als wissenschaftliche Einrichtung von WissenschaftlerInnen der Freien Universität Berlin gegründet und ist seit 1995 als überparteilicher und überkonfessioneller, politisch unabhängiger, gemeinnütziger Verein eingetragen.

Das Institut für Kurdische Studien arbeitet mit dem Institut für Iranistik der Freien Universität Berlin zusammen. Der Dozent für kurdische Sprache, Literatur und Geschichte an der Freien Universität Berlin, Feryad Fazil Omar, ist Gründer und Präsident des Instituts.

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