19-11-2023
Killers of the Flower Moon
Ein Thriller über den „anderen Indianerkrieg“ in Oklahoma als schonungslose Abrechnung der US-Indianerpolitik

Von Wolfgang Mayr
Die Geschichte von „Killers of the Flower Moon“: In den 1920er Jahren erschütterte eine Mordserie das Osage-County im östlichen Oklahoma. Die Opfer waren meist Osage-Frauen. Deren Erbe ging an ihre angeblichen Partner über, weiße Männer. Morden und Erben, eine besondere Form der Enteignung, die Fortsetzung der „Indianerkriege“ mit ähnlichen Mitteln.
Auf dem Osage County wurde 1897 Erdöl entdeckt. 1906 einigten sich die Osage darauf, jedem Stammesmitglied ein Recht an den Erlösen einzuräumen. Dieses Recht konnte nur vererbt, aber nicht gekauft werden. Die Nutzungsrechte blieben gemeinschaftlich, die Angehörigen erhielten einen Prozentsatz ausgezahlt.
Ab den 1920er-Jahren kletterte der Öl-Preis ständig nach oben – das machte die Osage reich. Sie galten, pro Kopf gerechnet, als die wohlhabendsten Menschen der Welt. Die weißen Nachbarn, die Nachfahren der Siedler, verstanden die Welt nicht mehr, ihr Neid wuchs ins Unermessliche. Weiße Betrüger und Geschäftsleute mischten sich unter die Osage, um ihnen das Öl-Geld zu stehlen. Ein entsprechendes Gesetz ermöglichte diesen Raub, verabschiedet vom Kongress 1921.
Osage als Freiwild
Die Volksvertreter gingen davon aus, dass die Osage mit ihrem Reichtum nicht umgehen können. Deshalb wurden sie verpflichtet, einen Vormund mit der Verwaltung der Öl-Anteile zu betrauen. Weiße Geschäftsleute und Anwälte drängten in die Vormundschaft. Eine unglaubliche Mordserie war die Folge. Starb ein Osage, ging das Geld an den Vormund oder an noch lebende Ehepartner über.
1921 starben innerhalb kurzer Zeit 26 Osage, an Schussverletzungen, Explosionen, Vergiftungen. Einige verschwanden spurlos. Weitere 60 wurden in den folgenden Jahren ermordet oder galten als vermisst. Die Polizei zeigte wenig Interesse, die Morde aufzuklären. Bei den Ermittlungen wurde systematisch und tatkräftig geschlampt.
Das schreckte auf, auch die Zeitungen, die von einer „Schreckensherrschaft” titeln. Privatdetektive sollte die Morde aufklären. Erfolglos. 1925 nahm dann J. Edgar Hoover vom Bureau of Investigation, dem Vorläufer des FBI, Ermittlungen auf. Die verdeckten Ermittler machten einen Verbrecherring aus. Einige der Mörder wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, kamen zur Überraschung der Osage einige Jahre später aber wieder frei.
Grundlage des Films ist das Sachbuch von David Grann. Seine Recherche zeichnet ein erschütterndes Bild weißer Habgier und Gewalt. Grann belegt, dass es sich um eine „riesige kriminelle Operation” gehandelt hatte, die „Millionen und Abermillionen Dollar” kassierte, zitierte Entertainment Weekly aus den Recherchen von Grann.
Dazu gehörten Versicherungsbetrug, Unterschlagungen und Morde von Eheleuten, um an das Geld zu kommen. Laut Grann war damals „praktisch jedes Element der Gesellschaft an diesem mörderischen System beteiligt”, nicht nur die wenigen Verurteilten. Oklahoma, die USA, blieben den Prinzipien ihrer Gründerväter treu. Macht euch dieses Land untertan und killt den Indianer.
Oklahoma, Land des roten Mannes?
Oklahoma, den dorthin vertriebenen Stämmen wurde das ihnen zugewiesene Land für die Ewigkeit versprochen, teilten sich landhungrige Weiße – von den Landlosen bis zu den Konzernen – unter sich auf. Das Groß-Reservat wurde aufgelöst, das Land gestohlen, die indianischen Nationen nach ihrer Vertreibung aus ihren Heimatregionen in den östlichen USA abermals enteignet.
Sie kamen unter die Räder Landloser, besonders aber unter die Profitgier der Eisenbahngesellschaften und Bodenspekulanten, beschreibt Karl Schlögel in seiner „American Matrix“ die anhaltende Landnahme indigener Territorien, ermöglicht durch den sogenannten Homestead Act von 1862.
Die siegreichen USA zwangen den überlebenden Indianern ihr Gesellschaftsmodell aus. So wurde das den besiegten Stämmen zugewiesene kollektive Restland im Gemeindeeigentum in Individual- und Privateigentum umgewandelt. Das Ziel war klar, schreibt Schlögel, die Angehörigen der Stämme sollten zu Privateigentümern umgewandelt werden, zu US-amerikanischen Staatsbürgern. Damit wurden die ehemaligen Indian Territories amerikanisiert, zum Bundesstaat Oklahoma.
Die Osage lebten ursprünglich in den fruchtbaren Tälern am Ohio und Mississippi. Der demokratische Präsident Jackson ließ sie vertreiben, zugunsten der aus dem US-Osten westwärts drängenden Landsuchenden. Betroffen davon waren die „Fünf zivilisierten Stämme“ wie die Cherokee, die Muskogee und noch viele andere indigene Nationen. Die US-Regierung wies ihnen im heutigen US-Bundesstaat Oklahoma Reservate zu. So lange das Gras wächst …
Trotz des Ewigkeitsversprechens sickerten immer mehr Weiße ins „rote Land“ ein. Die Osage erkannten die Gefahr und kauften ihr Land. 1870 zahlten sie 1,90 US-Dollar pro Hektar und erwarben damit eine 5.700 Quadratkilometer große Region an der Grenze zu Kansas.
Der Film „Killers of the Flower Moon” ist auch ein Dokument des fortgesetzten Krieges der US-Gesellschaft gegen die Nachkommen der Ureinwohner. Dafür bedankte sich Standing Bear – Vorsitzender der Osage – beim Regisseur Martin Scorsese, der die Osage in die Film-Produktion einband. Auch die alte Osage-Sprache wird im Film gesprochen. Von den 25.000 Angehörige der Osage, nur mehr die Hälfte lebt in Oklahoma, verstehen nur mehr 400 Personen diese Sprache, höchstens 75 sprechen sie noch. Laut Standing Bear ist das diskriminierende Gesetz von 1906 noch immer in Kraft.
„Scorses Film ist in meinen Augen wirklich ein historisches Ereignis“, würdigt Standing Bear „Killers of the Flower Moon“. Ein Thriller als Abrechnung mit der „Eroberung des Westens“, ein „Sittengemälde“ der US-Gesellschaft, die keine Rücksicht auf die indigenen Überlebenden der Eroberung nahm, meint der NDR.
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