TRANSKRIPT – IN THE SPIRIT OF CRAZY HORSE

Leavenworth, Kansas 1997

Die lange Geschichte des politischen Gefangenen Leonard Peltier – seit 1976 hinter Gittern

TRANSKRIPT der Podcast-Folgen „In the Spirit of Crazy Horse“

Von Claus Biegert

M U S I K  : Rabbit Dance Song (Floyd Red Crow Westerman/ David Amram)

Mit jenem Montag begann eine Woche des Bangens. Es war der 16. Januar 2017. In vier Tagen würde Barak Obama das Amt des Präsidenten an Donald Trump übergeben. Als unsere Tochter Tara von der Schule nachhause kam, galt ihre erste Frage Leonard Peltier.

Tara war mit Leonards Geschichte vertraut. In den Jahren bevor sie in die Schule kam, organisierte ich alljährlich in der ersten Dezemberwoche eine Benefiz-Auktion für Leonard, in der Galerie Ferretti, an der Isar nahe dem Deutschen Museum.

„Wohin gehst du, Papa?“

„Wir sammeln Geld für einen Indianer im Gefängnis.“

„Wie heißt er, Papa?“

„Leonard Peltier, Tara“

Im Januar 2017 war Tara vierzehn Jahre alt. Leonards Schicksal gehörte inzwischen zum Geschichtenschatz unserer Familie. Jede Neuigkeit zu seinem Fall wurde ausgiebig diskutiert.

Heute, am 16. Januar, hofft unsere Tochter auf gute Nachricht aus Washington. Sie weiß, dass US-Präsidenten, bevor sie das Weiße Haus verlassen, beliebig viele Menschen in Haft begnadigen können. Bis zum Präsidentenwechsel sind es noch vier Tage.

„Gibt es was Neues, Papa ?“

„Nichts Neues, Tara“

Dienstag, 17. Januar. Es  gibt es tatsächlich eine Neuigkeit,  Leonards Verteidigungskommittee hat sie mir kurz nach Mitternacht übermittelt: Papst Franziskus hat an Präsident Obama geschrieben, ihn persönlich gebeten, dem indianischen politischen Gefangenen Leonard Peltier Gnade zu gewähren. Dazu muss man wissen, dass Leonard sich viele Jahre geweigert hat, bei Gnadengesuchen einzuwilligen. Er wolle keine Gnade, lautete seine Begründung, er wolle Gerechtigkeit. Doch mit den Jahren hat seine Gesundheit gelitten, und er war dem Rat von Anwälten, Freunden und Verwandten schließlich gefolgt und hatte eingewilligt.

„Tara, der Papst hat an Obama geschrieben!“

Es scheint jetzt nur noch eine Angelegenheit von Tagen, vielleicht nur Stunden, dann würde Leonard frei sein. Das Gefühl der Hoffnung weicht jetzt einem Gefühl der Sicherheit.

Doch der Dienstag geht zu Ende ohne neue Meldungen. Ich werde an die Woche erinnert, in der Präsident Bill Clinton seine Begnadigungen erledigte. Wie sicher waren wir Unterstützer alle damals 2001 gewesen. Clinton hatte im Jahr zuvor das Reservat Pine Ridge in South Dakota besucht, viele Lakota hatten bei seiner Rede im Freien Schilder hoch gehalten, „Freedom for Leonard Peltier“, er war auch direkt darauf angesprochen worden. „I will look into it“, hatte er geantwortet. Das war Diplomatensprache, das sei positiv zu werten, sagten die Anwälte. Das FBI schien es ebenso zu sehen, denn es organisierte einen Protest vor dem Weißen Haus. Und William Janklow, der ehemalige Gouverneur von South Dakota und kein Indianerfreund , bat um eine Privataudienz beim Präsidenten. Clinton kannte Janklow aus seiner Zeit als Gouverneur von Arkansas, beide gehörten damals der National Governors Association an. Und dann mischte sich noch Tom Dashle ein, Sprecher des Senats, selbst auch aus South Dakota. Eine Begnadigung, so Dashle, würde der Demokratischen Partei schaden. Das Wort der beiden hatte Gewicht:  Clinton hielt sein Versprechen nicht. He did not look into it.

Sechzehn Jahre waren seitdem vergangen.

Tara ist schon im Bett. Ich bleibe noch auf, sitze vor dem Bildschirm, lasse Mitternacht vorüber gehen. In allen Mails aus den USA ein Bangen und Warten. Das Gefühl der Sicherheit wird blass und macht wieder dem Gefühl der Hoffnung Platz.

Mittwoch, 18. Januar. Die Nachrichtenagenturen geben die Begnadigungen durch Barak Obama bekannt. Prominentester Name auf seiner Liste: Chelsea Manning, die Whistleblowerin, die des Landesverrats angeklagt ist, weil sie gut 800 000 militärische Geheimakten an Wikileaks geleitet hatte. Dabei war auch ein Video, das zeigt, wie US-Soldaten 2007 im Irakkrieg aus einem Kampfhubschrauber das Feuer auf Zivilisten eröffneten. Chelsea hieß damals noch Bradley und war IT-Spezialist der US-Streitkräfte. Er wurde zu 55 Jahren Gefängnis verurteilt; in der Haft änderte Bradley sein Geschlecht und wurde Chelsea.

Leonard Peltiers Name steht nicht auf Obamas Liste.

M U S I K    You’re a Brave One (Joanne Shenandoah)

Den Namen Leonard Peltier hörte ich zum ersten Mal bewusst im November 1975, als ich vom FBI verhört wurde. Die US-Border Patrol hatte mich wegen meines abgelaufenen Visums an der kanadischen Grenze festgehalten. Meine Daten wurden an das FBI durchgegeben, vorsorglich meine Fingerabdrücke genommen.  Anlass war mein Gepäck, das viele Hinweise gab, dass ich die letzten Wochen bei Indianern verbracht hatte: Bücher, Sweetgrass, mit Perlen bestickte Mokassin, drei Ausgaben der Zeitung „Akwesasne Notes“, die von den Mohawks herausgegeben wurde.. Das FBI meldet sich nach Stunden, sie hätten an diesem Tag keinen Mann mehr frei, am Morgen käme ein Agent. Und so verbrachte ich die Nacht im Franklin County Jail in Malone, einer Grenzstadt von Up-State New York.

Ich schlief schlecht, dachte an die vielen Ureinwohner im Widerstand, die nicht nur eine Nacht hinter Gitter waren. Am Morgen wurde mir ein Rasierapparat mit Pinsel und Seife in die Zelle gebracht, doch ich schaffte es, dem Wärter klar zu machen, dass ich in dieses Haus nur zur Übernachtung gekommen war, und dass ich in Kürze abgeholt würde. Er glaubte mir, und ich konnte meinen Bart behalten.

Das Gespräch mit dem FBI-Vertreter im Büro der Border Patrol fand unter vier Augen statt. Der Agent war etwa Mitte dreißig, trug einen grauen Anzug und eine weiß-rot-schwarz schräg gestreifte Krawatte. Er sagte nicht Mr. Biegert, sondern Claus.

Als erstes wollte er wissen, ob es sich bei meiner Adresse in München um ein Haus oder um ein Apartment handelte. „Claus, is it a house or is it an apartment?“ Ich sagte ihm, dass ich einem Apartment in einem großen Haus wohne.

Dann kam er zur Sache: „Claus, you must know the FBI is a big family. And two of our uncles got killed.”

Das FBI sei eine große Familie und zwei ihrer Agenten seien erschossen worden. Das sei so, sagte er, als seien zwei meiner Onkel ermordet worden. „Claus, imagine two of your uncles got murdered!“ Und sie würden den Täter fassen, das hatten sich alle beim FBI geschworen. Er wolle mir jetzt eine Reihe indianischer Namen vorlesen und ich solle sagen, wenn ich die eine oder andere Person kennen würde. Ob ich dazu bereit wäre? Ich nickte. Er begann: “Leonard Crow Dog, Russell Means, Dennis Banks, Leonard Peltier, Wallace Black Elk, Carter Camp, Clyde Bellecourt, Oscar Bear Runner, Milo Yellow Hair … beautiful names, aren’t they?” Ja, schöne Namen, ich hatte sie alle oft gehört, viele sollten in den kommenden Jahren meine Freunde werden, getroffen hatte ich zwei Jahre zuvor nur Dennis Banks und Russell Means. Ich sagte: „I have heard those names, but I do not know them“.

Die Zusammenkunft endete mit einem Angebot: „Claus, we could work together, if you hear anything relevant, just call us.” Er gab mir zum Abschied die Hand.

Ein junger Beamter der Border Patrol fuhr mich auf meinen Wunsch an den Stadtrand von Malone zum Highway 30 South. Ich wollte über Albany nach New York City; dort würde ich nach München zurück fliegen. In einem Streifenwagen zum hitch hiking, das gefiel mir gut. Der Polizeibeamte ließ mich an einem Platz aussteigen, an der ein Auto gut halten konnte, wünschte mir „a good ride to the big city“, machte einen U-Turn und fuhr zurück nach Malone.

M U S I K       I am a Stone ( MITCH WALKING ELK )

Den Namen Leonard Peltier hörte ich bewusst erst in Deutschland. Die Gesellschaft für bedrohte Völker meldete seine Verhaftung im Februar 1976.

Seine Geschichte verlangt einen weiten Blick zurück. Die Eroberung Nordamerikas ist eine Geschichte des anhaltenden Völkermords. Als die Indianerkriege mit dem Massaker am Wounded Knee Creek im Dezember 1890 offiziell als beendet galten, die Soldaten der 7.Kavallerie in Washington für das Töten unbewaffneter Männer, Frauen und Kinder mit Tapferkeitsmedaillen dekoriert und die Reste der Stämme in Prison Camps umgesiedelt worden waren, galt das Indianerproblem als gelöst. Das 1824 gegründete Bureau of Indian Affairs war bereits vom Kriegsministerium in das Innenministerium verlegt und die Internierungslager in Reservate umbenannt worden – sie sollten Adolf Hitler später als Inspiration für seine Konzentrationslager dienen. An die Stelle des Ausmerzens trat jetzt die Assimilation. Die Kinder wurden von den Eltern getrennt und in Boarding Schools – Internate außerhalb der Reservate – untergebracht. Sexueller Missbrauch geschah häufig. Und wer sich wehrte oder beim Sprechen der eigenen Sprache erwischt wurde, musste mit Einzelhaft in Ketten rechnen. Viele Kinder starben auf der Flucht, aber auch in den Schulen.

Den Heranwachsenden, die den American Way of Life bejahten, wurde der Weg geebnet, sie erhielten Posten in den neuen Stammesregierungen nach weißem Muster, eingesetzt vom Bureau of Indian Affairs , von den Betroffenen BIA genannt.  Die traditionellen Häuptlinge wurden von der US-Regierung als Sprecher ihres Stammes nicht mehr anerkannt. Von nun an existierten in der indianischen Welt zwei Lager: Progressives und Traditionals. Die Fortschrittlichen, die sich von ihrer Kultur distanzierten und oft Weiße heirateten, wurden von den Traditionalisten spöttisch apples genannt: Äpfel – außen rot, innen weiß. Wollte die US-Regierung den Zugriff auf Reservatsland, hatte sie in den vom BIA eingesetzten Stammesverwaltungen willfährige Partner: Ja-Sager, vor allem wenn es um militärische Nutzung und Bodenschätze ging. Alles wurde mit Geld geregelt.

Im Februar 1973 barst das System der Unterdrückung, und zwar dort, wo im Dezember 1890 das Massaker an fast 300 Männern, Frauen und Kindern der Minneconjou-Lakota geschehen war: am Chankpe Opi, dem Flüsschen Wounded Knee im Reservat Pine Ridge. Das Reservat war das ehemalige Gefangenenlager 344, im US-Staat South Dakota.

MUSIK   B.I.A. (Floyd Red Crow Westerman)

Die Besetzung von Wounded Knee nicht der erste große Akt des Widerstands : 1969 vereinten sich die Stämme der Nordwestküste in einem Kampf um die Fischereirechte, im gleichen Jahr hatten Angehörige verschiedener Stämme vor der Küste San Franciscos die leere Gefängnisinsel Alcatraz vor der Küste San Franciscos besetzt, um eine Universität zu errichten, und 1972 hatte eine Karawane mit ständig wachsender Teilnehmerzahl Washington, DC erreicht und das Gebäude des BIA besetzt – nicht ohne zahlreiche Beweise für Korruption und Betrug mit sich zu nehmen. Jedoch hat keine Protestaktion davor die indianische Welt derart aufgerüttelt und geeint, wie jener Aufstand im Februar 1973.

Es waren die alten Frauen der traditionell gesinnten Bevölkerung gewesen, die den Rassismus außerhalb des Reservats nicht mehr hinnehmen wollten, genauso wenig wie die fortschreitende Zerstörung der Landwirtschaft im Reservat, die extreme Armut, die Arbeitslosigkeit, die hohe Selbstmordquote, die kulturelle Entfremdung der Kinder, die Bevormundung in allen Lebensbereichen durch eine Diktatur der korrupten Stammesregierung. Und nicht zuletzt wollten sie auf den Diebstahl ihrer heiligen Berge He Sapa, der Black Hills, aufmerksam zu machen. Laut Vertrag von Fort Laramie 1868 gehörte das Bergmassiv noch immer den vereinigten Stämmen der Lakota, Dakota und Nakota. Es war die Idee der stammesältesten Frauen, das American Indian Movement zur Hilfe zu rufen.

MUSIK:   Wounded Knee (Floyd Red Crow Westerman)

Das American Indian Movement, kurz AIM, war im Gefängnis Stillwater entstanden, nördlich von Minneapolis-St.Paul im US-Staat Minnesota. Verschiedene Gefangene, unter ihnen die Anishinabe Dennis Banks und Clyde Bellecourt, hatten erkannt, dass sie, sollte sich je etwas ändern, selbst eine Alternative zum bestehenden System schaffen mussten. Wieder auf freiem Fuß bauten sie die AIM-Patrol auf, eine Stadtteil-Patrouille, die nachts nach Schließen der Bars den Polizeistreifen folgte, um die indianischen Passanten auf ihrem Heimweg zu schützen. Immer wieder war es zu Vergewaltigungen von Frauen gekommen, Männer wurden regelmäßig fest genommen. Das war 1968. Die Kunde von der effizienten Sozialarbeit des American Indian Movement machte die Runde im Westen. Wounded Knee sollte AIM dann zu nationaler Popularität verhelfen. Ein Lied der Northern Cheyenne in Montana wurde zum AIM-Song, gewissermaßen einer musikalischen Erkennungsmelodie des indigenen Widerstands. Der Song war ein Geschenk der Northern Cheyenne an die Familie von Raimond Yellow Thunder, der von Weißen umgebracht worden war. Yellow Thunders Leiche wurde kastriert im Kofferraum eines Autos gefunden. Vorfälle wie dieser gehörten zu den Jahren vor Wounded Knee. Dennis Banks, einer der Gründer von AIM, stellt den Song vor:

MUSIK:   AIM SONG  (Dennis Banks)

Als die Aktivisten am 27. Februar 1973 singend und die Trommel schlagend nach Wounded Knee ziehen, erfüllen sie alle stereotypen Bilder, die Hollywood in den Köpfen der Amerikaner verankert hat: Sie tragen Federn in den langen Haaren, haben Fransen an ihren Lederjacken, sie singen Lieder, die die Außenstehenden nicht verstehen, sie haben Gewehre, auch wenn manche nur Attrappe sind, und sie sind entschlossen, nicht mehr zu weichen.

Die Rechnung ging auf: Oscar Bear Runner, ein alter Oglala-Lakota, stellte sich mit seinem Gewehr, das kaum mehr zum Schießen taugte, vor den ersten Fotografen, und sein Bild ging um die Welt. Man entschloss sich, das Gelände um den Friedhof zu besetzen, einschließlich der Trading Post von Wounded Knee. Die Trading Post wurde von Clive und Agnes Gildersleeve betrieben, sie war ein Souvenir- und Gemischtwarenladen, und diente zusätzlich als Postamt und Leihhaus. Die Gildersleeves lebten auf ehemaligem Stammesland, das mit der Besetzung wieder an seine Besitzer zurück ging. Der von der US-Regierung 1934 eingerichtete Stammesrat hatte schon früh Land bevorzugt an Halbblut-Lakota vergeben, ebenso an Mischehen. So wurde schon früh ein indianischer Rassismus etabliert, der bis heute seine Spuren zeigt. Das Reservat ist von Stacheldraht durchzogen, dem Stamm der Oglala-Lakota steht nur wenig Land zur gemeinschaftlichen Nutzung zur Verfügung.

Die Trading Post brannte nieder, als eine Öllampe nachts versehentlich umgestoßen wurde. Geiseln wären für die Medien nicht schlecht, meinte einer der Anführer des American Indian Movement. Die Gildersleeves und ihre Angehörigen erklärten sich einverstanden, zu elft die Rolle der Geiseln zu übernehmen, auch um durch ihre Anwesenheit, vorschnelle Übergriffe der Polizeikräfte zu verhindern.

M U S I K     

In Washington wurde der Protest als Angriff auf die nationale Sicherheit eingestuft, denn AIM galt als „kommunistisch unterwandert“. Alexander Haig, der stellvertretende Stabschef der US-Armee, berief eine Sondersitzung im Pentagon ein. Wir wissen nicht, ob General Haig an diesem Morgen des 28. Februar 1973 an das letzte Jahrhundert dachte, als er zwei seiner besten Leute heraus griff und beauftragte, sich der Sache anzunehmen. Colonel Volney Warner von der 82. Division der Luftwaffe und Colonel Jack Potter von der Sechsten Armee, beide mit Vietnam-Erfahrung, sollten, darauf legte Haig Wert, bei diesem Auftrag keine Uniform tragen. Die Zeiten hatten sich geändert, die Medien sollten nicht sofort merken, dass die Armee im eigenen Land eingriff. Denn das war seit dem Bürgerkrieg nicht mehr passiert; im Übrigen fehlte die legale Basis: Es gab weder eine Kriegserklärung noch einen Sonderbefehl des Präsidenten, der Richard Nixon hieß. Aber es gab einen Beschluss aus den sechziger Jahren, mit dem Titel Garden Plot – Verschwörung im Garten – und auf den stützte sich Haig. Garden Plot sollte Anwendung finden, wenn das Sozialgefüge der USA von Bewegungen innerhalb des Landes bedroht war. Für diesen Fall war ein Zusammenwirken aller Verteidigungskräfte vorgesehen: Armee, Marine und Luftwaffe gemeinsam mit der Nationalgarde, den US-Marshals und der Highway Patrol.

Zu den Verbündeten vor Ort gehörte auch noch das FBI, das Federal Bureau of Investigation. Das Büro wollte COINTELPRO anwenden, eine Unterwanderungsmethode, die bereits bei der Black Panther Party, der revolutionären Befreiungsbewegung der Schwarzen, zum Einsatz gekommen war. Und schließlich gab es noch die indianische Reservatspolizei, sowie eine vom Stammesrats-Vorsitzenden Dick Wilson eingesetzte Privattruppe, die GOONs. Die GOONs – ausbuchstabiert – sahen sich als „Guardians of the Oglala Nation“, obwohl sie in keiner Weise die Interessen der Oglala Nation vertraten.

Die Befehlshaber im Pentagon einigten sich auf 17 Panzer, dazu Helikopter und Phantom-Bomber nach Bedarf, 130.000 Schuss Munition vom Typ M-16, 41.000 vom Typ M-1, 24.000 Leuchtraketen, zwölf M-79 Abschussrampen, 600 Patronen Tränengas, 100  Sprengkörper vom Typ M-40.

Das Militär rückte an, und mit ihm die Medien. Vielleicht wäre es außer den zwei Toten auf indianischer Seite zu größerem Blutvergießen gekommen, wenn die Belagerung nicht vor den Augen der internationalen Öffentlichkeit geschehen wäre. Der Ausnahmezustand dauerte 71 Tage. Immer deutlicher offenbarte sich, dass der Aufstand von symbolischem Charakter war und allein zum Ziel hatte, in einen fruchtbaren Dialog mit der US-Regierung zu treten. Am 8. Mai endete der Aufstand der Traditionalisten, die während ihrer Besetzung die „Independent Oglala Nation“ ausgerufen hatten.

Die anschließenden Strafprozesse gegen die Aufständischen in St. Paul, Minnesota, wurden niedergeschlagen. Als Richter Fred Nichols feststellen musste, dass sämtliche Telefonate der Angeklagten mit ihren Anwälten vom FBI abgehört wurden, sich außerdem das Weiße Haus weigerte, Gesprächsprotokolle zu Wounded Knee dem Gericht auszuhändigen, stellte er die Verfahren ein. Von Nichols ist der Ausspruch überliefert, er habe bisher an die Amerikanische Verfassung, die Flagge und Apple Pie geglaubt. Davon sei jetzt nur noch der Apfelkuchen geblieben. Anders William Janklow, der Gouverneur von South Dakota: Er gab öffentlich bekannt, die einzige Lösung des Indianerproblems sei eine Kugel durch den Kopf der militanten Indianerführer Dennis Banks und Russell Means.

Was wie ein Höhepunkt erschien, war jedoch nur der Anfang. Washington wollte sicher gehen, dass der Widerstand nicht wie ein Lauffeuer auf die anderen Stammesgebiete übergreifen würde. Unter dem Boden der Reservate lagen wertvolle Bodenschätze: Öl, Kohle, Gold, Uran. Man brauchte kooperative Stammesregierungen. Würden die Reservate künftig von Traditionals kontrolliert, wäre der ungehinderte Zugriff auf die Ressourcen gefährdet.

Also wurden über 30 FBI-Agenten in Kampfanzügen auf dem Pine Ridge Reservat stationiert und die Privatpolizei des Stammesrats mit Bier und Munition versorgt, damit das Bild sicher gestellt war, was nach außen hin präsentiert wurde: Ein drohender Reservatskrieg, der nur durch das Eingreifen des FBI verhindert werden konnte. Tatsächlich war es ein Krieg zwischen Traditionals und Progressives , den das FBI schürte. Über 60 Reservatsbewohner starben in dieser Zeit durch Schüsse, die Morde sind bis heute nicht aufgeklärt. Zwei Jahre dauerte der Terror. In diesen zwei Jahren bildete das FBI 2000 Agenten auf dem Reservat aus. Der indianische Bürgerkrieg diente als realistische Bühne.

Die permanente Erinnerung an diese Ära der Angst ist Leonard Peltier, der seit 1976 im Gefängnis lebt.

M U S I K

Leonard war am 26. Juni 1975 in einen Schusswechsel verwickelt, der von zwei FBI-Agenten ausgelöst worden war, die – so die Verlautbarung des FBI – einen Jugendlichen verhaften wollten, der bei einem Überfall ein Paar Cowboy-Stiefel gestohlen hatte. Den genauen Hergang wird man nie erfahren. Am Schluss des Schusswechsels lagen die zwei FBI-Agenten und ein junger Indianer tot am Boden.  Von den drei steckbrieflich gesuchten AIM-Mitgliedern wurden zwei – Bob Roubideau und Dino Butler – kurz darauf in South Dakota gefasst; der dritte – Leonard Peltier – war nach Kanada geflohen. Wäre er in den USA geblieben, wäre er wahrscheinlich heute frei. Denn Roubideau und Butler wurden beim Prozess in Cedar Rapids, Iowa freigesprochen; die Geschworenen erkannten die Selbstverteidigung an.

Jetzt war Leonard Peltier, geboren am 12. September 1944,  im Fadenkreuz der Polizeikräfte, quer über den Kontinent wurden die Steckbriefe ausgehängt. Anfang 1976 wurde er in Kanada aufgespürt, genau an dem Ort, an dem ich mich drei Monate vorher aufgehalten hatte: in Small Boy’s Camp in den Rocky Mountains in der Provinz Alberta. Ein alter Mann namens Yellow Bird, der die Hintergründe nicht kannte, meldete Peltiers Aufenthaltsort der RCMP, der berittenen Polizei Kanadas.

Auf Grund von Zeugenaussagen einer Frau namens Myrtle Poor Bear, die das FBI selbst verfasst hatte, erzwangen die Behörden in den USA seine Auslieferung. Dass die Kronzeugin Myrtle Poor Bear später zusammen brach und zugab, Leonard Peltier gar nicht zu kennen und zur Unterschrift gezwungen worden zu sein, änderte nichts am Prozessverlauf: 1977 wurde Leonard Peltier zu zweimal lebenslänglich verurteilt, mit dem Zusatz „hintereinander abzuleisten“.

Peltier kam in den Hochsicherheitstrakt von Marion im US-Staat Illinois. Im dritten Jahr verlegte man ihn in das Lompoc Prison, eine Haftanstalt in Kalifornien, aus der sich noch ausbrechen ließ. Man hatte ihm einen indianischen Häftling zur Seite gegeben, der ihn zur Flucht überreden sollte. Peltier durchschaute den Plan – und wagte dennoch den Ausbruch. Er schaffte es, der andere wurde von den Wachen erschossen. Vielleicht war auch dies Teil des Planes. Vier Tage verbrachte er in Freiheit, ohne Nahrung, bis ihn ein Farmer in einem Melonenfeld entdeckte und die Polizei rief. Der Sheriff, der den Anruf entgegen nahm, wusste, dass er verpflichtet war, das FBI zu informieren. Er tat es erst, als er bereits auf dem Weg zum Feld war – und rettete Leonard damit das Leben.

Als ein Unbekannter mit gezogener Pistole angerannt kam, hatte der Sheriff Peltier bereits die Handschellen angelegt. „In meiner Gegenwart wird nicht getötet“, sagt er zu dem FBI-Mann. „Er hat mir das Leben gerettet“, sagt Peltier, als ich ihn bei einem Besuch im Gefängnis in Leavenworth, Kansas darauf anspreche.

O-Ton: PELTIER aus dem FILM „I’M THE INDIAN VOICE“

Später, vor Gericht in Los Angeles, als ihm der Prozess wegen des Ausbruchs gemacht wurde, entpuppte sich der FBI-Agent im Kreuzverhör der Verteidigung als Mitglied eines Sonderkommandos, das eingesetzt wird, um FBI-Agenten zu rächen, die in der Ausübung ihres Amtes ums Leben kamen.

Nichts von dem, was seine Schuld beweisen sollte, hielt bis heute einer Überprüfung stand. Selbst ballistische Berechnungen waren verändert worden. Myrtle Poor Bear, deren erzwungene Aussage ursprünglich zur Auslieferung aus Kanada geführt hatte, war als Zeugin nicht mehr zugelassen. Ein neuer Prozess wurde von seinen Verteidigern mehrmals angestrengt, aber immer verweigert. Da der Vorwurf des zweifachen Mordes nicht zu halten war, verwandelte das Gericht die Anklage schließlich in Beihilfe zum Doppelmord – „aiding and abetting“. Bei gleicher Strafe. Da halfen auch Interventionen von prominenter Seite nicht: Der Erzbischof von Canterbury, Erzbischof Desmond Tutu  aus Südafrika, Nelson Mandela, der Dalai Lama, 57 Kongressabgeordnete, Parlamentarier aus Kanada und Mitglieder des Europa-Parlaments, Nordamerikas führende indianische Organisationen, selbst einstige Richter und Ankläger pochten in den folgenden Jahrzehnten immer wieder auf seine Freilassung.

MUSIK

45 Jahre waren es in diesem Winter. Leonard Peltiers Geist ist ungebrochen. Aber er ist 76 Jahre alt, ergraut, gebeugt, er hat Diabetes, hohen Blutdruck und Verdacht auf Prostatakrebs. Dazu kommt die Erblindung auf einem Auge in Folge eines Schlaganfalls. Ärztliche Versorgung muss er sich erkämpfen. Jahrelang konnte er sich wegen einer Kiefersperre nur mit Hilfe eines Strohhalms ernähren. Erst als ein Arzt der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota, seine Dienste gratis anbot, wurde er 1999 operiert. Längst ist eine Nachbehandlung von Nöten, doch die wird ihm verweigert. Täglich gehen Petitionen im Weißen Haus ein, die seine medizinische Betreuung fordern. Derzeit ist seine Adresse das Hochsicherheitsgefängnis Coleman in Florida. „Sie suchen immer die größtmögliche Entfernung zu meinen Verwandten auf dem Turtle Mountain Reservat in North Dakota“, sagt er am Telefon.

Wenn er genügend Farben hat, dann malt er. Er hat sich das Malen selbst beigebracht, und eine Zeitlang hat der Verkauf seiner Bilder die Anwälte finanziert. Er fing an zu dichten, und mehrere Jahre gab er die Zeitung „Crazy Horse News“ heraus;  außerdem veröffentlichte er seine Biografie „My Life is My Sundance“. Der Sonnentanz ist die zentrale Zeremonie im spirituellen Leben der Präriestämme: Die Männer tanzen um den heiligen Baum und sind über Lederschnüre mit dem Stamm verbunden; diese Schnüre führen durch Hautschlaufen auf der Brust. Der Schmerz ist Meditation, Konzentration auf die Kräfte der Erde, die sie als Mutter verehren. Und kollektives Erleiden für jene, die kraftlos werden im Antlitz der Krisen. Und nicht zuletzt ein Ausgleich für den Schmerz, den Frauen ertragen müssen, wenn sie neues Leben gebären. „Meine Gefangenschaft ist mein Sonnentanz“, sagt Leonard mit einer Stärke, die erstaunt. „Sie erstaunt euch Weiße“, sagt er, „wir Ureinwohner der Schildkröteninsel haben über Jahrhunderte gelernt, Schmerzen und Verluste zu ertragen und trotzdem nicht aufzugeben.“

Im Dezember 2012, in New York City, ein neuer Versuch die Aufmerksamkeit der Medien zu gewinnen. „Bring Leonard Peltier Home” steht im Lichtkasten über dem Eingang des Beacon Theatre am Broadway. Zwei amerikanische Legenden – Harry Belafonte (damals 85) und Pete Seeger(93) – haben kurz vor Weihnachten zu einem reichhaltigen Abend mit Filmen, Ansprachen und Musik eingeladen, um den Namen des Gefangenen Nr. 89637-132 wieder ins Bewusstsein zu holen. Die früheren Anwälte leben nicht mehr, die neue Generation in den Redaktionen der TV-Stationen und Zeitungen hat den Namen Peltier noch nie gehört. An die 2000 Menschen sind an diesem Abend gekommen. Amy Goodman hatte in ihrer täglichen Sendung am Morgen die Veranstaltung angekündigt. Der Dokumentarfilmer Michael Moore ist in Rage, als er ans Rednerpult tritt: „As long as Leonard Peltier is not free, we all are not free“, donnert er ins Mikrophon: Solange Peltier nicht frei ist, sind wir alle nicht frei!. Offiziell soll Peltier 2040 frei gelassen werden; er wäre dann 96 Jahre alt.

Der Abend im Beacon bleibt in den Medien unerwähnt. Am nächsten Morgen gibt es an einer Grundschule in Connecticut einen Amoklauf mit 28 Toten. Sämtliche Schlagzeilen der nächsten Tage waren damit besetzt..

MUSIK

Schikanen verhindern oft sein kreatives Schaffen. 2015 wurde eine 20-Dollarnote mit der Post in seine Zelle geschmuggelt; als er den Schein sah, ließ er ihn zurück gehen, denn Geldbesitz ist in der Zelle untersagt. Doch der Straftatbestand galt als erfüllt: unerlaubter Besitz von Bargeld. Es folgten Wochen in Isolationshaft. Die Schwitzzeremonie, um die er jahrlang erfolgreich gekämpft hatte, ist längst wieder abgeschafft. Mit den Medizinmännern, die als spirituelle Betreuer ungehinderten Zugang zu ihm hatten, gelang es ihm in den 80er Jahren, die Sweatlodge für indianische Gefangene zu etablieren. Peltiers Blick geht in die Ferne, wenn er davon spricht. „Wenn es schwarz wird um mich herum, und wenn das Wasser auf den glühenden Steinen verdampft, dann bin ich frei. Mein Geist kann fliegen.“ Sein Geist darf nicht fliegen. Er darf neben Familienangehörigen und einem Medizinmann weder Journalisten noch Freunde sehen. Und als sie heraus fanden, dass der Navajo-Medizinmann Lenny Foster, sein bisheriger spiritueller Betreuer, seine Arbeit für indianische Gefangene nach 38 Jahren beendet hatte, wurden dessen Besuche gestrichen. Begründung: Foster sei keine religiöse Autorität mehr, sondern käme als Freund.

M U S I K

 

Februar 2021. Als ich diesen Text aufnehme, keimt wieder Hoffnung: Im Kabinett von Joseph Biden ist eine ungeahnte Vielfalt entstanden. Das Innenministerium untersteht – man kann seinen Ohren und Augen kaum trauen – Deb Haaland, einer indigenen Frau aus dem Laguna Pueblo in New Mexico.

Dies zeige, so Leonard Peltiers Anwalt Kevin Sharp, „dass indigene Belange auf der politischen Agenda von Washington stehen wie nie zuvor.“ Kevin Sharp kommt aus Nashville, Tennesee. Er war von Barak Obama zum Richter ernannt worden und hatte unter Trump sein Amt niedergelegt. Er hat ein Jahr die Unterlagen zum Fall Peltier studiert und dann seine Verteidigung übernommen. Er bittet uns alle, mitzuwirken, Leonard die Rückkehr nachhause zu ermöglichen. Bring Peltier home! . Kevin Sharp wird Präsident Biden bitten, Peltiers Begnadigung in die Wege zu leiten. Sharp wird sich auf den First Step Act von 2018 berufen, ein Gesetz zur Gefängnis- und Strafreform, das ironischer Weise von Präsident Donald Trump unterzeichnet wurde. Alte und Kranke sollen bevorzugt aus der Haft entlassen werden.

Kevin Sharp bittet uns alle, einen Brief an das Weiße Haus zu schreiben und Peltiers Heimkehr nach 45 Jahren zu seiner Familie zu fordern. Die Adresse:

600 Pennsylvania Avenue NW, Washington, DC 20005-0003 , USA

Email  https://www.whitehouse.gov/contact/

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