Bücher gegen das Vergessen

Von Wolfgang Mayr

Simone Brunner hat auf „Ukraine verstehen“ vier Bücher über die Ukraine vorgestellt. Bücher mit Geschichten aus dem Alltag, über einen längst vergessenen Krieg, die Heimkehr der Krimtataren und ein historisches Standardwerk.

Wer spricht noch über die Krim? Seit 2014 ist sie russisch besetzt, diese Annexion war auch der lange Startschuss für den Krieg in der östlichen Ukraine. Präsident Putin legitimierte mit angeblichen historischen Argumenten die „Heimholung“ der Krim. Die Krim, so Putin, ist der Jerusalemer Tempelberg des slawisch-orthodoxen Christentums. Putin betätigt sich als „Sammler russischer Erde“.

Sammelte Putin tatsächlich russische Erde ein? Russische Nationalisten und ihre deutsche Sympathisanten von der Linken über die SPD bis zur AfD sind davon überzeugt. Historikerin Kerstin Jobst widerspricht in ihrem Buch „Iphigenie und Putin auf Tauris“ diesem großrussischen Mythos.

„Geschichte der Krim: Iphigenie und Putin auf Tauris“ von Karin Jobst

Die Krim war in ihrer Geschichte schon immer eine Art Sehnsuchtsort. Dorthin soll Agamemnons Tochter Iphigenie entführt worden sein, um sie vor der Opferung ihres Vaters zu retten, für Adolf Hitler war die Krim das mystische „Gotenland“, Revolutionsführer Lenin bezeichnete die Halbinsel als das Allunions-Sanatorium, für religiöse Fanatiker und Rassisten ist die Krim Grenze zwischen zwischen Christentum und Islam, zwischen Imperium und Nomaden.

Die Krim, recherchierte Jobst, war nie ethnisch homogen. Die Halbinsel war Heimat von Skythen, Römern, Griechen, Goten, Genuesern, Juden, Armeniern, Mongolen und Tataren. Also multi-kulti.

Das änderte sich radikal mit der sogenannten Nationalitätenpolitik des Stalin-Regimes. Stalin ließ im Zweiten Weltkrieg wegen angeblicher Kollaboration mit Nazi-Deutschland die Tataren kollektiv deportieren, gezielt angesiedelt wurden stattdessen russische und ukrainische Zwangs-MigrantInnen. Ethnische Homogenisierung, die Politik faschistischer Regimes.

Jobst wertete für ihr Buch Originaldokumente, Reiseberichte und Tagebücher aus. Die Frage, wie russisch ist die Krim, beantwortet Jobst mit dem Zitat des Historikers Uwe Halbach: „In Wirklichkeit gehört diese Region so selbstverständlich zu Russland wie Algerien zu Frankreich gehört – nämlich kolonialgeschichtlich.“

„Dream Land. One girl’s struggle to find her true home“, Lily Hyde

Lily Hyde beschreibt die – manchmal auch klammheimliche – Rückkehr der Angehörigen des deportierten krimtatarischen Volkes aus Zentralasien. Sie versuchten sich in der alten Heimat wieder einzurichten. In der Fremde, gegen alle Schwierigkeiten wie Bürokratie und Rassismus. Das Buch erschien vor der Annexion der Krim durch Russland. Das russische Regime vor Ort vertreibt inzwischen gezielt die HeimkehrerInnen.

Hyde erzählt über eine Suche nach der alten Heimat, die es nicht mehr gibt. Die ehemaligen tatarischen Dörfer sind Ruinen, Zeugen vergangener Zeit. Die vielen Russen auf der Krim lehnten den Zuzug der Alteingesessenen strikt ab. Hyde lässt diese Geschichte die zwölfjährige Safi erzählen, die mit ihren Eltern aus dem usbekischen Exil in Samarkand auf die Krim zog. Damals noch Teil der Ukraine.

Safi kennt ihre ursprüngliche Heimat nur aus den Erzählungen ihres Großvaters. Seine Bilder und Erinnerungen stimmten aber mit der Realität nicht mehr überein. „Nichts auf der Krim war so, wie Großvater es gesagt hatte,“ lässt Hyde eine enttäuschte Safi erzählen. Hatte der Großvater nur geträumt, fragt sie sich. Die Krim, nur ein Traumland?

„Leben. Geschichte“ von Oleg Senzow

Der Schriftsteller und Regisseur Senzow schrieb acht Geschichten über seine Kindheit. Kleine Alltagsgeschichten wie viele andere auch, seine Kindheit auf der Krim, über das Leben im Dorf, über den Zerfall des Imperiums. Simone Brunner nennt das Buch voller Herz, brutaler Ehrlichkeit und existenzieller Traurigkeit.

Im Vorwort stellt der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow seinen Landsmann vor, der zu den Aktivisten auf dem Maidan zählte. Für Kurkow ist Senzow ein Vorbild, aufrecht und furchtlos. Bekannt wurde Senzow nach der Annektion der Krim. Wegen seines Widerstandes wurde er verhaftet, weil „Terrorist“. Fünf Jahre verbrachte Senzow in russischen Gefängnissen, 2019 wurde er entlassen. Im Oktober 2018 wurde Senzow der Sacharow-Preis für geistige Freiheit des Europäischen Parlaments verliehen.

„Krim-Krieg. Der letzte Kreuzzug“ von Orlando Figes

Der britische Historiker arbeitete den vergessenen Krim-Krieg von 1853 bis 1856 auf. Figes nennt diesen Krieg als einen Vorläufer des Ersten Weltkrieges. Der Krieg um die Krim brachte das alte Gleichgewicht in Europa völlig durcheinander. Die Krim, die Brücke zwischen Christentum und Islam, war ständig umkämpft. Den vergessenen Krim-Krieg nennt Figes deshalb auch den letzten Kreuzzug. Ihm fielen mehr als eine Million Soldaten zum Opfer.

Orlando Figes lässt in seinem Werk die Krankenschwester Florence Nightingale und den russischen Schriftsteller Leo Tolstoj zu Wort kommen. Zwei überragende Persönlichkeiten der Geschichte, die er in seinem „Kreuzzug“ verbindet. Simone Brunner: „Ein opulentes Werk über einen grausamen, tragischen und verlustreichen Krieg, der völlig aus dem Bewusstsein verschwunden ist, weil alles, was danach kam, nur noch grausamer, noch verlustreicher und tragischer sein sollte.

Vier Bücher gegen das Vergessen. Fakt ist, der Westen hat die Krim faktisch und realpolitisch schon abgeschrieben. Verdrängt und vergessen. Ist das das Schicksal auch der russisch besetzten östlichen Ukraine?

Simone Brunner hat Slawistik und Germanistik in Wien und St. Petersburg studiert und arbeitet als freie Journalistin mit Fokus Osteuropa. Zuletzt hat sie vor allem aus der Ukraine und aus Russland berichtet, unter anderem für Profil, Wiener Zeitung und Die Zeit.

Crimea lost? Vier Bücher gegen das Vergessen – ukraineverstehen.de

Buch über die Krim: Aufzeichnungen aus dem toten Winkel (ukraineverstehen.de)

Talkin’ About a Revolution: Sachbücher über die Ukraine – ukraineverstehen.de

Die Akte Maidan – ukraineverstehen.de

„Der Prozess war wie ein Theaterstück“ – ukraineverstehen.de

 

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