Gemeinsamer Vernichtungskrieg

Von Wolfgang Mayr

Vor 80 Jahren teilten sich Hitler und Stalin das östliche Mitteleuropa auf. Am 1. September 1939 besetzte die Wehrmacht das westliche Polen, die Roten Arme den östlichen Landesteil.

Millionenfacher Mord, „ethnische Säuberungen“, also riesige Vertreibungen waren die Folgen. Gustav Herling beschrieb im pogrom-Taschenbuch „Aufstand der Völker – Verratene Völker zwischen Hitler und Stalin“ den Überfall der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee auf Polen.

Welt ohne Erbarmen

Die Opfer der Mythen von „Klasse“ und „Rasse“

Von Gustav Herling

Nur Menschen, denen jede Menschlichkeit fremd ist, können die Wahrheit solcher Bücher, wie dieses von Gustav Herling, leugnen, denn, hätten sie irgendeine Menschlichkeit, würden sie die darin geschilderten Tatsachen nicht einfach abtun, sondern sich die Mühe machen, ihnen nachzugehen.
Bertrand Russell in seinem Vorwort zu „Welt ohne Erbarmen“: 1953.

(…) Nach Polens Niederlage im September 1939 zog die jüdische Jugend aus den nördlichen Vororten Warschaus und den Judenvierteln der kleinen von den Deutschen besetzten Dörfer und Städte wie ein Vogelschwarm zum Bug und überließ die Älteren ihrem Schicksal, das sie dann in die deutschen Krematorien und Gaskammern führte. Sie hofften, im „Vaterland des Weltproletariats“, das plötzlich so nahe an Warschau herangerückt war, Schutz und ein besseres Leben zu finden. In den Wintermonaten 1939/40 spielten sich am Ufer des Bug schauerliche Szenen ab, die aber nur das Vorspiel zu dem waren, was dann kam und Millionen von Polen fünf Jahre lang in Angst und Schrecken hielt.

Die Deutschen taten nichts, um die Flüchtenden zurückzuhalten, erteilten ihnen aber mit Schlägen eine praktische Unterweisung in ihrer Lehre vom „Rasse-Mythos“; auf dem jenseitigen Ufer des Bug jedoch stellten sich die russischen Hüter des „Klasse-Mythos“ in ihren langen Pelzmänteln mit aufgepflanzten Bajonetten, Polizeihunden und Maschinengewehrsalven den in das „Gelobte Land“ Flüchtenden entgegen. Von Dezember bis März kampierten die Juden in dem knapp zwei Kilometer weiten Niemandsland am Westufer des Bugs; sie schliefen unter freiem Himmel, deckten sich mit roten Federbetten zu, zündeten des Nachts Feuer an oder klopften an die Türen der Bauernkaten in der Nähe und baten um Hilfe und Unterkunft. Auf den Bauernhöfen ringsum entstanden kleine Tauschmärkte – Kleidungsstücke, Juwelen und Dollars wurden für Lebensmittel und für Hilfe bei der Überquerung des Flusses gegeben.

Jede einzelne Bauernkate entlang der Grenze entwickelte sich zu einem Schmugglernest, und die Bevölkerung aus der Umgebung wurde schnell reich und segnete das unerwartete gute Geschick. Unzählige schattenhafte Gestalten drängten sich vor jeder Hütte, blickten durch die Fensterscheiben, klopften gegen das Glas und kehrten dann, enttäuscht und um eine Hoffnung ärmer, zu ihren Lagerfeuern zurück. Die meisten gaben es schließlich auf und gingen in das von den Deutschen besetzte Polen zurück. Dort wurden sie fast ausnahmslos in den nächsten fünf Jahren von den deutschen Konzentrationslagern Auschwitz, Maidanek, Belsen und Buchenwald verschlungen. Einige hielten jedoch standhaft aus, blieben am Flußufer und warteten auf eine Gelegenheit, hinüberzukommen. Manchmal gelang es einem; er lief dann drüben einige hundert Meter durch die verschneite Ebene, bis er, im grellen Strahl eines sowjetischen Scheinwerfers gefangen, von einer Maschinengewehrkugel getroffen, aufs Gesicht fiel. Dann erklang lautes Jammern und Wehklagen, Hände reckten sich wie züngelnde Flammen drohend zum Himmel, doch gleich darauf kehrte wieder Stille ein, und man wartete weiter.

In jenen Monaten ist es vielen Flüchtlingen geglückt, durch Lücken in der Demarkationslinie hindurch zu schlüpfen, und die einst polnischen, jetzt sowjetischen Städte Bialystock, Grodno, Kowel, Luck und Baranowicze waren plötzlich voll von jungen jüdischen Kommunisten, die trotz allem, was sie an der Grenze erlebt hatten, sehr bald wieder an ihre Träume von einem von rassischen Vorurteilen freien Lande, das sie hier gesucht hatten, glaubten.

Zunächst kümmerten sich die Russen nicht um sie, dann aber begannen sie Menschen zum „freiwilligen“ Siedeln tief im Inneren Rußlands auszuheben, wobei sie die Juden vor die Wahl stellten: sowjetischer Paß oder Rückkehr in ihren Heimatort. Und da geschah das Erstaunliche, daß die gleichen Menschen, die noch vor ein paar Monaten ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, um in das gelobte Land zu gelangen, jetzt in Scharen in entgegengesetzter Richtung zurückströmten, in das Land der Pharaonen. Auch dem sahen die Russen gleichgültig zu, aber sie müssen sich doch diesen negativen Ausgang der Treueerprobung der Sowjetbürgerkandidaten gut gemerkt haben. Denn im Juni 1940, nach der Niederlage Frankreichs und dem Fall von Paris, setzten im russisch besetzen Polen die ersten Säuberungen ein, und in Hunderten von Güterzügen wurde das jüdische Lumpenproletariat aus den polnischen Dörfern in die Gefängnisse und Arbeitslager Rußlands transportiert.

In den Arbeitslagern wurden die Juden die erbittertsten Gegner des Sowjetkommunismus, die ihn viel kompromißloser haßten als die alten russischen Gefangenen oder die anderen Ausländer. Mit der gleichen Leidenschaft, mit der sie einst ihre Liebe zu ihm übertrieben hatten, übertrieben sie jetzt ihren Haß. Zur Arbeit gingen sie nur, um nicht erschossen zu werden, aber im Wald setzten sie sich ans Feuer, wärmten sich und taten nur gerade so viel, daß sie die Verpflegungsstufe I erhielten. Abends wühlten sie dann in den Abfallhaufen, um ihren ewigen Hunger zu stillen. In dem strengen nördlichen Klima starben sie bald mit biblischen Flüchen auf den Lippen und mit den zornigen Blicken betrogener Propheten.

Gustav Herling, 1919 in Polen geboren, polnischer Widerstandskämpfer gegen deutsche Nazis und sowjetische Kommunisten, Angehöriger der polnischen Truppe der Alliierten, lebte nach der Befreiung in Italien und Großbritannien. Autor mehrerer Bücher. Aus: „Welt ohne Erbarmen“; von Gustav Herling, Rote Weissbücher, 9. Köln 1953. 

Gustaw Herling: Tagebuch bei Nacht geschrieben – Perlentaucher

Herling, Gustaw (*1919) Welt ohne Erbarmen – Erlebnisse im Lager und Gulag – Grudzinski (detopia.de)

Su Gustaw Herling | NAZIONE INDIANA

 

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