Gefährliche Autokraten – Teil 2: Putin der Historiker malt sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Die Krim als Teil seiner Geschichtsverklitterung

Von Jan Diedrichsen

Wladimir Wladimirowitsch Putin hat sich kürzlich in einem 5.000 Wörter umfassenden Aufsatz über die Rolle Russlands in der Geschichte ausgelassen. Das Werk wurde von verschiedenen profunden Kennern fachlich auseinandergenommen und politisch analysiert – hier, hier und hier.

Der russische Präsident hat sich einmal mehr als zweifelhafter Hobby-Historiker erwiesen.

Wir werden einen besonderen Blick auf die Krim werfen.

In dem Aufsatz begründet er unter anderem, weshalb die Ukrainer und die Russen ein Volk seien, aber von außen auseinandergetrieben würden. Der Text ist politisch brisant und bietet einen guten Einblick in das Weltbild des Kreml-Fürsten. Wie gefährlich dieses sein kann, haben wir 2014 mit der völkerrechtswidrigen Annektierung der Krim und dem seitdem anhaltenden russisch-gelenkten Bürgerkrieg im Osten der Ukraine gesehen. Die Analysten rätzeln derzeit darüber, was die teilweise kruden Auslassungen in konkreter Politik bedeuten könnten.

 

Die Krim und vor allem das Schicksal der Krimtataren waren immer ein wesentlicher Themenschwerpunkt der GfbV

 

In seinem mäandernden Essay spricht Putin eine Reihe kaum verhüllter Drohungen aus und macht wiederholt seine Verachtung für die ukrainische Staatlichkeit deutlich. Die unabhängige Ukraine, so erklärt er, „ist eine reine Erfindung der Sowjetära und wurde zu einem großen Teil auf Kosten der historischen russischen Gebiete geschaffen“ (Anm.: eigene Übersetzung aus dem englischen – hier eine englische Übersetzung des Textes). Er argumentiert ausführlich, dass die heutige Ukraine kaum mehr als ein westliches Projekt sei, das einzig und allein darauf abziele, Russland zu untergraben, und vergleicht die postsowjetischen Bemühungen der Ukraine um den Aufbau einer Nation mit Massenvernichtungswaffen. „Ich bin davon überzeugt, dass echte ukrainische Souveränität nur in Partnerschaft mit Russland möglich ist“, stellt er fest. „Schließlich sind wir ein Volk.“

Dies sind zwar historisch schnell wiederlegbare Illusionen, die aber seit 2014 Menschenleben kosten. Seit der Annektion der Krim durch die völkerrechtswidrige russische Aggression sind über vierzehntausend Ukrainer getötet und Millionen vertrieben worden. Russland hält nach wie vor die Krim und große Teile der ostukrainischen Donbass-Region besetzt.

Putin argumentiert, dass „das antirussische Projekt von Millionen von Ukrainern“ auf der Krim, im Donbas und anderswo abgelehnt worden sei.  Doch was sind die Fakten:

2014 annektierte Russland die Krim in einer völkerrechtswidrigen Aggresssion und löste einen Krieg aus, der Millionen Menschen vertrieb und die Infrastruktur des Landes zerstört hat. Der russische Präsident Wladimir Putin rechtfertigt die Aggression zum Teil mit der Behauptung, die Krim bestehe überwiegend aus ethnischen Russen.

Seit Hunderten von Jahren ist die Krim die Heimat der Tataren, einer Gruppe von Turkvölkern, die unter dem Osmanischen Reich lebten, bis Katharina die Große die Region annektierte. Im Jahr 1944 deportierte Stalin etwa 200 000 Tataren nach Sibirien und Zentralasien, bezeichnete die ethnischen Muslime als Verräter an der UdSSR und holte ethnische Russen ins Land, um die Arbeitskräfte aufzufüllen. Und nach Stalins Tod übertrug der sowjetische Premierminister Nikita Chruschtschow die Krim an die Ukraine, was als „edle Tat im Namen des russischen Volkes“ gefeiert wurde.

Manche meinen, Putins Annexion der Krim sei ein Versuch, Russland wieder in den Glanz der vorsowjetischen Zeit zu versetzen, „als eine der größten Zivilisationen der Welt“. Obwohl der ukrainische Nationalismus nach wie vor stark ist, insbesondere im östlichen Teil des Landes, berichten ukrainische Beamte und Analysten gegenüber Radio Free Europe/Radio Liberty, dass ein bedeutender demografischer Wandel im Gange ist, mit einem enormen Zustrom von ethnischen Russen.

„Wir können mit Sicherheit sagen, dass es sich um Hunderttausende von Menschen handelt“, sagte der ukrainische Beamte Borys Babin dem Nachrichtendienst, darunter viele aus Sibirien. „Eine enorme Anzahl von Bürokraten zieht mit ihren Familien nach, und diese Familienmitglieder suchen nach Arbeit. Darüber hinaus gibt es eine große Zahl von Gastarbeitern, die für große Bauprojekte im militärischen Bereich auf die Krim kommen.

Inzwischen haben Tausende Krimtataren die Halbinsel seit der Annexion im Jahr 2014 verlassen. Die Tataren, von denen viele in den 1980er und 1990er Jahren in ihre angestammte Heimat zurückgekehrt waren, werden durch die zunehmend aggressive russische Präsenz vertrieben.

Von denjenigen, die bleiben, werden viele von den russischen Behörden schikaniert, verhaftet und inhaftiert, insbesondere unter dem Vorwurf des Extremismus und der politischen Betätigung.

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