Einsprachigkeit ist heilbar: 20 Jahre „Europäischer Tag der Sprachen“ – Sprachensterben bedroht die Vielfalt

Postkarte: www.language-diversity.eu

Von Jan Diedrichsen

Heute, am 26. September wird der Europäische Tag der Sprachen gefeiert, zum zwanzigsten Mal.  Vor 20 Jahren hat die Europäische Union gemeinsam mit dem Rat „Das Europäische Jahr der Sprachen“ ausgerufen. Gemeinsam mit dem Europarat wird seitdem der Europäische Tag der Sprachen begangen. Die Bilanz von 20 Jahren Sprachentagsfeierlichkeiten fällt ernüchternd aus. Das Sprachensterben in Europa geht unvermindert weiter.

Dafür zu sensibilisieren, dass Mehrsprachigkeit und Sprachenvielfalt nicht allein die 24 offiziellen „Amts- und Arbeitssprachen“ der EU umfassen sollte, sondern auch die so genannten Regional- und Minderheitensprachen in den Fokus gehören, ist äußerst schwierig.

Viele Sprachen und Kulturen in Europa kämpfen um ihr Überleben. Es fehlt in vielen Ländern an einer nachhaltigen Sprachenplanung, die sich für Schutz und Förderung der kleinen und kleinsten Sprachen sowie Kulturen einsetzt. Die EU ist in diesem Bereich mehr oder weniger ein Totalausfall. Die Absicherung der kleinen und kleinsten Sprachen sei die Aufgabe der Mitgliedsstaaten selbst, heißt es regelmäßig aus Brüssel. Doch aktive Sprachenpolitik wird von zahlreichen EU-Staaten blockiert, geschweige denn gefördert. Sprachenpolitik richtet sich vor allem auf die Staatssprachen der EU-Mitgliedsstaaten. Eine Sprachpolitik für die türkische Minderheit in Griechenland jedoch? In Athen völlig undenkbar.

In Deutschland ist die Lage um einiges besser aber weiterhin mangelhaft. Es sind Friesen, Sorben und Sinti betroffen, die keinen „kin-state“ haben, der bei Sprach- und Kulturförderung der Minderheiten behilflich sein könnte. Die betroffenen Bundesländer und der Bund unterstützen zwar, aber es muss noch einiges getan werden, um Sorbisch, die Nordfriesischen Idiome und Romanes in Deutschland zukunftsfähig zu gestalten. Das fordert Geld und gute Konzepte, die weiterhin fehlen.

Noch komplexer wird die Lage, wenn wir die Sprachenvielfalt in ganz Europa – nicht nur in der EU – betrachten. Im geographischen Europa werden rund 150 verschiedene autochthone Sprachen gesprochen. Nicht enthalten in dieser Auflistung sind die zahlreichen Sprachen aus anderen Kontinenten oder Ländern außerhalb Europas. 

Einige Fakten zur Situation der Sprachen in Europa

  1. Laut offiziellen Angaben der EU gibt es neben den 24 Amtssprachen der Europäischen Union, über 60 Regional- oder Minderheitensprachen, deren Sprecherzahl mit 40 Millionen beziffert wird.
  2. Größte Sprachgruppe in Europa sind die Russen mit über 110 Mill. und die Deutschen mit rund 90 Mill. Sprechern, gefolgt von Italienern, Engländern und Franzosen.
  3. Laut der von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebenen Studie EUROMOSAIC liegt die kritische Grenze der für das Überleben einer Sprache notwendigen Sprecher bei 300.000. Das bedeutet, dass rund 80% aller Sprachen der europäischen Minderheitensprachen vom Aussterben bedroht sind.
  4. Zu den großen staatenlosen Sprachen zählen Katalanen und Okzitaner mit jeweils rund 6 Mill. Menschen. Diese Sprachen haben damit mehr Angehörige als zum Beispiel Finnen (5 Mill), Dänen (5 Mill), Norweger (4 Mill) und Kroaten (4,5 Mill), die allesamt Nationalsprachen sind. Aber auch Waliser, Basken, Westfriesen, Bretonen und einige der Völker Russlands wie Baschkiren und Tschuwaschen, liegen über der kritischen Sprachgrenze.

Unter dieser Grenze befindet sich die große Mehrheit der Regional- und Minderheitensprachen, wie Ladiner, Rätoromanen, Ober- und Niedersorben, Nordfriesen und Kaschuben.

(weitere Fakten finden sich bei dem interessanten, durch die EU geförderten, Projekt „Langugage diversity“. Ein Blick auf die Seiten von Network to Promote Linguistic Diversity (NPLD) lohnt sich ebenfalls.

Das Sprachensterben und der damit einhergehender Kulturverlust sind kein europäisches Phänomen. Ganz im Gegensatz zur verbreiteten Auffassung ist Europa nicht das „Babel der Welt“, das gar mit einem „Sprachengewirr“ für Chaos sorgt. Die meisten Sprachen werden in Südamerika und Asien angetroffen. Über 6.500 Sprachen gibt es auf der Welt. In weniger als 100 Jahren wird die Hälfte davon ausgestorben sein … 

 

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