EIN KRIEG MIT ANDEREN MITTELN – TÖTET DEN INDIANER, RETTET DAS KIND

Von Wolfgang Mayr

Mit den sogenannten residential schools führte der kanadische Staat in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche die „Indianerkriege“ weiter.

In der Nähe einer ehemaligen Schule für indigene Kinder – der Saint Eugene´s Mission School – im westkanadischen Crankbrook sind wie Gräber gefunden worden. Mehr als 180 Grabstätten wurden entdeckt. Wöchentlich werden Massengräber aus der Zeit des staatlich organisierten Kinderraubes ausfindig gemacht.

Die katholische Kirche hatte im Auftrag der kanadischen Regierung die Internate von 1912 bis Anfang der 70er-Jahre betrieben. Zwei ähnliche Funde sorgten bereits für einen Aufschrei. So wurden auf dem Gelände eines früheren katholischen Internats bei der Kleinstadt Kamploops in British Columbia waren Ende Mai 215 Kinderleichen gefunden worden. Bei einem nächsten Internat in Marieval in der Provinz Saskachewan wurden weitere 751 anonyme Gräber entdeckt.

Die Reaktionen der betroffenen indigenen Gemeinschaften blieben nicht aus. Acht katholische Kirchen wurden abgefackelt. Andere Kirchen wurden mit roter Farbe beschmiert. Die Polizei ermittelt wegen möglicher Brandstiftung und mutwilliger Sachbeschädigung und prüft, ob es eine Verbindung zwischen den Brandanschlägen und den Leichenfunden gibt.

Inzwischen fordern UN-Menschenrechtsexperten Kanadas Regierung und den Vatikan auf, die Todesumstände der Kinder zu untersuchen und die damals Verantwortlichen auszumachen. Der kanadische Staat und der Vatikan dürften die Verantwortlichen nicht davonkommen lassen. Notwendig sei auch eine großzügige Entschädigung. Deshalb seien an allen ähnlichen Einrichtungen Ermittlungen notwendig, um die Todesursachen – Vernachlässigung, Missbrauch und Folter – zu klären und noch lebende Straftäter ausfindig zu machen.

Die Leichenfunde sind ein Beleg für einen kulturellen Völkermord. nffensichtlich haben die katholischen Ordensleute den ersten Teil des Spruchs „Tötet den Indianer, rettet den Menschen“ ernst genommen.

Einige der toten Kinder sind erst drei Jahre alt gewesen, sagte Rosanne Casimir von der indigenen Gemeinschaft Tk’emlups te Secwepemc. Mehr als 100 Jahre lang wurden in diesem Umerziehungsheimenindigene Kinder zwangsweise in die Gesellschaft der europäischen Immigranten integriert.

In den katholischen Internaten durften die Kinder und Jugendlichen ihre Muttersprachen nicht sprechen, sie waren verboten, und sie mussten zum Christentum übertreten. Ihre langen Haare wurden abgeschnitten, sie mussten Schuluniformen tragen, durften ihre Eltern nicht besuchen. Kinder, die trotzdem ihre Sprache sprachen, wurden hart bestraft. Sie mussten Seifen kauen, wurden geschlagen, in Kellern eingesperrt. Viele der Kinder wurden missbraucht und mussten hungern.

Immer wieder versuchten Kinder und Jugendliche zu fliehen. Die eingefangenen jungen Flüchtlinge wurden dafür hart bestraft, auch mit sexualisierter Gewalt. Viele Kinder kehrten nicht mehr in das Heim zurück. Das Verschwinden der Kinder ist von der Schulleitungen nie dokumentiert worden. „Niemand sprach darüber, aber wir alle ahnten, was geschehen war“, sagte Rosanne Casimir auf einer Pressekonferenz. „Diese Ahnung hat sich nun bestätigt.“

Dunkle Geschichte
Das ehemalige Heim in Kamloops und der Leichenfund erinnert an eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Kanadas. Noch ist unklar, was genau den Kindern zugestoßen ist. Sicher ist aber: Es war für viele tödlich, kommentierte die Deutsche Welle. Der verstorbene indigene Schriftsteller Richard Wagamese war auch ein Zwangseingewiesener im Internat in Kamloops und dokumentiert in seinem Buch „Der gefrorene Himmel“ seinen Leidensweg zwischen der Entführung aus seiner Familie und dem Missbrauch durch einen freundlichen Pater im Internat.

Für die ehemalige GfbV-Mitarbeiterin Sandy Naake sind die Umerziehungsheime ein Symbol des Kolonialismus. „Vom 16. bis 20. Jahrhundert machten sich die Kolonialmächte die Welt untertan. Sie fühlten sich anderen Völkern kulturell überlegen und begründeten so ihr repressives, menschenverachtendes Herrschaftssystem. Bis heute leiden viele Nachfahren der Kolonisierten unter den Folgen dieses Machtstrebens. Denn auch nach der Unabhängigkeit vieler Staaten setzten und setzen sich die unterdrückenden Mechanismen fort“, schreibt Naake in der GfbV-Zeitschrift „pogrom“. „So wie bei Evelyn Camille aus Kanada, die dem Volk der Secwepemc (Shuswap) angehört. Sie besuchte uns im April 2017 und erzählte uns von ihren furchtbaren Erlebnissen in einer Residential School. Dort durfte sie ihre Sprache nicht sprechen, musste ihre Kultur verleugnen. Ganze Generationen mussten ihre Kindheit und Jugend in solchen Einrichtungen verbringen.“

„Vom 16. bis 20. Jahrhundert machten sich die Kolonialmächte die Welt untertan.” (Sandy Naake)

In der deutschen Tageszeitung TAZ erzählt Dorothy Alpine über die Schrecken ihrer Kindheit. Alpine war sechs Jahre alt, als sie zum ersten Mal in der Schule geschlagen wurde. „Ich hatte mir gerade in der Küche ein Butterbrot geschmiert, als die Nonne hereinkam, mich böse angestarrt und mir eine Ohrfeige verpasst hat. Einfach so, ohne Grund“, erinnert sich Alpine. Danach war es für Dorthy Alpine mit der kindlichen Unschuld vorbei. Auf die Ohrfeige folgten immer mehr, und das Leben im Internat in der westkanadischen Stadt Cranbrook wurde für die junge Ktunaxa-Frau zum Horror: „Es war so traumatisch für mich, dass ich vor lauter Angst zur Bettnässerin geworden bin.“

Mehr als sechzig Jahre ist das mittlerweile her, doch die 69-Jährige kämpft bis heute mit den körperlichen und psychischen Folgen. Das ehemalige Internat, das von der katholischen Kirche im Auftrag der kanadischen Regierung betrieben wurde, war eines von 139 Zwangsinternaten, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurden. Es wurde 1890 eröffnet und hatte in den 50er Jahren bis zu 500 Schüler. Erst 1969 wurde das Internat geschlossen. Nach Angaben der indigenen Gemeinde beschwerte sich der Schulleiter des Heims in Kamloops 1910 darüber, dass die Regierung nicht genug Geld zur Verfügung stelle, um „die Schüler angemessen zu ernähren“.

Sexuell missbraucht und zwangsassimiliert
Dorthy Alpine erzählte ihre Geschichte der Wahrheits- und Versöhnungskommission, die von der kanadischen Regierung damit beauftragt worden war, die Zustände in den Internatsschulen zu dokumentieren. Die Kommission führte dazu über sechs Jahre hinweg über 6.000 Interviews.

Der Abschlussbericht legt eines der dunkelsten Kapitel der kanadischen Geschichte schonungslos offen. In Kanada waren ab 1874 150.000 Kinder von Indianern, Mestizen und Inuit von ihren Familien und ihrer Kultur getrennt und unter Zwang in kirchliche Heime gesteckt worden, um sie so zur Anpassung an die weiße Mehrheitsgesellschaft zu zwingen. Viele von ihnen wurden in den Heimen misshandelt oder sexuell missbraucht. 6.000 Kinder kehrten nicht zurück. Sie starben an den Folgen der Quälereien, der Erniedrigungen oder der Einsamkeit.

Der Kommissionsvorsitzende, Justice Murray Sinclair, sprach bei der Vorstellung des Berichts von einem „kulturellen Völkermord“, eine Einschätzung, die auch Kanadas oberste Richterin Beverly McLachlin teilt. Ziel der kanadischen Politik sei es lange gewesen, „den Indianer im Kind“ zu töten und das „sogenannte Indianerproblem“ ein für alle Mal zu beseitigen, so McLachlin. Laut Untersuchungsbericht müssen die Zustände horrend gewesen sein. So gehörten sexueller Missbrauch und physische Gewalt zum Internats-Alltag. 32.000 ehemalige SchülerInnen wurden wegen dieser Gewalttaten entschädigt, 6.000 Anträge werden noch bearbeitet. Knapp drei Milliarden Dollar hat die Regierung bislang an die Opfer ausgezahlt.

Ziel der kanadischen Politik sei es lange gewesen, „den Indianer im Kind“ zu töten, so Kanadas oberste Richterin Beverly McLachlin

In den Schulen waren die eigenen Sprachen verboten, ebenso kulturelle Bräuche und Feiern. Kontakt zu den Eltern oder anderen Familienmitgliedern war unerwünscht. Die meisten Kinder durften nur einmal im Monat Besuch bekommen – wenn überhaupt. Viele wuchsen ohne ihre leiblichen Familien auf. Manchmal wurde den Kindern medizinische Hilfe verweigert, um die Taten zu vertuschen.

Viele indigene Gemeinschaften machen die Heime, die ganze Generationen geprägt haben, für soziale Probleme heute wie Alkoholismus, häusliche Gewalt und erhöhte Selbstmordraten verantwortlich. Nicht wenige Ureinwohner nahmen sie sich später aus Scham und Angst über den Missbrauch das Leben. „Jeden Tag wurde uns eingetrichtert, wie schlecht wir sind, und nach einer Weile haben wir es tatsächlich geglaubt“, berichtet auch Dorothy Alpine. Es ist eine Gewaltspirale, die bis heute nachwirkt: In vielen Indianergemeinden Kanadas gibt es mehr Selbstmorde, Verbrechen und Drogenprobleme als im Rest des Landes.

Umerziehung – kultureller Genozid
Die kanadische Regierung hatte sich 2008 in einer Erklärung zu ihrer historischen Verantwortung bekannt und sich für die Vorfälle entschuldigt. Von einem „kulturellen Genozid“ aber hat die Regierung bislang nicht gesprochen. Indigene Organisationen appellierten deshalb an die Bundesregierung, die Assimilierung der vergangenen 100 Jahre als kulturellen Genozid zu bezeichnen.

Landesweit vermuten die Gemeinden der First Nations, dass solche Leichenfunde wie in Kamloops auch an anderen Standorten der ehemaligen Residential Schools zu finden sind. Sie fordern restlose Aufklärung, eine Vergangenheitsbewältigung, die endlich die Opfer rehabilitiert und die staatlichen und kirchlichen Täter benennt. Nicht nur die kanadische Staatsführung ist in der Pflicht, sondern auch die katholische Kirche, der Papst, fordern VertreterInnen indigener Organisationen und Völker.

Landesweit vermuten die Gemeinden der First Nations, dass solche Leichenfunde wie in Kamloops auch an anderen Standorten der ehemaligen Residential Schools zu finden sind.

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