80 Jahre Hitler-Stalin-Paket – Ein verdrängtes und vergessenes „Vertreibungs-Abkommen“

Von Wolfgang Mayr

Teile der SPD, die Linke und die AfD sympathisieren – aus unterschiedlichen Gründen – mit Putin-Russland. Die europäischen Rechtsradikalen und die dogmatische Linke sehnen sich nach Russland. Die Geschichte wiederholt sich, irgendwie. Vor 80 Jahren einigten sich Hitler und Stalin darauf, das östliche Mitteleuropa aufzuteilen. Die Folgen waren blutig. Tilman Zülch und Johannes Vollmer widmeten 1989 den verratenen Völker von 1939 das „pogrom“-Buch „Aufstand der Völker – Verratene Völker zwischen Hitler und Stalin“. Ein Auszug auf „Voices“:

Ost polen nach dem Hitler-Stalin-Pakt

Von Josef Darski

Das erste Opfer der geheimen Abmachungen zwischen Hitler und Stalin war Polen. Die polnisch-sowjetische Grenze, die am Ende des polnisch-sowjetischen Krieges geschaffen und im Frieden von Riga (18.3.1921) bestätigt wurde, verlief 200 bis 300 km östlich der Curzon-Linie: Vorwiegend weißrussisch und ukrainisch besiedelte Gebiete fielen an Polen. Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1.9.1939 marschierte die Rote Armee am 17.9. in Ostpolen ein unter dem Vorwand des Schutzes der weißrussischen und ukrainischen Bevölkerung, die der weißrussischen und ukrainischen Sowjetrepublik angeschlossen wird. Die folgenden Beiträge schildern das Schicksal der Polen, Weißrussen und Ukrainer unter Stalin und Hitler, aber auch in der Zwischenkriegszeit.

Westlich der in Riga am 18.3.1921 festgelegten Grenze, in den damaligen Ostgebieten Polens, die aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts von der Sowjetunion besetzt wurden, lebten etwa 5 Millionen Polen (37 % der Bevölkerung). Für die nationalen Minderheiten Polens, besonders Ukrainer und Weißrussen, waren die nationalen Rechte eingeschränkt; ihre politischen Organisationen richteten sich daher häufig gegen den polnischen Staat. Auf ärmere Weißrussen und Juden hatten prokommunistische Gruppen Einfluß; unter den Ukrainern dagegen waren, besonders nach der Kollektivierung in der Sowjetunion, national-demokratische und nationalistische Organisationen sehr stark.

Nach dem Ausbruch des Krieges gaben die Ukrainer im polnischen Sejm eine Loyalitätserklärung gegenüber dem polnischen Staat ab. Obgleich die Rote Armee, die am 17. September 1939 in Ostpolen einmarschierte, besonders die nichtpolnischen Soldaten zum Mord an ihren Offizieren und Staatsbeamten aufrief, erfüllten ukrainische und weißrussische Soldaten und Offiziere in der polnischen Armee ihre Pflicht. Die „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN) widerrief den geplanten Aufstand gegen Polen in der Westukraine. Trotzdem kam es zu einzelnen Kämpfen zwischen polnischen und ukrainischen Truppen. In Lemberg/Lwow ;und Chodorow kämpfte die OUN gegen die Rote Armee. Rechtlich trat Polen nicht in den Krieg gegen die Sowjetunion ein; der polnische Oberbefehlshaber befahl den Truppen, Kämpfe gegen die Bolschewiki zu vermeiden und nach Ungarn und Rumänien zu entweichen.

Die polnische Regierung und der Generalstab überschritten am 17./18. September die rumänische Grenze; dadurch konnte sich die polnische Exilregierung bilden. Der polnischen Armee blieb der Rückzug nach Süden aber großenteils durch die Sowjets versperrt – nur 85.000 Soldaten gelangten nach Ungarn und Rumänien, 20.000 wurden getötet und verletzt. Polnische Truppen wurden entwaffnet, die Offiziere oft sofort erschossen. Von den von der Roten Armee gefangengenommenen 250.000 Soldaten wurden 46.000 freigelassen, 10.000 in deutsche Hände übergeben. 14.380 Offiziere und mindestens 157.000 Soldaten und Unteroffiziere wurden ermordet. Militärs und Staatsbeamte polnischer Nationalität wurden während ihres Rückzugs nach Süden häufig durch die nichtpolnische Bevölkerung angegriffen und getötet. Aber auch Juden waren in Gefahr.

Juden, Weißrussen und Ukrainer begrüßten die neuen Herrscher, doch war das oft nicht die spontane Aktion der Bevölkerung, sondern der lokalen kommunistischen Gruppen oder der sowjetischen Armee. Noch im Oktober 1939 organisierten die neuen Herrscher sogenannte Wahlen für die Nationalversammlung der Westukraine und des westlichen Weißrußland, um die eroberten Gebiete zu annektieren. Alle Einwohner, die am 1. November 1939 ständig in diesem Territorium wohnten, mußten die sowjetische Staatsangehörigkeit annehmen.

Die „Sowjetisierung“ begann mit dem Aufruf zum Mord an den „Klassenfeinden“ und zum Plündern der „Ausbeuter“. Der größte Räuber war aber der kommunistische Staat selbst: Man requirierte und verschleppte alle Waren nach Osten, derer man habhaft werden konnte. Durch die Währungsreform konnten die Sowjets spottbillig einkaufen. Alle bisherigen Organisationen wurden aufgelöst und durch kommunistische Massenorganisationen ersetzt. Die politisch bewußten, aktiven und gebildeten Elemente der Gesellschaff waren mit Deportation in den Gulag oder mit Strafumsiedlung bedroht.

Man schätzt, daß ungefähr 1,7 Millionen ehemalige polnische Bürger deportiert wurden, von denen 50-60 Prozent Polen, 15 Prozent Ukrainer, 5 Prozent Weißrussen und ungefähr 30 Prozent Juden waren. Außerdem wurden 336.000 Flüchtlinge aus Westpolen deportiert. Im allgemeinen kamen die Männer in den Gulag, Frauen und Kinder in die Strafumsiedlung nach Sibirien, Zentralasien, Nordrußland und in den Kaukasus. Bis Oktober 1942 starben 420.000 deportierte polnische Bürger aller Nationalitäten. Nach der Amnestie vom August 1941 starben weitere 93.000 freigelassene Polen. 10.000 Soldaten waren schon 1941/42 in den Militärlagern in der UdSSR gestorben.

Es ist unmöglich, die Zahl der Opfer aller Nationalitäten von 1939-1945 festzustellen. In den Ostgebieten konnte jeder verhaftet werden. Die Okkupanten haben 250.000 Polen verhaftet, von denen 50.000 in den Gefängnissen während des Rückzugs im Juni/Juli 1941 ermordet wurden. Die Zahl der Opfer anderer Nationalitäten ist unbekannt. So wurde im Juni 1941 der Einmarsch der Hitler-Wehrmacht von der nicht-polnischen Bevölkerung als Befreiung und von den Polen als Erleichterung begrüßt. Während der deutschen Okkupation waren die Ostgebiete ein Ort der Anarchie und des gegenseitigen Blutbads. Im Wilna-Gebiet kämpften die polnische Heimat-Armee (AK) und das litauische Hilfskorps des General Plechavicius zusammen, die schließlich vom deutschen Oberkommando entwaffnet wurden. Obwohl in der polnischen Heimat-Armee einige tausend Weißrussen kämpften, kam es nie zu einer Verständigung zwischen der polnischen und weißrussischen politischen Führung. Der NKWD terrorisierte die Bevölkerung, vernichtete die Dörfer, die der Heimat-Armee geholfen hatten (besonders in Weißrußland) und griff die AK-Truppen an.

Die schwierigste Situation gab es in der Westukraine, besonders in Wolhynien. In den Jahren 1939-1944 versuchten die AK, die polnische geheime Administration und die „Ukrainische Aufständische Armee“ (UPA) zu einer Verständigung zu kommen, jedoch ohne Erfolg: Die polnische Exilregierung wollte mit Unterstützung der polnischen Öffentlichkeit die Ostgebiete weiter halten, während die ukrainische politische Führung staatliche Unabhängigkeit forderte. Gegenseitiges Morden begann 1941 im Cholmer Land, im Frühjahr 1943 begingen ukrainische Truppen in Wolhynien Massenmorde an Polen. Inmitten des deutsch-sowjetischen Krieges entstand ein grausamer ukrainisch-polnischer Bürgerkrieg: In der Westukraine kämpfte die Heimatarmee häufig mit den NKWD-Partisanen gegen die deutschen Truppen und manchmal gegen die UPA, diese wiederum gegen NKWD-Partisanen, deutsche Truppen und die polnische AK und Zivilbevölkerung. Für Mord und Folter an der polnischen Zivilbevölkerung nahm die AK wiederum an ukrainischen Dörfern Rache und erschoß manchmal alle waffenfähigen Männer in den Orten, in denen die UPA stationiert war. Schätzungsweise 30.000-40.000 Polen wurden von Ukrainern ermordet, Tausende flohen nach Zentralpolen, die Heimatarmee wurde zum Rückzug aus Wolhynien gezwungen. Die Zahl der ukrainischen Opfer bleibt unbekannt.

Im Januar 1944 überschritt die Rote Armee die polnische Grenze von 1939. Die AK-Truppen, die sich am Kampf der Roten Armee gegen die Wehrmacht beteiligt hatten, wurden vom NKWD entwaffnet, ihre Offiziere erschossen oder in den Gulag geschickt. Soldaten und Unteroffiziere, sofern sie das Geschick ihrer Kommandanten nicht teilten, wurden in die von Kommunisten kontrollierte polnische Armee eingegliedert. Deportiert wurden bis Dezember 1944 80.000 Polen aus dem Wilna- und dem Nowogrodek-Gebiet, bis Januar 1945 15.000 Polen aus Grodno und Bialystok. Verhaftet wurden: am 10.10.1944 21.000 Polen im Lubliner Gebiet, im Januar 1945 17.000 Polen im Lemberger Gebiet; die meisten wurden in den Gulag deportiert. Schätzungsweise wurden mindestens 200.000 Polen von 1944 bis 1946 aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten und Zentralpolen in den Gulag deportiert oder strafumgesiedelt; einige Soldaten der Heimat-Armee konnten 1947, andere 1956 nach Polen zurückkehren. Etwa zwei Millionen Polen aus den ehemaligen Ostgebieten wurden nach 1945 repatriiert.

Im Sommer 1987 wurden in Giby (Suwalkigebiet) Massengräber entdeckt. Dort ruht ein Teil der Opfer vom Juli 1945, als der NKWD in Nordpolen tausende Menschen verhaftete und tötete. Im August wurde das „Bürgerkomitee für die Suche nach Verschwundenen“ gegründet, das bereits 700 der Getöteten identifizieren konnte. Es sind noch viele Giby in ganz Polen zu erwarten.

Josef Darski, 1952 in Polen geboren, lebte ab 1984 in Frankreich. Er ist Historiker und Publizist und war der polnischen Opposition verbunden.

 

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