18-12-2025
Ukraine-Donbas: Russland und USA wollen die Region gemeinsam plündern
Der ostukrainische Donbas war nie russisch
Karte der Ostukraine mit dem Donbas
Von Wolfgang Mayr
Der russische Kriegspräsident Putin und sein US-amerikanischer Männerfreund Trump sind einer Meinung: Die Ukraine muss den Donbas aufgeben und an Russland abgeben.
Putin und sein Establishment argumentieren „historisch“, der Donbas war schon immer russisch. Damit erheben sie Anspruch auf die rohstoffreiche Region. Trump ist diese erlogene Historie egal, ihm geht’s ums Geschäftemachen mit den Rohstoff-Oligarchen. Seine Immobilien-Unterhändler Kushner und Witkoff einigten sich mit den russischen Apparatschiks auf diesen „Deal“. Auf Kosten der Ukraine. Imperialismus in Reinkultur.
Ein Ziel des russischen Krieges gegen die Ukraine ist die angebliche Befreiung des angeblichen russischen Donbas von den angeblichen ukrainischen Neo-Nazis. Fakt war, dass vor dem Krieg mehr als die Hälfte der Bevölkerung sich „ukrainisch“ definierte, ein Drittel „russisch“. Alltagssprache war bis zum Überfall im Donbas die russische Sprache. Produkt zaristischer und bolschewistisch-kommunistischer großrussischer Assimilierungspolitik. Auch Kommunisten können Faschismus.
Das von den Bolschewiki gestürzte Zarenreich siedelte in den östlichen Regionen der Ukraine über Jahrhunderte hinweg gezielt russische Bauern an. Die bolschewistischen Nachfolger machten es ähnlich, sie verschickten neben Bauern aber auch unzählige russische Industrie-Arbeiter in die Region. Der Donbas, eine Proletarier-Hochburg, der trotz ukrainischer Unabhängigkeit und Demokratisierung einem kommunistischen Biotop glich.
Russische Befreier?
Die russischen Aggressoren wollen mit ihrem Krieg diese Menschen „befreien“, russische Medien „bestätigen“ mit ihren Videos die angebliche „Befreiung“ des Donbas, Videos, die kleine Menschenmengen zeigen, die russischen Soldaten zujubeln. Angeblich. Jubelnde gab es beim Einmarsch der „Roten Armee“ 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei, 1979 in Afghanistan, bestellte Jubelnde bei den Tschetschenien-Kriegen 1994 und 1999 und auch beim russischen Überfall auf Georgien 2008.
Diese Jubelnden haben es Links- und Rechtsradikalen in der EU angetan. Europäische links– und rechtsradikale Medien feierten diese „Befreiung“ mit, zitierten Donbas-Bewohner:innen mit der Aussage, Russland hat sie vom ukrainischen Joch befreit. Befreit wurden laut diesen Medien auch Angehörige von den weissrussischen, griechischen und armenischen Minderheiten. Auch sie sollen, wie die übrigen Bewohner des Donbas, unter der Schreckensherrschaft des ukrainischen Regimes gelitten haben.
Das glatte Gegenstück zur Recherche des Minderheiten-Instituts ECMI, das detailliert dokumentierte, wie die Minderheiten Opfer des Krieges wurden. Im Visier der russischen Angreifer auch Überlebende der Shoah und die jüdischen Gemeinden.
Nicht nur Rechts- und Linksradikale helfen den Kreml-Propagandisten, am Bild der ukrainischen Unterdrückung mitzu malen. So würdigte der deutsche Pop-Philosoph Precht den russischen Kriegspräsidenten Putin, der als Befreier „sehr gerne verhindern“ möchte, „dass der Krieg in den Städten stattfindet“.
Zerbombter und russifizierter Donbas
Der Krieg fand und findet dort statt. Die russische Armee legte die zu „befreienden“ Städte zwischen der Krym und dem Donbas in Schutt und Asche, die noch nicht eroberten Städte werden ständig beschossen, vorzugsweise Wohnhäuser, Wohnblocks, Kindergärten, Schulen.
Der ukrainische Publizist Vakhtang Kebuladze versucht Precht und seine Putin-Aussage zurechtzurücken. Putin sieht sich als Befreier der Ostukraine, da liegt ein Missverständnis vor, sagt Kebuladze auf n-tv zurückhaltend diplomatisch, „Putin befreit die Ukraine nicht, er befreit sie von Menschen“. Mehr als eine Million OstukrainerInnen wurden von der russischen Armee und ihren „Sicherheitsorganen“ bereits nach Russland deportiert. Hunderttausende flohen westwärts.
Im besetzten Donbas baut die Armee eine russische Verwaltung auf, mit Beamten aus Russland und ukrainischen Überläufern. Russische Pässe, der Rubel, russisch-kyrillische Aufschriften, russische Medien, der Donbas wird im Schatten der Panzer und Sturmgewehre russifiziert.
Das hochgerüstete Russland setzt den Plan von „Neurussland“ Schritt für Schritt um. Die südliche und östliche Ukraine gilt russischen Imperialisten als Teil Russlands, deshalb wurden diese Regionen inzwischen annektiert. Offensichtlich operiert Putin wie sein Vorgänger Stalin, der ab 1947 eine halbe Million UkrainerInnen aus der östlichen in die westliche Ukraine deportieren ließ und von 1946 bis 1949 hunderttausende UkrainerInnern nach Sibirien. In dem sich entleerenden Land siedelte das Stalin-Regime regimetreue Russen an.
Die Russen im Donbas
Eine Ausgabe ihres Magazins „Geschichte“ widmete die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ der Ukraine, „Eine Nation in Europa“. Eine kompakte Darstellung der ukrainischen Geschichte, beginnend vom mittelalterlichen Großreich der Kyjiwer Rus bis zur Verteidigung der ukrainischen Existenz im Vernichtungskrieg des russischen Präsidenten Putin und seines Apparates. Chef-Archivar Günther Haller arbeitete ein Thema besonders heraus, über die Russen im Donbass.
Die russische Landnahme der Ukraine reicht weit in die Vergangenheit zurück. Zarin Katharina annektierte nach dem erfolgreichen Krieg gegen die Osmanen 1765 die heutige Süd-Ukraine, sie galt als Provinz Neu-Russland. Die Schwarz-Erde-Böden zogen russischen Bauern an.
In der Ära des Zaren Alexander II wurde in der Steppe am Fluss Donez Eisenerz entdeckt. Der Zar holte sich den Waliser John James Hughes 1870 nach Donez, um ein Stahlwerk zu errichten. Der Auftakt für die Industrialisierung des Donbas-Beckens, der östlichen und südlichen Ukraine.
Der Beginn einer auch tiefgehenden gesellschaftlichen Veränderung. Hunderttausende Bauern aus den Tiefen des südlichen Russlands zogen westwärts, in den Donbas. Städte wie Donezk entstanden, Städte, die die russische Armee derzeit zusammenschießt.
Die zaristischen Volkszähler ermittelten 1879 im ukrainischen Gouvernement des russischen Reiches 17 Millionen UkrainerInnen und drei Millionen RussInnen. In den Städten und in den Industriezentren hingegen stellten die RussInnen bereits die Hälfte der Bevölkerung.
Während des stalinistischen Holodomors flüchteten die enteigneten ukrainischen Bauern in die Städte. Immer mehr überlagerte die russische die ukrainische Sprache der zugezogenen Holodomor-Überleben. Sie wurden russifiziert, es entstand eine russisch-ukrainische Mischsprache, die bis vor dem Krieg noch immer gesprochen wurde. Unterrichts- und Behördensprache war einzig und allein russisch.
Günther Haller kommt zum Schluss, dass der Donbas von der politisch herbeigeführten Hungersnot nur gestreift wurde. Das Leben in dieser Industrieregion war trotz stalinistischer Arbeiterverherrlichung aber erbärmlich. Gebeutelt wurde die Region von den stalinistischen Säuberungen, nach dem Einmarsch wütete die deutsche Wehrmacht. Rücksichtslose Ausbeutung stand auf der Agenda der Nazi-Herrschaft.
Nach Ende des Krieges mit der maßlosen Zerstörung der Industrielandschaft verschickte die stalinistische Führung Zwangsarbeiter in das Donbas-Becken. In der Nach-Stalin-Ära blühte die östliche Ukraine wieder auf, die Schwerindustrie boomte. Diese Zeit wurde nostalgisch verklärt.
Die nach Russland orientierte Bevölkerung unterstützte mit weniger Engagement und Vehemenz die Demokratiebewegung. Es war aber Russland, das mit Spezialeinheiten 2014 die pro-russischen Milizen bei ihrer Besetzung des Donbas entsprechend antrieb und unterstütze. Die Hoffnung der „Volksrepublik“-Funktionäre ging aber nicht auf, recherchierte Günther Haller: „Die Masse der Bevölkerung wurde aber nicht zu Befürwortern eines Anschlusses an Russland, sondern für sie hatte die Erhaltung des ukrainischen Staates Priorität“.
Diese Bevölkerung wurde zum Opfer des russischen Angriffskrieges. Die Geflohenen, die Deportierten und die Ermordeten wird das Putin-Regime wahrscheinlich wieder ersetzen, mit russischen Nationalisten, die schon lange vom Anschluss „Neu-Russlands“ träumen. US-Präsident Trump macht das möglich.
Und was Putin darf, kopiert der israelische rechtsrechte Ministerpräsident Netanyahu. Auch seine rechtsradikalen Koalitionspartner – er wohl auch – erheben einen historisch begründeten Anspruch auf das Westjordanland, weil ursprünglich Judäa und Samaria. Seit der Besetzung forciert der israelische Staat den Bau jüdischer Siedlungen, Palästinenser:innen werden verdrängt, vertrieben. Begründung: die Siedlungen stimmen mit dem Völkerrecht überein. Wahrscheinlich dann auch die Annexion.
Putin macht Schule. Der Donbas, stellvertretend für Abchasien, Südossetien, Tschetschenien, Transnistrien, das Westjordanland, Arzach/Berg-Karabach, Nord-Zypern, Afrin, und weitere werden sicher folgen.
Siehe auch:
– Welche Sprache, welche Narrative?
– Imperiale Blindheit und russische Identität
– Charkiw, die verletzte Stadt
– Charkiw, Frontstadt des Wortes und des Widerstandes
– Angst und Unterdrückung, Besatzungserfahrungen
– Das „Wirken“ des russischen Besatzungsregime im Donbas
– Russlands Geschichtsmythen entlarvt
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