Syrien-Rojava: Territoriale Integrität statt Autonomie

Die Islamisten im Verbund mit der Türkei und den USA zerschlagen Rojava

Mehr als zehn Jahre hielt sich die autonome Region AANES im nordöstlichen Syrien. Jetzt droht das Ende. Foto: links.org.au

Mehr als zehn Jahre hielt sich die autonome Region AANES im nordöstlichen Syrien. Jetzt droht das Ende. Foto: links.org.au

Von Wolfgang Mayr

 

Im Schatten des syrischen Bürgerkrieges Assad-Diktatur contra Islamisten entstand die kurdisch dominierte Autonome Verwaltung Nord- und Ostsyriens (AANES). Die Autonomie gewährten die „Syrischen Demokratischen Kräfte“ SDF, eine Koalition aus Milizen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die neben Teilen Aleppos auch Ostsyrien kontrollierten.

Im „Krieg gegen den IS-Terror“, angeführt von den USA, operierten die SDF-Milizen als Bodentruppe des westlichen Anti-Terrorbündnisses. Bereits in seiner ersten Amtsperiode kündigte US-Präsident Trump die Koalition mit den Kurden auf, gestattete der Türkei den Einmarsch in die kurdische Enklave Afrin im westlichen Syrien.

Seit der islamistischen Machtübernahme setzten die USA und die EU im Schlepptau auf die ehemaligen Al-Qaida-Milizen. Diese verteidigen die territoriale Integrität ihres Staates, da sind die Kurden im Weg, analysiert das online-Magazin „nationalia“ der katalanischen NGO Ciemen.

Schon vor einigen Monaten wagten die Islamisten einen Probelauf gegen Christen, Drusen und Alawiten. Westliche Proteste dagegen waren leise. Aus diesem Probelauf wurde nun die Machtprobe, die islamistisch geführte Armee vertreibt die Kurden aus der Großstadt Aleppo.

 

Offensive in Aleppo

Die Regierung in Damaskus will die SDF-Milizionäre in die neue syrische Armee „integrieren“. Die Kurden hingegen wollen den Streitkräften ihre Einheit und Autonomie bewahren. Für die Islamisten eine Kriegserklärung, die sie mit Krieg beantworten. Die syrische Armee rückte in die kurdischen Viertel Sheikh Maqsoud und Ashrafieh in Aleppo ein. Tagelang bombardierten sie die Viertel, wie einst das Assad-Regime mit russischer Hilfe, dann rückte die Armee ein.

 

Verfolgte Minderheiten

Offiziell zielte der Einmarsch in Aleppo darauf ab, das Gebiet unter die Kontrolle der Zentralregierung zu bringen. Doch die Soldaten beschränkten sich mit Unterstützung islamistischer Milizionäre nicht darauf, die Kurden zu besiegen. Sie rächten sich an ihnen. Eines der Videos über die äußerst brutal geführten Kämpfe zeigt eine Gruppe bewaffneter Männer, die den leblosen Körper einer kurdischen Milizionärin vom Balkon eines Hauses wirft.

Die Angreifer, von denen einige das Abzeichen des Islamischen Staates auf ihren Jacken trugen, zeigen in ihren Videos die von ihnen gedemütigten kurdischen Kinder und Frauen. Diese Demütigungen erlitten bereits Alawiten, Ismailiten, Jaafaritische Schiiten, Drusen oder Jesiden.

 

Wer kontrolliert die islamistischen Milizen?

Im Februar 2025 erhält Ahmed al-Sharaa eine allumfassende Macht als Präsident Syriens. al-Sharaa ist nicht ein konservativer Moslem. Er war einer der Anführer des Islamischen Staates und Gründer des syrischen Zweigs von Al-Qaida. Er ist inzwischen ein Freund des Westens.

Während der Präsident den Moderaten mimt, sind die verschiedenen islamistischen Milizen noch immer ihrer Ideologie verpflichtet und der Grausamkeit von Al-Qaida. Diese Milizen wurden in die „neue“ Armee integriert wie auch pro-türkische Banden, bestehend aus Islamisten aus Zentralasien und Sympathisanten von Al-Qaida oder dem Islamischen Staat.

Der Präsident ist diesen Milizen verpflichtet, sie schossen ihn an die Macht. Versöhnung? Sie wollen die Islamisierung des Staates und die Marginalisierung der Minderheiten.

Dem neuen Machthaber ist Applaus sicher, wie beispielsweise von Assaad al-Zubi, einem General, der 2011 von Assads Armee überlief. Er rief dazu auf, die Kurden zu vernichten. Oder Ali Farzat, Präsident der Vereinigung der arabischen Karikaturisten und 2011 mit dem Sacharow-Preis für Gewissensfreiheit des Europäischen Parlaments ausgezeichnet. Er verunglimpfte mit einer obszönen Zeichnung die von Balkon geworfene kurdische Milizionärin Deniz Çiya.

 

Massaker an den Alawiten und Angriffe auf Drusen

Im März 2025 drangen Islamisten in Städten und Gemeinden der Alawiten an der Mittelmeer-Küste ein, ermordeten wahllos „Zivilisten“ und zerstörten ihr Eigentum. Sie vergewaltigten, folterten und erschossen Menschen, denen sie auf der Straße begegneten. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte starben in nur drei Tagen 1.500 alawitische Frauen.

Im Sommer 2025 verlagerten Sicherheitskräfte ihre Gewalt in die drusische Provinz Suwaida, südlich von Damaskus. Die Blaupause für den Angriff auf die kurdischen Viertel von Aleppo. Die Drusen wollten ihrer Städte nicht von der nationalen Polizei und Armee „sichern“ lassen, weil sie ihnen misstrauten. Die Kämpfe forderten tausend Todesopfer.

 

Bundes- statt Zentralstaat

Auch deshalb forderten nicht nur Kurden einen föderalen Staat. Die Islamisten arabischer Nationalität lehnen den Föderalismus hingegen strikt ab. Die Spannungen zwischen Kurden und Arabern werden zunehmen. Das föderale Projekt der SDF, die Autonome Verwaltung Nord- und Ostsyriens (AANES), steht im totalen Gegensatz mit dem syrischen Zentralismus

Und auch die von der Türkei gesponserten Milizen attackieren die Autonomieregion, sie provozieren gezielt Spannungen zwischen den Kurden und den arabischen Bevölkerungsgruppen in der Region. Diese fordern inzwischen den Abzug der kurdisch dominierten SDF.

Im August 2025 versuchte der Syrische Demokratische Rat, der politische Flügel der SDF, Drusen- und Alawiten auf eine gemeinsame Position einzuschwören, für ein föderales Syrien. Doch die Alawiten und Drusen sind nach den Kämpfen mit Damaskus stark geschwächt, kaum mehr handlungsfähig.

 

Das Ende der kurdischen Autonomie

Alawiten und Drusen sind unter Kontrolle, wie auch die kurdischen Viertel Aleppos. Die syrische Armee rückt derzeit ostwärts, in das Autonomiegebiet ein. Die militärischen Chancen der Kurden sind gering, erfolgreich Widerstand leisten zu können. Dreizehn Jahre nach der Gründung der autonomen Region steht diese vor dem Aus.

Präsident Sharaa bietet aufgrund seiner militärischen Stärke den Kurden einen Waffenstillstand an. Mit einem Dekret lässt er den kurdischsprachigen Unterricht zu sowie den kurdischen Silversterabend Newroz.

Die kurdischen Milizen mussten 2018 vor den türkischen Truppen und ihren islamistischen Söldnern in Afrin kapitulieren, dies steht jetzt für das gesamte Rojava an.

Bisher schützte die Präsenz von US-Soldaten in der Region und ihre Unterstützung für die SDF die kurdische Autonomie. Deshalb wird den von der US-Regierung angekündigte Abzug katastrophale Folgen haben.

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