Srebrenica-Gedenktag 2023

Ein Gespräch mit Fadila Memisevic, GfbV-Bosnien über die Auswirkungen des Genozids und die Hilfen der ersten Stunde.

Belma Zulcic: Frau Memisevic, Sie waren unter den ersten, die darauf hingewirkt haben, dass die Opfer des Genozids in Srebrenica Gerechtigkeit erfahren.

Fadila Memisevic: Als wir 1997, vor 26 Jahren, das Büro der GfbV in Sarajevo eröffnet haben, waren die Folgen des Krieges unübersehbar. Zerstörte Städte, verbrannte Dörfer, über zwei Millionen Menschen aus ihren Heimatorten vertrieben. Tausende traumatisierte überlebende Opfer des Genozids – der Massenvertreibungen, Massenmorde, Verwundungen und Massenvergewaltigungen.

B. Zulcic: All das stoppte Dayton?

F. Memisevic: Das Dayton-Friedensabkommen von 1995 belohnte die Verantwortlichen für diese Verbrechen, angeführt von Radovan Karadzic, mit der Anerkennung der Republika Srpska. Bosnien und Herzegowina wurde künstlich in zwei Hälften geteilt: in die „ethnisch reine“ Republika Srpska und die multiethnische Föderation von BiH.

B. Zulcic: Wie konnten Sie und das GfbV-Büro helfen?

F. Memisevic: In unser Büro im Zentrum von Sarajevo kamen täglich Menschen, die unsere Hilfe suchen. Die meisten von ihnen waren auf der Suche nach vermissten Familienmitgliedern. Während des Krieges in Bosnien und Herzegowina wurde das „Verschwinden“ von mehr als 30.000 Menschen registriert, über deren Schicksal man nichts wusste. Betroffen waren vor allem die Mütter von Srebrenica, die nach mehr als 8.000 ihrer Liebsten suchten. Gerade deshalb haben wir mit ihnen an jedem 11. im Monat schweigende Proteste organisiert. Dabei hielten wir Transparente mit Aufschriften wie: „Wir wollen die Wahrheit über das Schicksal unserer Söhne, Ehemänner, Väter, Brüder und Verwandten“. An den Protesten nahmen mehr als 5.000 Mütter teil. Mit Bussen kamen sie nach Sarajevo aus den Orten, wo sie vorübergehend wohnten.

B. Sulcic: Was wurde gefordert?

F. Memisevic: Die Forderungen, die wir zusammen mit den Müttern erstellt hatten, übergaben wir den Vertretern von OHR und OSZE, den in Bosnien akkreditierten Botschaftern und dem Internationalen Roten Kreuz. Die Mütter teilten uns die Namen der vermissten Familienmitglieder mit und wir schrieben diese Namen mit Markern auf ein 50 Meter langes Stoffband, das wir als Paket, adressiert an Slobodan Milosevic, an das Internationale Rote Kreuz übergaben. Diese Proteste wurden von internationalen und heimischen Medien verfolgt. Unser kleines Büro im Verwaltungsgebäude der StrümpfefabrikKljuc“ war jeden Tag überfüllt mit Journalisten aus allen Teilen der Welt.

Belma Zulcic: Die erste konkrete Kennzeichnung des Srebrenica-Gedenktages erfolgte am 11.Juli 1997 gerade in Ihrer Organisation. Was haben Sie damals unternommen?

Fadila Memisevic: Am 11.Juli 1997 versuchten wir mit 70 Müttern und Frauen aus Srebrenica in Bussen an den Ort des Massengrabs Djulici, unweit von Srebrenica, zu gelangen. An dieser Aktion nahm auch Tilman Zülch von der deutschen Sektion der GfbV teil, weiter Vertreter von spanischen und britischen Menschenrechtsorganisationen wie auch Prominente wie Bianca Jagger und Sharon Silber, die Aktivistin von „Jews Against Genocide“ aus New York. An diesem Gedenktag wollten die Mütter Blumen auf das Massengrab legen, das nur sechs Kilometer von der Grenze der Republika Srpska zur Föderation entfernt war.

B. Sulcic: Dazu kam es aber nicht?

F. Memisevic: Die SFOR-Truppen waren nicht in der Lage, uns Schutz auf dem Gebiet unter serbischer Kontrolle zu geben. Die Frauen entschieden sich zur Alternative: Besuch des Friedhofs Nezuk auf dem Territorium der Föderation von BiH. Wir verließen die Busse und gingen fünf Kilometer zu Fuß durch den Wald. Transporter und 200 russische Soldaten in voller Ausrüstung hinderten uns mit zwei Reihen von Stacheldrahtzaun, den Gedenkort zu betreten. Nach vielen Verhandlungen und achtstündigem Warten in sengender Hitze mit der einschüchternden Anwesenheit von drei Kampfhubschraubern, die unmittelbar über unseren Köpfen flogen, wurden wir jeweils zu zweit durch den Stacheldrahtzaun durchgelassen und auf eine grauenhafte Art und Weise nach Munition und Waffen durchsucht.

B. Sulcic: Die SFOR-Soldaten zeigten sich wenig emphatisch …

F. Memisevic: Die SFOR-Soldaten trennten die Männer, die die Frauen begleiteten, von uns und verboten ihnen auf diese Art und Weise, an der Kennzeichnung des Gedenktages teilzunehmen. Die Frauen fühlten sich mit dieser schrecklichen Selektion noch einmal an die Selektion in Potocarivor zwei Jahren erinnert, als ihre Söhne, Ehemänner, Väter, Brüder und Verwandten abgeführt und getötet wurden.

B. Sulcic: SFOR gegen die Opfer der serbischen Aggression?

F. Memisevic: Das militärische Potential der internationalen Gemeinschaft war an diesem Tag gegen die Frauen von Srebrenica gerichtet, gegen Opfer des schrecklichsten Massakers in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Es war die gleiche internationale Gemeinschaft, die die Massentötung von mehr als 8.000 unschuldigen Srebrenica-Männernzugelassen hatte.

Belma Zulcic: Unter Ihrer Mitwirkung wurde auch der Friedhof Potočari, auf dem heute wieder weitere 30 Srebrenica-Opfer beerdigt wurden, „eingerichtet“. Neben den bereits 6.721 dort beerdigten Opfern werden auch sie nun ihre letzte Ruhe auf diesem Friedhof finden. Woher kam die Idee für den Friedhof gerade an diesem Ort?

Fadila Memisevic: Nach der Öffnung der ersten Massengräber in und um Srebrenica und der Identifikation der ersten Srebrenica-Opfer stellte sich die Frage, wo man die ausgegrabenen Überreste der Opfer beerdigen sollte. Hierzu organisierten wir mit den Vereinen der Srebrenica-Mütter eine Umfrage unter den Angehörigen der Srebrenica-Opfer über den möglichen Bestattungsort. Unter mehreren Vorschlägen sprachen sich etwa 83 % der Befragten für Potočari aus, den ehemaligen UN-Stützpunkt, wo in der Zeit vom 11.–17.Juli 1995 vor Augen des DutchBat Tausende der ausgesonderten Srebrenica-Männer getötet wurden.

B. Sulcic: Die UNO stimmte dem Anliegen zu?

F. Memisevic: Der damalige Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, Wolfgang Petritsch, zeigte Respekt für die Entscheidung der Familien, dass die Überreste ihrer Liebsten in Potočari beerdigt werden. Im Oktober 2000 genehmigte er den Bau des Gedenkzentrums und eines gemeinsamen Friedhofes in Potočari. Mit dieser Entscheidung von Petritsch konnten jedoch nicht alle Probleme gelöst werden. Die Familien der Getöteten aus Srebrenica wollten in Potocari ein großes Gedenkzentrum mit einem Museum, einer Fotogallerie, einem Filmraum und einem Park, was aber die Vertreter der Internationalen Gemeinschaft mit der Begründung abschlugen, dass dies zu teuer wäre.

B. Sulcic: Die bosnische GfbV-Sektion unterstützte mit einer Kampagne das Anliegen

F. Memisevic: Als unseren Beitrag für den Bau des Gedenkzentrums haben wir einen Runden Tisch zu diesem Thema organisiert, welcher im Rahmen der Internationalen Frauen – Friedenskonferenz in Srebrenica vom 28.–30. Mai 2001 stattfand. Die Teilnehmerinnen waren Vertreterinnen von serbischen Frauen – NGOs aus Bratunac und Srebrenica, Vertreterinnen der lokalen Regierung wie die stellvertretende Bürgermeisterin der Gemeinde Srebrenica, Milka Rankić, die Ministerin für Flüchtlinge und soziale Fragen, Besima Borić – Marić wie auch Vertreterinnen der Internationalen Gemeinschaft, von SFOR und IPTF.

B. Sulcic: Also nicht nur eine „bosnische Aktion“?

F. Memisevic: Wir wollten über sorgfältig gewählte Vertreterinnen der lokalen Regierung wie auch über serbische Frauenorganisationen ein positives Klima für den Bau des Gedenkzentrums schaffen, um auf diese Weise eine Wiederholung der schrecklichen Ereignisse in Trebinje und Banja Luka zu verhindern, als im Frühjahr 2001 eine außer sich geratene Masse von Menschen die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der zerstörten Osman – Pascha Moschee in Trebinje und der Ferhad – Pascha Moschee in Banja Luka verhinderte und die angereisten Teilnehmer brutal angriff. In Banja Luka wurde dabei sogar ein Teilnehmer – Murat Badic – getötet, ein alter Mann aus dem Nordwesten Bosnien-Herzegowinas.

B. Sulcic: Die Frauen unterstützten das Projekt Gedenkzentrum. Warum?

F. Memisevic: Alle Teilnehmerinnen waren sich darüber einig, dass das Gedenkzentrum gebaut werden muss, damit die „Überreste der mehr als 8.000 unschuldig getöteten Männer aus Srebrenica endlich Ruhe finden und ihre überlebenden Familienmitglieder eine Schmerzlinderung wegen des Verlustes ihrer Liebsten erfahren. Auf diese Weise würden die Überlebenden den Kreis der Ungewissheit, der schon so viele Jahre andauert, schliessen und ein neues Leben beginnen können.

Am Ende des Runden Tisches waren alle Teilnehmerinnen der Meinung, dass der Wille der Familien der Getöteten aus Srebrenica respektiert und der Grundstein für den Bau des Gedenkzentrums in Potočari an dem Tag gelegt werden muss, als sich diese schreckliche Tragödie auch ereignet hat – am 11. Juli 2001.

B. Sulcic: Trotzdem wurde die Initiative verzögert.

F. Memisevic: Obwohl der Wunsch der Mütter aus Srebrenica war, dass der Grundstein für das Gedenkzentrum bei der Kennzeichnung des fünften Jahrestags des Srebrenica-Genozids gelegt wird, kam es jedoch nicht dazu. Dazu wurde auch die Zahl der angemeldeten Teilnehmer von 5.000 auf 1.000 reduziert, da IPTF und SFOR die Sicherheit so vieler Teilnehmer nicht garantieren konnten oder wollten. Sie rechtfertigten es damit, dass es eine latente Gefahr gäbe, die serbische Bevölkerung könnte die Teilnehmer des Kommemorativtreffens angreifen.

Belma Zulcic: Welche Bedeutung hat das Gedenkzentrum in Potočari für die Angehörigen der Opfer aber auch für Menschen weltweit?

Fadila Memisevic: Erst durch den großen Einsatz der überlebenden Mütter und Angehöriger der Srebrenica-Opfer, zahlreicher Menschenrechtsorganisationen und vieler Ethusiasten konnten das Gedenkzentrum und der Friedhof entstehen, die wir heute in Potocari sehen. Es mussten außerdem zahlreiche Blockaden und Hindernisversuche der serbischen Institutionen umgangen und beseitigt werden.

Für Tausende der Überlebenden aus Srebrenica stellt der Bau des Gedenkzentrums eine Linderung ihrer Leiden dar, denn sie können endlichihre Liebsten nach Gottes und Menschengesetzen beerdigen und ihre Gräber immer wieder besuchen, um so zumindest etwas Trost zu finden. Dieses Gedenkzentrum ist zur gleichen Zeit auch eine Mahnung an alle, dass sich solch ein Exodus nie und nirgendwo auf der Welt wieder ereignen darf.

B. Sulcic: Mit den Toten kehrten auch die Überlebenden zurück

F. Memisevic: Die Rückkehr der Toten hat auch die Rückkehr derÜberlebenden nach Srebrenica ermöglich und eingeleitet. Die meisten Srebrenica-Mütter sind im Jahre 2003, nach der ersten Beerdigung der Srebrenica-Opfer am 31.März 2003, als Bill Clinton, der ehemalige US-Präsident, das Gedenkzentrum in Srebrenica feierlich eröffnete,zurückgekehrt. Nur wenige haben es schon früher gewagt, unter ihnen gerade unsere Srebrenica-Koordinatorin und Leiterin unseres Büros in Srebrenica, Hatidza Mehmedovic.

B. Sulcic: Hatidza Mehmedovic warb trotz Vertreibung und Völkermord für eine Aussöhung.

F. Memisevic: Sie ist bereits 2001 nach Srebrenica zurückgekehrt und hat dort den Verein „Srebrenica-Mütter“ gegründet und wurde zum Symbol der Suche nach Vermissten und des Kampfes für Wahrheit weltweit. Obwohl ihre beiden Söhne und ihr Ehemann im Juli 1995 getötet wurden und sie in Srebrenica ganz alleine leben musste, war sie eine der größten Befürwörterinnen der Zusammenarbeit zwischen bosniakischen und serbischen Frauen. Der Schmerz über das tragische Schicksal ihrer Familie war jedoch stärker als ihr Wille zum Kampf: Sie verstarb im Juli 2018 nach schwerer Krankheit.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website ist durch reCAPTCHA geschützt und es gelten die Datenschutzbestimmungen und Nutzungsbedingungen von Google

Zurück zur Home-Seite