Österreich-Viena: Ein Denkmal für Romnja und Roma

In der Nähe des österreichischen Parlaments soll an die Porajmos-Ermordeten erinnert werden

Berlin als Vorbild, das Porajmos-Denkmal zwischen Reichstagsgebäude und Tiergarten im Zentrum der bundesdeutschen Hauptstadt. Foto: stiftung-denkmal.de

Berlin als Vorbild, das Porajmos-Denkmal zwischen Reichstagsgebäude und Tiergarten im Zentrum der bundesdeutschen Hauptstadt. Foto: stiftung-denkmal.de

Von Wolfgang Mayr

 

Eine überschaubare Gruppe demonstrierte leise auf dem Wiener Schmerling-Platz. Sie fordern ein Holocaust-Denkmal in Erinnerung an die ermordeten österreichischen Romnja und Roma.

Im „Dritten Reich“ ermordeten die Nazis mehr als eine halbe Million Roma und Sinti, darunter schätzungsweise 10.000 aus Österreich. Roma und Sinti wurden als „Zigeuner“ bzw. als „Asoziale“ systematisch verfolgt und ermordet. Vor 1938 lebten bis zu 12.000 Roma und Sinti in Österreich, die meisten davon im Burgenland.

Der aus dem Burgenland stammende Wiener Historiker Gerhard Baumgartner arbeitete die Geschichte der burgenländische Roma-Bevölkerung auf, mit einem Schwerpunkt über Verfolgung und Vernichtung im Dritten Reich. Zahlen und Fakten liegen seit dem Jahr 2000 detailliert recherchiert vor.

Trotzdem, ein Denkmal in Erinnerung an die Romnja und Roma-Opfer der Nazi-Herrschaft steht aber immer noch aus. Deshalb auch die stille Kundgebung mit einer klaren Botschaft in Wien anfangs Januar. Die Frage ist, ob die Botschaft auch angekommen ist.

 

Ein halbes Jahrhundert

Auch die jüdischen Bürgerinnen und Bürger mussten sich bis ins Jahr 2000 in Geduld „üben“. Erst ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust wurde in Wien auf dem Judenplatz das Mahnmal für die österreichischen jüdischen Oper errichtet. Es erinnert an die 65.000 ermordeten österreichischen Juden.

An der Entrechtung, Enteignung, Verfolgung und Ermordung der jüdischen Österreicher:innen beteiligten sich viele österreichische Nachbarn. In den NS-Terrororganisationen waren Österreicher überproportional vertreten. Das Mahnmal ist also so etwas wie das zu Stein gewordene schlechte Gewissen der Österreicher:innen.

Und auch immer wieder Anlass für Polemiken. Als der Präsident des Nationalrates, der rechtsrechte FPÖ-Mandatar Walter Rosenkranz, vor einem Jahr am Mahnmal einen Kranz niederlegen wollte, wurde er von der Israelitischen Kultusgemeinde und von der Jüdischen Hochschülerschaftt heftig kritisiert. „Wer Nazis ehrt, dessen Wort ist nichts wert“, lautete ein Transparenz-Slogan.

 

Die Zeit drängt

Die Zeit für ein Porajmos-Denkmal drängt. Bei den nächsten Parlamentswahlen könnten die Freiheitlichen auf fast 40 Prozent Wähler:innenstimmen hoffen. Die FPÖ ist antiziganistisch, wendet sich beispielsweise vehement gegen den Zuzug von Roma aus Osteuropa.

Der bereits erwähnte Nationalrats-Präsident Rosenkranz überraschte aber mit seiner Aussage, dass das Roma-Denkmal längst überfällig ist. Möglicherweise nimmt Rosenkranz seinen Vorgänger Wolfgang Sobotka ernst, der sich anlässlich des Internationalen Roma-Tags am 8. April 2022 für ein Denkmal sowie ein Dokumentationszentrum aussprach.

Sobotka unterstützte ein entsprechendes Positionspapier von Roma-Organisationen und Aktivist*innen. Laut diesem soll das Denkmal an einem zentralen Standort in Wien errichtet werden.

Migrantische und autochthone Organisationen sowie Aktivist*innen wollen den politischen Stillstand in dieser Sache beenden.

 

Stimmen aus der Community

Katharina Janoska, Autorin und Journalistin, begründet die Forderung nach einem Denkmal in Wien: „Unsere Heimat schuldet es uns, dass wir unserer Ahnen an einem zentralen Ort gedenken können, dass sie jenen, die nicht mehr für sich selbst sprechen können, eine Stimme verleiht. Damit man jenen, die lange Zeit nicht gesehen wurden, Gerechtigkeit zuteilwerden lässt. “

Mirjam Karoly, Mitglied des Roma-Volksgruppenbeirats, wirbt für den Schmerlingplatz als Denkmal-Standort. Zentral gelegen neben dem Parlament, ein sichtbarer Ort, der Roma und das Gedenken in die Mitte der Gesellschaft holt, begründet Karoly ihren „Wunsch“: „Man merkt, eine Art Diskriminierung auch innerhalb der Opfergruppen, dass sozusagen der Holocaust an den Romnja und Roma nicht zum Thema gemacht wurde und auch vom offiziellen Österreich nicht als solcher anerkannt wurde. Und in den 50er, 60er Jahren hat man Roma weiterhin stigmatisiert und gesagt, ihr wurdet verfolgt, weil ihr Kriminelle seid.“

Der Musiker und Aktivist Harri Stojka unterstützt die Forderung von Karoly nach einem Mahnmal am Schmerlingplatz. Stojka findet es respektlos, dass sich die Errichtung des Mahnmals seit Jahren verzögert.  Stojka sieht das Mahnmal auch als Appell gegen Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gegenwart.

Stojka appelliert an den Nationalfonds, die Stadt Wien und politisch Verantwortlichen, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs endlich zu handeln und die Umsetzung dieses wichtigen Erinnerungsprojekts nicht weiter hinauszuschieben.

 

DB gefährdet das Sinti-Denkmal in Berlin

In Deutschland konnten die Sinti-Bürgerrechtsbewegung und der Zentralrat der deutschen Sinti 2012 das Porajmos-Denkmal zwischen dem Reichstagsgebäude und dem Brandenburger Tor „einweihen“. Es erinnert an die ermordeten Sinti, Roma, Lalleri, Lowara und Manusch, aber auch Jenische und andere Fahrende.

Die Deutsche Bahn will unter dem Sinti-Denkmal eine neue S-Bahn-Strecke bauen. „Unsere Erinnerungen sind keine Baustellen“, kritisiert der Bundes-Roma-Verband. Die DB kündigte nach heftigen Protesten an, das Denkmal größtmöglichst zu schützen. Was das auch immer heißen mag.

Wie würden wohl die Nachfahren der Hitler-Attentäter um Stauffenberg reagieren, wenn unter der „Gedenkstätte deutscher Widerstand“ ein S-Bahn-Tunnel gebaut werden würde?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website ist durch reCAPTCHA geschützt und es gelten die Datenschutzbestimmungen und Nutzungsbedingungen von Google

Zurück zur Home-Seite