Nordafrika-Kabylia: Die bedrängten Amazighen

Seit Jahrhunderten leiden die Amazigh unter der arabisch-islamischen Repression

Die Flagge verbindet die Amazigh, die Ureinwohner Nordafrikas, von Marokko bis nach Libyen. Foto: amazighworldnews.com

Die Flagge verbindet die Amazigh, die Ureinwohner Nordafrikas, von Marokko bis nach Libyen. Foto: amazighworldnews.com

Von Wolfgang Mayr

 

Mit einer Unabhängigkeitserklärung im Dezember 2025 versuchten die Amazigh, die Araber beschimpfen sie als Berber, Barbaren, in Algerien auf sich aufmerksam zu machen. Eine Erklärung, die politisch nicht zur Kenntnis genommen wurde. Die Amazigh haben keine Freunde, keine Verbündete. Niemand protestiert für sie auf den Straßen und Plätzen Europas. Die Amazighen teilen das Schicksal der vom Westen verratenen Kurden.

Der freie Journalist Karlos Zurutuza schaute für das online-Magazin „nationalia“ der katalanischen NGO Ciemen genauer hin, zu den Amazighen. 2011, im arabischen Frühling, informierte Mazigh Buzakhar den baskischen Journalisten über das geplante Selbstverwaltungsprojekt in den Nafusa-Bergen Libyens. Eine der wichtigsten Amazigh-Enklaven im Nordwesten des Landes, die sich 2011 erfolgreich gegen das Gaddafi-Regime erhoben.  Das Projekt stammt von der Kabylischen Selbstbestimmungsbewegung (MAK), gegründet 2003.

Die MAK konzentrierte sich anfangs auf die Autonomie ihres Landes, zitiert Zurutuza den Aktivisten Buzakhar. Zehn Jahre später verfolgt MAK die Selbstbestimmung, die Eigenstaatlichkeit. Die Amazigh-Regionen erstrecken sich von Marokko bis nach Ägypten.

 

Kolonie Kabylien in Algerien

Neben den Nafusa-Bergen in Libyen zählt Kabylien – so groß wie Dänemark und jahrhundertelang unabhängig – in Algerien zu den Amazigh-Hochburgen. Mit der französischen Kolonisierung Mitte des 19. Jahrhunderts zwangen die Kolonisten Kabylien in den algerischen Staatsverband.

Laut MAK-Mitglied Hocine Azem drängte die algerische Befreiungsbewegung FLN im Zuge der Entkolonialisierung die Amazigh ins Abseits. Die arabischen Befreiungskämpfer traten an die Stelle der französischen Kolonialherren. Sie ersetzten das französische durch das arabischen Algerien, beschreibt Azem die Entwicklung seit der Unabhängigkeit 1962.

Laut Zurutuza war das der Keim der Amazigh-Aktivismus, der zum Amazigh-Frühling 1980 führte. Die Proteste gegen den algerischen Staatszentralismus sowie gegen das Verbot der Amazigh-Identität ließ die Staatsführung mit extremer Härte niederschlagen. Zwei Jahrzehnte später wiederholten sich die Proteste, dabei wurden mehr als hundert Demonstranten ermordet. Der algerische Staat stufte die MAK wegen ihrer Mobilisierung der Amazighen als terroristisch ein.

„Seit Jahrhunderten sind wir einer intensiven Arabisierungskampagne ausgesetzt, mit verheerender Wirkung.  Die Namen der Dörfer und Städte der Amazighen wurden durch arabische ersetzt, Vgayett wurde Bejaia, Tubirett Bouira“, Azem listete im Gespräch mit „nationalia“ eine lange Reihe arabisierter Ortsnamen auf. Die arabische Staatssprache drängte Amazigh in Enklaven.

 

Islamisten und FLN gegen Amazighen

Das Arabische verbindet die Islamisten und die anti-islamistische Staatsmacht. Amazigh-Aktivist:innen wundern sich deshalb nicht, dass in ihren Regionen trotz hoher Polizeipräsenz ungehindert islamistische Attentate stattfanden und stattfinden. Gibt es ein Zusammenspiel zwischen islamischen Terroristen und dem Staatsapparat?

Bouaziz Ait-Chebib, ehemaliger MAK-Präsident antwortet folgendermaßen: „Mehr als 40 % der algerischen Sicherheitskräfte sind in Kabylien stationiert: die Armee, die Gendarmerie, die Polizei, die Agenten des Informations- und Sicherheitsministeriums (DRS). Allerdings operieren Gruppen wie Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) in der Region mit überraschender Leichtigkeit.“

Ait-Chebib unterstellt beiden Seiten ein gemeinsames Vorgehen gegen die Amazighen, die weder arabisch noch islamistisch sind. Regierung und Islamisten sind „zwei Seiten derselben Medaille“, ergänzt er. Dazu ein Beispiel, der Bürgerkrieg von 1992. Bei den damaligen Wahlen holten die Islamisten die meisten Stimmen, das Militär ließ daraufhin die Wahlen samt Ergebnissen aufheben. Islamistische Organisationen wehrten sich gegen den Wahlbetrug, mit Anschlägen und Überfällen. Das Militär schlug zurück, mehr als 200.000 Menschen kamen ums Leben. Nach der Niederschlagung der islamistischen Proteste und Attentate erließ Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika eine weitreichende Amnestie, Nutznießer, die Islamisten.

Brutal gewütet hatten die Dschihadisten in Kabylien. Viele Morde gingen auf ihr Konto. Gleichzeitig wandten sich auch die „Sicherheitskräfte“ des Staates gegen die Amazighen, viele wurden entführt, verschleppt, „verschwanden“. Geschäftsleute wurden unter Druck gesetzt, Olivenhaine abgeholzt. Hauptziel der Entholzung, die Entvölkerung der Amazighen-Region. Tatsächlich verließen betroffene Bauern ihre Bergdörfer.

 

„Mörderische Kraft“

Nach dem Bürgerkrieg setzte der Staat die Repression gegen die Amazighen kontinuierlich fort. Die Zahl der Verhafteten und Gefolterten stieg, auf Proteste reagierten Polizei und Militär gewalttätig, Olivenhaine fielen gezielten Brandanschlägen zum Opfer. In Kabylien errichtete der Staat neue Moscheen, mehr als anderswo.

2019 kündigte Langzeit-Präsident Bouteflika an, für eine fünfte Amtszeit zu kandidieren. Eine Protestwelle rollte durch das Land, die Amazighen schlossen sich an. Jeden Freitag gingen Demonstrationen landesweit auf Straßen und Plätze, forderten ein Ende des Militärregimes und der Korruption sowie eine Modernisierung des Landes durch eine demokratische Regierung.

Besonders vehement und kraftvoll drängten die Amazighen auf eine demokratische Veränderung. Tausende strömten in der Küstenstadt Bejaia zum Konzert in Gedenken an Matoub Lounès, Schriftsteller, Denker, Dichter und Atheist. Der Amazigh-Intellektuelle wandte sich in seiner Kunst gegen die arabische Orthodoxie, die in dieser Ecke der Welt dominierte. „Imazighen, imazighen“ (Amazigh), skandierte die Menge. Mit „Pouvoir- assassin!“ (Mörderische Macht) beschimpften die Demonstranten das Regime in Algier.

Trotz des Unmuts und der Proteste schaffte es die Gerontokratie der Nationalen Befreiungsfront FLN, die Kontrolle und die Macht zu behalten. Algerien erstarrte, laut Amnesty International brachte das Regime die Gesellschaft hinter Gitter (September 2023), Human Rights Watch forderte die UNO auf, die gefährdeten Menschenrechte in Algerien zu schütze (März 2025).

Niemand nahm von diesen Warnungen Notiz. Die Pandemie hatte die Welt im Griff, Algerien zoffte sich mit Marokko wegen der Westsahara, in der Ukraine tobt der russische Eroberungskrieg.

 

„Unabhängigkeit“

Amazighen-Aktivisten griffen zur Selbsthilfe. Im Dezember erklärten sie in Paris die Unabhängigkeit Kabyliens. Anfänglich wollten die französischen Behörden die Veranstaltung unterbinden, ließen sie aber zu, als diese zu einer privaten Veranstaltung erklärt wurde. Die anwesenden Aktivisten riefen die Bundesrepublik Kabylien aus. Mit dabei waren politische Persönlichkeiten aus Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Kanada und Israel.

Zwischen Israel und den Amazighen gibt es schon lange enge Beziehungen. 2012 besuchte der Amazighen-Präsident im Exil, Ferhat Mehenni, die israelische Hauptstadt Jerusalem. „Beide Länder teilen einen gemeinsamen Weg, aber Israel existiert bereits. Das ist der einzige Unterschied“, sagte Mehenni in einem Interview mit der Jerusalem Post. Damals wurde der Ausdruck „Israel des Maghreb“ geprägt.

Die jüdische Presse würdigte die Aktion der Amazighen in Paris als eine Stärkung der Allianz mit Israel. Dies geht auf die Zeit des Kalten Krieges zurück. Damals versuchte Israel in Nordafrika und im Nahen Osten Partner zu finden, unter „nicht arabischen“ Staaten und Minderheiten.

Kurzfristig wurde diese Allianz sichtbar, im Fall Syrien. Die von den islamistischen Machthabern immer wieder angegriffenen Christen, Alawiten, Drusen und Kurden erhielten Hilfe aus Israel. Eine Allianz, die jetzt bröckelt, weil US-Präsident Trump – und in seinem Schlepptau der israelische Premier Netanyahu – die Solidarität mit den Kurden in Nord-Syrien aufgekündigt hat.

Die Frage bleibt, inwieweit die Amazighen in diese informelle Allianz mit Israel eingebunden werden. Und, können sich die Amazighen auf Israel verlassen?

Die israelische Regierung äußerte sich vorsichtiger als die Presse zur Pariser Unabhängigkeits-Erklärung der Amazighen. Sie hoffen trotzdem, weil Israel das Somaliland als unabhängigen Staat anerkannte.

„Nationalia“ zweifelt an einem israelischen Bündnis mit den Amazighen. Stolperstein ist Marokko, ein wichtiger strategischer Partner Israels in Nordafrika. Mehr als die Hälfte der marokkanischen Bevölkerung sind Amazighen, das Königreich geht – der Nachbar Algerien als Vorbild – repressiv gegen die Amazigh-Bewegung vor. Besonders im Rif-Bergland finden Razzien statt, sind unzählige Männer verhaftet worden, viele konnten nach Frankeich flüchten.

Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hält sich in der Frage der Amazigh-Unbhängigkeit – egal ob in Marokko, Algerien oder Libyen – offensiv zurück. Frankeich wie die restliche EU stellten sich nach dem Militärputsch auf die Seite der algerischen Militärs. Die EU steht auch Marokko zur Seite, unterstützt dessen Forderung nach Annexion der besetzten Westsahara. Kontakte zur Demokratie-Bewegung der Amazighen wurden und werden keine gepflegt. Wundert auch nicht, die EU lehnte die Unabhängigkeitsreferenden in Schottland und Katalonien strikt ab.

Einzig das Europaparlament beklagte vor einem Jahr – nach jahrelangem Schweigen – die schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen in Algerien. Diese wurden scharf verurteilt und die algerischen Behörden aufgefordert, „repressive Gesetze zu überprüfen, Meinungs- und Meinungsfreiheit zu respektieren, und sofort Gewissensgefangene freizulassen.“

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