Nach 49 Jahren: wieder zu Hause

Zu Besuch bei Leonard Peltier im Reservat Turtle Mountain. Von Claus Biegert

Leonard Peltier und Claus Biegert im Reservat Turtle Mountain. Foto: Claus Biegert

Samstag, 9. März, früher Nachmittag auf dem Interstate 94 West: Wir nähern uns der Grenze von Minnesota zu North Dakota, als plötzlich dieser Vogel rechts neben uns erscheint. Seine Spannweite überragt die Breite unseres Subaru Station Wagon. Zweifel können ein Erlebnis stören, doch in diesem Moment gibt es keinen Zweifel: Neben uns fliegt ein Weißkopfadler.

Es sind nur ein paar Sekunden, dann gewinnt er an Höhe und schwenkt ab. Sein gelber Schnabel scheint zu leuchten an der Spitze seines schwarz-weiß gefiederten Körpers. Wir beide nehmen es als Bestätigung: Wir sind auf dem richtigen Weg, auf dem Weg zu Leonard Peltier. Hunter und ich sind am Morgen in Minneapolis aufgebrochen. Mit Hunters Vater „AIM-Fotograf“ Dick Bancroft hatte ich Leonard Peltier zweimal im Gefängnis besucht, bis er dann nach 2003 keine Journalisten mehr empfangen durfte.

Knapp drei Wochen zuvor, am 18. Februar 2025, hatte Leonard, inzwischen 80 Jahre alt, das berüchtigte Hochsicherheitsgefängnis Coleman in Florida verlassen. Das erste Foto zeigt ihn in einem farbenfreudigen Ribbon Shirt, die Rechte zur Faust geballt, Triumph in den Augen. „Sie konnten meinen Körper gefangen nehmen, meinen Geist nicht!“, rief er seinen Unterstützern zu. Dann flog er nach North Dakota, in einem Flugzeug, das die indigene Organisation „NDN Collective“ gechartert hatte. „NDN Collective“ hatte auch das Haus erworben, das in Belcourt im Reservat Turtle Mountain auf ihn wartete. „NDN Collective“ wird sich fortan, gemeinsam mit Verwandten, um seine Sicherheit kümmern, und um seine Gesundheit.

Es ist eine der Fügungen, die den Widerstand der Ureinwohner schon immer beflügeln: Im entscheidenden Moment, es war Ende letzten Jahres, war diese finanzstarke Initiative aus South Dakota auf den Plan getreten und hatte sich für den Tag X vorbereitet. Der Tag X ist nie im Kalender verankert, er kommt unversehens oder er kommt nicht. Minuten vor seinem Verlassen des Weißen Hauses am 20. Januar – am Tag X – hatte Noch-Präsident Joe Biden seine Macht genutzt und Leonard in den Hausarrest geschickt. Der Associated Press wurde ein Brief zugespielt, den Christopher Wray, ehemaliger Direktor des FBI, an Präsident Biden geschickt hatte, um diesen von jeglicher Art von Gnade abzubringen. „Einen gnadenlosen Killer frei zu lassen“, schreibt Wright, sei „eine Beleidigung des Rechts.“

Was war es wohl, das den Präsidenten in letzter Minute aktiv werden ließ? Es waren wahrscheinlich die Boarding Schools und die über 3000 toten Kinder, deren Knochen jetzt gefunden werden. Die indigene Innenministerin Deb Harland (sie kommt vom Laguna Pueblo) hatte das Thema schon länger auf die Agenda des Präsidenten gesetzt. Im Oktober 2024 war Joe Biden dann mit ihr nach Arizona gereist, um sich bei einem zeremoniellen Auftritt auf Stammesland für „das Schandmal amerikanischer Geschichte“ bei  den Ureinwohnern zu entschuldigen und Heilung zu versprechen. Leonard Peltier ist ein „Boarding School Survivor“: ein Überlebender der Internate.

Aus dem Hausarrest muss er sich täglich früh und abends bei seinem US Parole Officer melden. Eine Begnadigung wäre ohne Zweifel die freundlichere Variante gewesen; jedoch hatte Leonard während seiner Jahrzehnte hinter Gittern immer betont, dass nur Schuldige begnadigt werden können. Er war unschuldig am Tod der zwei FBI-Agenten, die zwei Jahre nach dem Aufstand von Wounded Knee im Juli 1975 im Reservat Pine Ridge im Bundesstaat South Dakota erschossen worden waren. Sämtliche Beweise, die zu seiner Auslieferung aus Kanada und anschließend zur Verurteilung geführt hatten, waren gefälscht gewesen. Damals hatte das FBI das Reservat zum Ausbildungsareal für Special Agents erklärt und die bewaffneten Übergriffe der Goon Squad, einer Privatarmee des Stammesrats, auf Mitglieder des American Indian Movement (AIM) unterstützt – mit Waffen, Munition und Bier. Leonard gehörte zu AIM. Er war nach der tödlichen Schießerei nach Kanada geflohen.

Mit einem Powwow hatten die Anishinabeg von Turtle Mountain Leonard im Reservat empfangen, tanzend, singend, * auf Youtube ist es festgehalten. Eine Quilt-Decke wurde ihm überreicht: Das traditionelle Sternenmuster von Schrift umrahmt – LEONARD PELTIER FREEDOM FEBRUARY 18, 2025.

Wo wohnt er jetzt? Sunset Street! Das kommt auf dem Reservat einem Scherz gleich: „Sunset Street? Never heard of“ lautet die Auskunft an der Tankstelle. Aber da tankt gerade einer, der weiß, wo Leonard wohnt. „I’ll take you there!“ Die Sunset Street ist ein ausgefahrene, löchrige Sackgasse ohne Straßenschild.

Sein Sohn Chauncey öffnet die Tür. Er ist aus Oregon angereist. Chauncey war fünf Jahre alt, als sie ihm den Vater nahmen. Ich habe noch immer Herzklopfen. Ich bin aufgeregt wie vor einer Prüfung. Das letzte Mal hatte ich Leonard vor über 20 Jahren gesehen und danach immer wieder auf seine Freilassung gehofft, schon bei Bill Clinton, dann nach den Briefen von Papst Franziskus an die Präsidenten Barak Obama und Joe Biden. Leonard gehörte in meiner Familie zu den wiederkehrenden Gesprächsthemen.

Wir treten durch die Tür. Da sitzt er am Tisch, mit seinem Neffen Steve Robideau und dem Filmemacher Preston Randolph: Die Haare grau, die Augen voll Unternehmungslust (wenngleich er kaum mehr lesen kann), vor sich ein Smartphone, daneben eine Tasse, die immer wieder mit Kaffee nachgefüllt wird (I looove coffee), die Rechte schnell zur Faust erhoben, wenn ein Foto angesagt ist, hinter sich ein Bild, das er im Gefängnis gemalt hat, als er noch malen durfte. Und das Lächeln, das zu ihm gehört. Und die warme Stimme, die auch seinen Sohn Chauncy kennzeichnet.

Wir umarmen uns. Wir erzählen uns, was erzählt werden will.

Myrtle Poor Bear rumort noch immer in ihm. Das FBI hatte sie damals ausgesucht und zu seiner Freundin erklärt. Sie sollte bezeugen, neben ihm gestanden zu haben, als er die Agenten getötet hat. Er kannte sie nicht, außerdem war sie zur Tatzeit in einer Bar, weit weg vom Tatort. Ihre Aussage, vom FBI vorformuliert und unter Druck unterzeichnet, führte 1976 zu seiner Auslieferung von Kanada an die USA. Jetzt sei, so erzählt Leonard, zufällig noch ein weiterer Skandal ans Tageslicht gekommen: Die USA hatten damals eine Spende von über 50.000 Dollar für landwirtschaftliche Projekte in Aussicht gestellt, sollte die Auslieferung erfolgen.

Ich erzähle, wie ich im November 1975 an der Grenze von Ontario zu New York State durchsucht worden war und, weil mein Rucksack voller Hinweise auf indianische Kontakte war, vom FBI verhört wurde. „You know, Claus, we are a big family“, sagte der FBI-Agent. “Two of our uncles got killed. May be you can help us to find the the murderer.”

Am Morgen des 20. Januar habe er, berichtet Leonard, sich in seine Koje zurückgezogen und sich mit der Tatsache abgefunden, im Gefängnis sein Leben zu beenden.   „I thought I’am gonna die here.“ Plötzlich sei die Nachricht gekommen, Präsident Biden habe einen Erlass unterzeichnet. “I thought another cruelty to fool me”.

Wir sprechen über hier und jetzt und heute und morgen. Trump werde, sagt er, binnen kurzem einen Angriff auf indigenes Land und indianische Souveränität starten. Aber: „We are used to it. We are fighting this fight for 500 years!”

Ich erzähle von den Rechten der Natur, denen ich mich seit ein paar Jahren verschrieben habe. Das findet seine Zustimmung, er ballt die Faust. Ich zitiere meinen verstorbenen Freund John Sotsisowah Mohawk: „The war of the future will be between the destroyers of the natural world and the defenders of the natural world.”

Eine Stunde ist vergangen. Eine Stunde war vereinbart. Er will uns nicht gehen lassen. Wir bekommen eine Führung durchs Haus. Ein Sanitäter achtet darauf, dass er sich nicht überanstrengt und seinem Arzneiplan folgt.

Was geniest er am meisten seit seiner Rückkehr? Dass er nicht ständig laut die  Nummer 89637-13 wiederholen muss: „In Coleman I had to repeat my number several times a day.“

Eine weiße, unbefleckte Leinwand ist aufgespannt. Seine Augenoperationen stehen bevor, er kann es kaum erwarten. Danach wird er wieder malen. Um Farben und Pinsel wird er sich nicht sorgen müssen, das weiß er: Sie werden von seinen Unterstützern kommen. Ein kleines Büro wurde ihm eingerichtet, dem merkt an, dass er seit seiner Rückkehr trotz der Sehprobleme nicht untätig war. Ins Internet hat er eine Liste von Utensilien gestellt, die ihm fehlen; Kuverts und Briefpapier gehören dazu. Die Jahrzehnte in Haft hat er mit der Hand geschrieben, daran wird er festhalten. Vor einer Tür hängt ein Schild „OFF LIMITS“: das Schlafzimmer. Er reißt die Tür auf und lädt uns mit großzüger Geste ein, einzutreten. Ausgebreitet auf dem Doppelbett liegt als Tagesdecke der Begrüßungsquilt. Er bittet mich, die Decke zurecht zu zupfen, bevor wir fotografieren.

Leonard, der Gastgeber und Hausbesitzer. Doch das ist nicht neu. Als Dick Bancroft und ich ihn zweimal im Gefängnis in Leavenworth, Kansas besuchten, erlebten wir jedes Mal einen Mann mit ähnlichen Gesten. Wir waren bedrückt von den diversen Eisentüren, die sich hinter uns schlossen, bis wir den Besucherraum erreicht hatten. Leonard munterte uns auf mit seinen freundlichen Gesten, seinen Geschichten und Gedichten.

Leonard ist ein Kümmerer. Er wird sich kümmern, sobald er wieder zu Kräften gekommen ist. Er wird den Jugendlichen ein Vorbild sein. Er hat die Zelle verlassen in einem Moment, da ein letzter massiver Angriff auf die ersten Amerikaner und ihr Land von einem vorbestraften Präsidenten vorbereitet wird. In diesem Widerstand wird Leonard ein Wortführer sein. Ihm, dem sie nach 49 Jahren nicht das Rückgrat brechen konnten, haftet eine Aura an, die die seinen Worten in der kommenden Bewegung ein zusätzliches Gewicht verleihen wird. „They could inprison my body, but they could not break my spirit!“

Leonard Peltier im Reservat Turtle Mountain. Foto: Claus Biegert

Leonard Peltier im Reservat Turtle Mountain. Foto: Claus Biegert

GEDANKEN NACH DER RÜCKKEHR

 

Es war eine kurze Reise durch ein gewaltbereites Land. Der Schlachtruf des Präsidenten „Drill, Baby, drill!“ ist der Aufruf zur Vergewaltigung der Mutter Erde. Er ist eine Kriegserklärung gegen jene kleinen Völker, denen die Erde noch heilig ist. Die kleinen Regionen in ihrem Besitz – Reservate genannt – stechen dem Regime in die Augen. Ursprünglich waren sie Gefangenenlager für die Indianerkriege; das Reservat Pine Ridge hieß ursprünglich Prison Camp 334. Adolf Hitler ließ sich von ihnen inspirieren und entwickelte das Konzept der Konzentrationslager.

Auf ähnliche Weise könnte Trump von Putins Umgang mit den indigenen Völkern Russlands beeindruckt sein. Jede Regung eigener kultureller und politischer Selbstbestimmung wird in Sibirien ohne Ankündigung brutal unterdrückt, Schamanen landen in psychiatrischen Kliniken.  Trump will Erinnerungen ausradieren: Indianische Namen erinnern daran, wer vor der europäischen Invasion das Land bewohnte. Reservate bedeuten Sonderrechte und erinnern an den Genozid. Trump könnte die Reservate zu Counties machen und die vertraglichen Verpflichtungen, wie zum Beispiel die Einrichtung des Indian Health Service, beenden. Das indigene Nordamerika ist alarmiert.

Vielleicht ist es Zeit für einen neuen Longest Walk der Ureinwohner in die Zentrale von Diebstahl und Willkür. Leonard Peltier kam nach Hause in einem Moment, da die Freiheit von uns allen droht, erstickt zu werden. Wenn wir das Unmögliche nicht für möglich halten, werden wir machtlos sein, wenn das Unmögliche eintritt und über Nacht zur Selbstverständlichkeit erklärt wird. Der Krieg gegen die indigenen Völker ist gleichzeitig ein Krieg gegen alle, die für eine Veränderung hin zu Frieden und Freiheit eintreten. Er ist ein Krieg, der unvermeidbar sein wird, solange wir dem Ressourcen fressenden Wachstum des Kapitalismus folgen. Hunter und ich sind uns einig: Der indigene Widerstand muss daher auch unser Widerstand sein.

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