20-03-2025
Grönland-Kalaallit Nunaat: Hundert Worte für Unabhängigkeit
Fast alle grönländischen Parteien sind für die Eigenstaatlichkeit. Tatsächlich?

Bleibt Grönland nach den jüngsten Parlamentswahlen autonom und dänisch?
Von Wolfgang Mayr
Die abgewählte Links-Koalition aus Inuit Ataqatigiit und Siumut ist für eine schrittweise Unabhängigkeit sowie für eine freie Assoziation mit anderen Ländern.
Die beiden Wahlsieger, die Liberalen von der Demokraatit und die mittelinke Naleraq, streben auch die staatliche Selbstständigkeit an. Die Demokraten schrittweise, Naleraq hingegen lieber heute als morgen.
Weiterhin festhalten am autonomen Status Quo will Atassut. Aber nicht nur, die Konservativen wollen Grönland in der NATO und in der EU sehen.
In dem 31-köpfigen Parlament stellen die Unabhängigkeitsbefürworter die absolute Mehrheit, 29 Sitze. Klar ist deshalb aber wenig bis gar nichts. Wegen des kruden dänischen Kolonialismus drängt die Mehrheit zwar weg von Dänemark. Diese Mehrheit kann sich auch vorstellen, in die Nähe der USA zu rücken. Trotz der Annexionswünsche des US-Präsidenten Trump. Also statt einer kurzen dänischen eine längere US-Leine?
Das schmeckt nach Unabhängigkeit light. Demokraatit bezeichnet die Unabhängigkeit als Notwendigkeit und will in Verhandlungen auf Augenhöhe mit Dänemark einen Fahrplan für die Unabhängigkeit abstimmen. Die Demokraten ließen aber auch wissen, dass es dringendere Probleme zu lösen gilt. Probleme, die der Kolonialismus verursacht hat, die Umwandlung der Jäger- in eine Industriegesellschaft und die Urbanisierung der Insel, mit allen negativen Folgen wie der Zerstörung der traditionellen Kultur.
Grönland – sozialer Brennpunkt
Der Alkoholkonsum ist weit verbreitet, damit verbunden häusliche Gewalt und massiver sexueller Missbrauch. Kinder werden in der Folge vernachlässigt. Erschreckende Zahlen sozialen Verfalls. Die grönländische Suizidrate ist die höchste weltweit, fünf Prozent der Kinder wachsen in Pflegeheimen oder bei Pflegeeltern auf. Ähnlich hoch wie in Skandinavien ist die Kriminalität, meist Sexualverbrechen. Die grönländische Gesellschaft ist eine kaputte Gesellschaft.
Wohl auch deshalb ist die Lebenserwartung deutlich unter dem dänischen Wert. Das Gesundheitswesen verfügt zwar über genügend Betten, es fehlen aber Ärzt:innen. Zu den vielen Kranken zählen Kinder, fast 20 Prozent leiden unter Armut und ihren Folgen. Weit verbreitet sind Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen.
Die Demokraten wollen diese Probleme lösen, eine Jahrhundertaufgabe, dann erst die Unabhängigkeit anstreben. Das kann also dauern. Die Unabhängigkeit, nur was für eine. Es scheint, die Grönländer haben dafür mehrere Erklärungen.
Fräulein Smillas Gespür für Unabhängigkeit?
Wie für Schnee. Im Krimi “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” drückt sich Smilla in hundert Schnee-Varianten aus, der österreichische Schriftsteller Franzobel betitelte seinen neuen Roman mit “Hundert Wörter für Schnee”. Eine abenteuerliche Geschichte der Eroberung des Nordpols und eine traurige Erzählung über einen kleinen Inuit-Jungen, der zum Spiel zwischen der “zivilisierten” amerikanischen Kultur und der angeblich primitiven eines “Naturvolkes”.
Meinen die Demokraten mit ihrer Vorstellung von Unabhängigkeit die Unabhängigkeit, wie sie Naleraq anstrebt? Die Demokraten sehen ein unabhängiges Grönland in einer Assoziierung mit einem anderen Land, mit Dänemark aber auch mit den USA. Die freie Assoziierung, so auch im Verfassungsentwurf vorgesehen, soll die Unabhängigkeit ermöglichen.
Naleraq will mit Kopenhagen ein Unabhängigkeitsabkommen verhandeln und die Bürger:innen darüber entscheiden lassen. Wie die Demokraten will auch Naleraq eine Assoziierung eingehen, mit den USA, mit Dänemark oder “einem anderen Land”. Um die Unabhängigkeit schneller zu erreichen, kann sich Naleraq sogar einen Verteidigungspakt mit den USA vorstellen.
Unabhängigkeit geht doch anders? Oder bleibt den knapp 60.000 Grönländer:innen gar nichts anderes übrig, als sich in die Arme der Supermacht USA zu werfen?
Walter Turnowsky nannte die grönländischen Wahlen einen Schneerutsch, eine Absage an die bisherige Politik, aber möglicherweise eine Chance für einen Neustart. Die siegreichen Demokraten drängen auf eine Neuverhandlung des Autonomie-Abkommens von 2009 mit Kopenhagen.
Das Selbstverwaltungsgesetz gewährt Grönland vollständige interne Selbstverwaltung, der dänische Staat ist nur mehr für die Währungspolitik, für Justiz, für die Sicherheits- und Außenpolitik zuständig. Die Autonomie ermöglicht internationale Beziehungen und erkennt das Recht auf Selbstbestimmung, also die Unabhängigkeit an.
“Schneerutsch”-Wahlen als Signal
Turnowsky hofft, dass die dänische Regierung das grönländische Wahlsignal verstanden hat. Sie wollen ernst genommen werden, die Grönländer:innnen, auch ihre Klagen über und ihre Kritik am dänischen Kolonialismus. Die Überweisung von 500 Millionen Euro an das autonome Grönland (die Hälfte des Haushalts), manche Quellen sprechen von einer Milliarde, hat nichts mit großzügiger Unterstützung zu tun, sondern mit Wiedergutmachung. Die von dänischer Seite geforderte fortwährende Dankbarkeit für die finanziellen Zuschüsse weisen die Demokraten als haltlos zurück.
Auf Augenhöhe soll Grönland behandelt werden, fordern die Demokraten, partnerschaftlich in Abstimmung zwischen Kopenhagen und Nuuk. “Der Schneerutsch” ist also ein Signal an Dänemark, die Autonomie zu verbessern, auszubauen. Anders formuliert, die Wahlsieger denken gar nicht dran, den Verbund mit Dänemark aufzukündigen. Sie verpacken die Unabhängigkeit in ein neues Autonomiekonzept. Tschüss USA?
Zum Nachlesen:
– Vom Überlebenskampf eines Volkes
– Hundert Wörter für Schnee
– Fräulein Smillas Gespür für Dänemark
– Ein Roman über das Scheitern
– Grönland, überleben dank Staatskonzernen
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