06-01-2026
Europa-Vielfalt: Vom Zustand der kleinen Sprachen
Der pessimistische Blick der Soziolinguistin Elin Haf Gruffydd Jones auf einige „Regionalsprachen“
Auch in ihren Regionen haben Minderheitensprachen einen schweren Stand. Sie sind meist nur geduldet. Foto: fifty.club
Von Wolfgang Mayr
Auf der Jahrestagung des European Language Equality Network ELEN in Barcelona standen die minorisierten Sprachen im Mittelpunkt. Deren Perspektiven, die düster sind. Das online-Magazin „nationalia“ der katalonischen NGO Ciemen ließ Jones eine Bilanz ziehen.
Jones beschrieb auf der ELEN-Tagung die sprachliche Entwicklung in ihrer walisischen Heimat. Das „keltische“ Kerngebiet von Wales entvölkert sich, viele junge Menschen verlassen ihre Region in Richtung Süd-Wales oder nach England. Sie wandern aus ihrem Sprachgebiet also aus, sie verlassen ihre Sprache. Wenn die walisischsprachigen Teile von Wales wirtschaftlich und sozial nicht mehr lebensfähig sind, ist Jones überzeugt, wird es schwierig werden, auch das Walisisch lebensfähig zu erhalten.
Trotz gezielter Fördermaßnahmen in den vergangenen 25 Jahren ist es nicht gelungen, bedauert die Soziolinguistin, den Prozentsatz der Walisischsprechenden spürbar anzuheben. Offensichtlich hat es die Schule nicht geschafft, das Walisische zu vermitteln.
Fortschritte gibt es auf dem digitalen Sektor, besonders die walisischsprachigen Medien bedienen konsequent ihre Nutzer, auch die nichtwalisisch Sprechenden und holen sie somit in die walisische Sprachwelt mit hinein.
Künftig muss es also darum gehen, das Erlernen des Walisischen zu forcieren und noch viel mehr das Anwenden des Walisischen, wirbt Jones für eine walisischsprachige Offensive in den walisischen Schulen.
Inspirierendes Nord-Irland
Elin Haf Gruffydd Jones schaut fasziniert nach Nord-Irland, nach Belfast. Jones beschreibt die nordirische Hauptstadt als inspirierendsten Ort des Sprach-Revivals. So mixt das Hip-Hop-Trio Kneecap Irisch (gälisch) und Englisch, singt gegen Rassismus an und propagiert recht ungeniert den irischen Republikanismus.
Kneecap ist aus den sozialen Bewegungen hervorgegangen, die sich für irischen Medien sowie für die Sprachrechte der Irischsprachigen einsetzen, ordnet Jones diese Szene ein. Die Band-Mitglieder besuchten „gälische“ Schulen und waren Mitglieder in Vereinen, die sich für den Gebrauch des Irischen in West-Belfast einsetzten. Diese Graswurzel-Bewegung motivierte viele junge Nordiren, sich für ihre Sprache zu engagieren.
All das blieb nicht folgenlos, freut sich Jones über dieses Engagement. Denn, ein neues Gesetz bietet der gälischen Sprache neue Entwicklungsmöglichkeiten, auch weil es mehr Ressourcen dafür gibt. Zweifelsohne ein Erfolg der verschiedenen sozialen und Sprachaktivistenbewegungen. Sie schafften es, das Gälische recht unorthodox zu beleben.
Ob Kneecap dem gälischen Anliegen einen Dienst erweist, wenn sie sich mit der Hisbollah und mit der Hamas solidarisieren, bleibt dahingestellt.
Aus dem Lot
Für Jones ist Friesland ein interessantes Fallbeispiel. Obwohl das Friesische im Bildungssystem – in den Niederlanden und in Deutschland – nur eine absolute Nebenrolle spielt, behauptete sich die Sprache in den Familien und in der Gesellschaft. Offensichtlich war das soziale Gefüge stark genug, sodass Friesisch die Sprache des sozialen Zusammenhalts sein konnte.
Laut Jones ist das beschriebene soziale Gefüge inzwischen aus dem Lot geraten, die Bevölkerung in Friesland ändert sich durch Zuwanderung. Diese neuen Bürger:innen sind vom Friesischen abgeschnitten, weil die entsprechenden schulischen Angebote fehlen.
Lange konnte über die Sozialisation die fehlende Sprachvermittlung ausgeglichen werden. Inzwischen funktionierte die friesische Vermittlung über die Sozialisation auch nicht mehr, bedauert Jones, eine Folge auch der Migration aus dem Umland und aus anderen Erdteilen.
Jetzt beginnt es für den friesischen Spracherhalt problematisch zu werden, befürchtet Jones. Nicht von ungefähr werden Forderungen laut, mehr Friesisch in den Schulen anzubieten.
Baskisch in der digitalen Welt und in der Privatwirtschaft
Die walisische Sozio-Linguistin Jones würdigt das baskische Bildungssystem. Ein großer Teil der Bevölkerung hat ungehinderten und direkten Zugang zum Baskischen.
Jetzt geht es darum, ist Jones überzeugt, das Euskara auch in der digitalen Welt zu verankern, in einer Kombination aus digitaler und persönlicher Umgebung, mündlicher Kommunikation und gemischter mündlich-schriftlicher Kommunikation. Besonders notwendig findet Jones die Verankerung des Euskara auch in der Privatwirtschaft.
Im Baskenland gilt auch das oben Gesagte zu Friesland. Die Migration verändert die Gesellschaft. Trotzdem äußert sich Jones optimistisch, weil in der Bildung und in der öffentlichen Verwaltung das Baskische garantiert wird. Die Chancen sind deshalb nicht schlecht, führt Jones aus, auch die Neu-Bürger:innen baskisch zu sozialisieren.
Katalanisch vor großen Herausforderungen
Jones zitiert als Beispiel die katalanische Hauptstad Barcelona. Eine Stadt, die sich in den vergangenen 40 Jahren enorm verändert hat, sagte Jones im Gespräch mit „nationalia“. „In einer Stadt, in der so viele Sprachen gesprochen werden, stieß ich vor zwanzig Jahren auf die Erzählung über Katalanisch als Sprache des sozialen Zusammenhalts“, so Jones über den sozialen Kitt der Sprache. Das scheint nicht mehr so zu sein, vermutet Jones.
„Barcelona verfügt über enorme Ressourcen, in Katalanisch, ja. Sichtbarkeit der Sprache, ja. Passive Kenntnis – oder rezeptives Wissen, wie wir es heute nennen sollten – der Sprache, ja“, spricht Jones der katalanischen Sprache Kraft zu. Sie schiebt ein großes „Aber“ hinterher. Der boomende Tourismus sorgt für Dauerstress, nicht nur bei der Bevölkerung, sondern er stresst auch die katalanische Sprache.
Offen ist, stellt Jones die Frage, welche Folgen das haben wird für die katalanisch sprechenden Bürger:innen von Barcelona.
Siehe auch:
– Die Gälen fordern Anerkennung
– Gälisch: Eine Sprache zwischen Konflikt und Versöhnung
– Die irische Sprache Gailege
– Friesische Minderheit in den Niederlanden
– https://baskultur.info/kultur/euskara/710-euskara-elen
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