03-01-2026
ELEN-Minderheiten: „Alle minorisierten Sprachen sind gefährdet“
Das Europäische Netzwerk für sprachliche Vielfalt fordert die EU zu einer demokratischen Sprachenpolitik auf (1)
Das Minderheitensprachen-Netzwerk ELEN drängt auf eine garantierte Präsenz der Minderheitensprachen in der Privatwirtschaft und in der "digitalen Welt". Foto: ELEN
Von Wolfgang Mayr
Im Interview mit dem Magazin „nationalia“ der katalanischen NGO Ciemen redet die walisische Soziolinguistin Elin Haf Gruffydd Jones Klartext. „Unabhängig davon, ob eine Sprache laut UNESCO offiziell gefährdet ist, müssen wir berücksichtigen, dass alle minorisierten Sprachen in irgendeiner Form gefährdet sind“, warnt Jones.
Sie weiß, worüber sie spricht. Als Direktorin des Centre for Advanced Welsh and Celtic Studies an der University of Wales Trinity Saint David, als Gründungsmitglied des europäischen Projekts Mercator sowie Mitglied der Expertengruppe des Europarats für die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen kennt sich Jones in dieser Materie aus und auch in der Mehrsprachigkeit. Sie spricht Walisisch, Englisch, Baskisch, Katalanisch, Französisch, Galizisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Deutsch und Irisch. Seit 2021 ist Jones Präsidentin des ELEN, des Europäischen Netzwerkes.
Die Ausgangslage der minorisierten Sprachen mag unterschiedlich sein, ergänzt Jones, der Zustand ähnelt sich. Als Beispiel zitiert sie das Katalanische in der autonomen katalanischen Region, das dort weniger Risiken ausgesetzt ist als in Valcenia, auf den Balearen oder auf Sardinien.
Ähnliches gilt für Walisisch, Baskisch oder Friesisch. Einige Sprachen haben sich in den letzten 40 Jahren recht gut entwickelt, würdigt Jones die entsprechenden Fördermaßnahmen. Diese Maßnahmen reichen heute aber nicht mehr aus, Jones spricht das aktuelle Risiko an. Das digitale Risiko, das Thema der ELEN-Jahrestagung im November in Barcelona.
Jones verweist auf Kanada und seine Sprachengesetzgebung, die den privaten und kommerziellen Sektor direkt betreffen. Wenn eine digitale Dienstleistung (digitalisierte Dienste, soziale Netzwerke, digitale Streaming-Medien usw.) von der Privat-Wirtschaft für den öffentlichen Sektor erbracht wird, dann muss sie sprachliche Bedingungen erfüllen. „Wir müssen anerkennen, dass die Bürger Zugang zu Dienstleistungen in ihrer eigenen Sprache benötigen und dass diese Dienstleistungen von privaten Unternehmen erbracht werden. Dieses Umfeld muss auch im privaten Sektor geschaffen werden“, beschreibt Jones die Notwendigkeit, im gesamten digitalen Sektor minorisierte Sprachen vorzusehen, eigentlich vorzuschreiben.
Es geht also nicht nur um die Bildung in den eigenen Sprachen, sondern auch um die Sozialisation. Es braucht mehr niederschwellige Minderheitenschulen, ungehindert zugänglich für die Minderheiten und die „Neu-Bürger:innen“. Genauso sind auch in der privaten Wirtschaft Sprach-Vorschriften notwendig. Wegen der damit garantierten Präsenz der Minderheitensprachen.
Katalanisch, Baskisch und Galizisch als EU-Amtssprachen
Jones begrüßt die Kampagne für Katalanisch, Baskisch und Galizisch als Amtssprachen der EU. „Ich sehe nicht, dass es ein Hindernis geben sollte, drei weitere Sprachen in diese 27-köpfige Familie aufzunehmen“, plädiert Jones für einen erweiterten Sprachenpluralismus. Die Einbeziehung dieser drei Sprachgemeinschaften ist für die EU selbst ein Vorteil, unterstützt Jones die Initiative der katalanischen Partei Junts.
Jones erinnert daran, dass in der EU und in ihren Gremien Funktionär:innen oder Abgeordnete trotz strikter Sprachvorgabe zwischen den Sprachen switchen. Jones zitiert schwedisch sprechende finnische Staatsbürger, die Schwedisch verwenden, weil es Amtssprache in Finnland und selbstredend in Schweden ist. Französisch oder deutsch, die Amtssprachen in mehr als einem Staat sind; Österreicher sprechen Deutsch, Belgier sprechen Französisch usw.
Es gibt jetzt schon laut Jones viele Beispiele dafür, dass europäische Bürger eine andere Sprache als die vorherrschende Amtssprache ihres Staates verwenden. Das Argument, „ein Staat, eine Sprache“, ist ganz einfach falsch, widerspricht Jones den einsprachigen Nationalstaatsverfechtern.
Lobenswert findet Jones die Ankündigung der spanischen Regierung, die anfallenden Kosten bei den zusätzlichen Amtssprachen Baskisch, Galizisch und Katalanisch zu tragen (gilt nur, solange es die sozialistische Regierung Sanchez gibt).
Und Jones führt ein weiteres Argument für eine erweiterte amtlichen Sprachenvielfalt in der EU ein. Die Kosten für das Übersetzen sind gewaltig geschrumpft.
Präzedenzfall Irland
Außerdem gibt es einen interessanten Präzedenzfall, verweist Jones auf Irland. Trotz Beitritts der Republik zur Europäischen Gemeinschaft war das Irische nur ein beiläufige Vertragssprache. Ab 2007 bemühte sich Irland dann um die amtliche Anerkennung des Irischen, die Amtlichkeit gilt erst seit 2022. „Wenn Spanien Jahrzehnte nach seinem Beitritt zur Union weitere Amtssprachen hinzufügen will, folgt es daher dem irischen Präzedenzfall“, also machbar, findet Jones.
Letztendlich muss die EU, davon ist Jones überzeugt, die spanische Entscheidung akzeptieren, das Baskische, Galizische und das Katalanisch auf EU-Ebene veramtlichen zu wollen. Denn in Spanien sind Katalanisch, Baskisch und Galizisch in den autonomen Regionen Amtssprachen. Folglich sollten sie auf europäischer Ebene offiziell sein, argumentiert Jones für die Sprachen-Kampagne der spanischen Regierung und der katalanischen Junts.
Siehe auch:
– ELEN fordert Sprachenrechte in der EU
– ELEN auf dem UN-Forum für Minderheiten
– ELEN für katalanische EU-Sprachkampagne
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