ATLAS DER VERLORENEN SPRACHEN – EIN REISEFÜHRER DURCH DIE EHEMALIGE SPRACHENVIELFALT

Von Wolfgang Mayr

Der Südtiroler Grünen-Politiker Alexander Langer schwärmte von der Mehrsprachigkeit. Er sagte, je mehr Sprachen ein Mensch spricht, desto öfter ist er Mensch. Rita Mielke vom biografischen Institut formuliert es ähnlich: Jede Sprache birgt ein Geheimnis.

Mielke machte sich auf die Suche nach kleinen und verlorenen Sprachen, sie fand Spuren, die aus der Vergangenheit stammen. Nachzulesen im Duden-„Atlas der verlorenen Sprachen“. Der Atlas ist eine Hommage an die kleinen Sprachen, das Sami, das litauische Karaimisch, das zu großen Familie der Turksprachen gehört.

Die kleinen Sprachen schrumpfen, wie das australische Wangkangurru, das nur mehr von zehn Sprecher beherrscht wird. Rita Mielke entdeckte sich verwischende Spuren seltener und ausgestorbener Sprachen: von den Nuu-chah-Nulth im Norden Kanadas bis zu den Niue im Südpazifik. Der Atlas, eine Art Schwanengesang über die geringer werdende  kulturelle Vielfalt.

Mielke stellt 50 Sprachen auf 5 Kontinenten vor, ihren Wortschatz, ihre Schriften und geografische Verbreitung. Manche sind tote Sprachen, andere schwindende indigene Dialekte, Minderheitensprachen.

Sprachen verbergen Geheimnisse, wie können diese entdeckt werden, fragt sich Rita Mielke. Sie präsentiert Geschichten aus der Sprachforschung und Sprachgeschichte über piktische Bildsteine und das koptische Alphabet.

Sprachen verraten einiges über die kulturelle Identität, ist sich Mielke sicher. Sprache ist dasKulturgut, es spiegelt das menschliche Wissen, die kulturellen Werte und hilft, andere Lebenswelten zu verstehen. Mielke: So gibt es im ausgestorbenen schriftlosen Ubychisch 84 Reibe-, Knarr- und Zischlaute, aber kein Wort für „lieben“!

Der Atlas ist ein Reiseführer in die sprachliche Vielfalt dieser Welt. Diese Vielfalt ist aber gefährdet. In ihrem Report „Sprache: Ein Menschenrecht“ schlägt die GfbV Alarm. „Indigene Sprachen sind auf allen Kontinenten bedroht“, erklärt Yvonne Bangert, Referentin für indigene Völker. „Sie werden meist nur mündlich überliefert und nicht in der Schule gelehrt. Oft werden indigene Sprecher zudem rassistisch diskriminiert.“ Das führe dazu, dass Eltern ihre Kinder in der Mehrheitssprache erziehen, um ihnen bessere Bildungs- und Aufstiegschancen zu geben. Die Vermittlung der indigenen Sprache fiele dann oft den Großeltern zu – oder bleibe ganz aus.

4.000 der weltweit 7.000 Sprachen sind indigene Sprachen. Die meisten gelten als bedroht. Das Menschenrecht auf Sprache ist Anker für kollektive und kulturelle Identität und tradiert Wissenssysteme ganzer Kulturen, heißt es im Report. Gehen Sprachen verloren, sind auch überlieferte Traditionen und die kollektive Identität ganzer Völker in Gefahr.

Auch in Europa sind die kleinen Sprachen bedroht. Die Südtiroler Sektion der GfbV schreibt, die noch – wenn auch erodierte – vorhandene Vielfalt der Sprachen und Kulturen in der EU ist gefährdet. Laut der Studie „euromosaic“, die 1996 von der EU-Kommission veröffentlicht wurde, haben von den 48 Minderheitensprachen im EU-Raum 23 nur noch eine „begrenzte“ oder „keine“ Überlebensfähigkeit. Zwölf weitere Minderheitensprachen werden als „bedroht“ eingestuft.

Die EU reagierte nicht auf diese Studie. Im Gegenteil. Sie lehnte die entsprechende Bürgerinitiative minority safepack zur Förderung der Minderheitensprachen ab. Die Union ist dafür nicht zuständig, begründete Kommissions-Präsidentin von der Leyen die Haltung der EU.

Sprache: Ein Menschenrecht (gfbv.de)

Gefaehrdete Vielfalt – Kleine Sprachen ohne Zukunft. Ueber die Lage der Sprachminderheiten in der EU. Ein Ueberblick der GfbV-Suedtirol. 8.11.2000

Minority SafePack – One million signatures for diversity in Europe (minority-safepack.eu)

 

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