02-01-2026
Armenien: Der Staat bekämpft die Kirchenführung
Tessa Hofmann über Armeniens Selbstzerfleischung
Hauptkirche des armenisch-apostolischen Klosters zu Etschmiadsin und Sitz des Katholikos Aller Armenier. Foto: Areg Amirkhanian, CC BY-SA 3.0
Von Tessa Hofmann
Über den seit 2018 eskalierenden Konflikt zwischen weltlicher und kirchlicher Führung in Armenien haben wir zuletzt am 1. Juli 2025 berichtet. Seither hat sich leider die Lage nicht entspannt. Hochrangige Geistliche – Bischöfe und Erzbischöfe – wurden festgenommen und zu Haftstrafen verurteilt, die kirchliche Fernsehanstalt „Schorakat“ musste ihre Tätigkeit einstellen.
Der Kampf der Regierung Paschinjan gegen die derzeitige Kirchenführung ist Bestandteil einer umfassenderen geschichts- und erinnerungspolitischen Strategie zur Minderung, wenn nicht gar Auslöschung des historischen kollektiven Gedächtnisses.
So darf nicht mehr von „Westarmenien“, also dem unter türkischer Herrschaft befindlichen neun Zehnteln des historischen armenischen Siedlungsraums, gesprochen werden. Und es soll nicht mehr „hajoz patmutjun“, also die „Geschichte der Armenier“ gelehrt werden, sondern nur die Landesgeschichte des derzeitigen Armeniens, das nach Meinung Nikol Paschinjans das „wahre“ bzw. „echte Armenien“ sei.
Das Abbild des der armenisch-apostolischen Kirche heiligen Berges Ararat, der sich erst seit 1921 auf türkischem Staatsgebiet befindet, darf nicht mehr auf staatlichen Stempeln verwendet werden. Energiewirtschaftlich hat sich Armenien unlängst von seinem bisherigen Erzfeind Aserbaidschan abhängig gemacht, indem es Erdöl und -gas nicht mehr aus Russland, sondern aus Aserbaidschan bezieht – ohne dass zwischen Armenien und Aserbaidschan ein Friedensabkommen besteht.
In Brüssel und Berlin findet die zunehmende politische und nun auch wirtschaftliche Loslösung Armeniens von Russland und seine Anbindung an die Türkei und Aserbaidschan lauten Beifall. Bei seinem Berlin-Besuch am 8. Dezember 2025 ließ sich Paschinjan entsprechend in der Gesellschaft für Auswärtige Politiker sowohl von deutschen Politikern als auch vom aserbaidschanischen Botschafter zu Berlin als „Friedensstifter“ feiern.
Herbe Kritik findet Paschinjans antikirchliche Politik jedoch bei nationalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen: Die Gesellschaft für bedrohte Völker, die deutsche Sektion von Christian Solidarity International, die Arbeitsgruppe Anerkennung – Gegen Genozid, für Völkerverständigung sowie der Zentralrat der Armenier in Deutschland protestierten anlässlich des Paschinjan-Besuchs mit einer Mahnwache vor dem Bundeskanzleramt und forderten Kanzler Friedrich Merz auf, bei den Gesprächen mit seinem Staatsgast auch „die äußerst besorgniserregenden Entwicklungen in Armenien selbst anzusprechen“.
Die Einschränkung der Meinungsfreiheit, die politisch motivierten Inhaftierungen Andersdenkender und Regierungskritiker sowie die Festnahme von inzwischen vier Erzbischöfen werfen laut den Organisationen „ernsthafte Fragen zur Rechtsstaatlichkeit und zum Schutz religiöser und zivilgesellschaftlicher Freiheiten auf.“ „Obwohl die armenische Verfassung der armenisch-apostolischen Kirche aufgrund ihrer historischen Bedeutung eine Sonderstellung einräumt, entsteht aus dem derzeitigen Vorgehen Paschinjans der Eindruck, dass er die Kirche spalten bzw. unter staatliche Kontrolle bringen will“, heißt es in dem Brief.
Zum weiterlesen:
– Armenien: Kampf zwischen Staat und Kirche
– Azatutyun.am
– Armenische Apostolische Kirche
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