05-01-2026
USA-Armenien: Lemkin-Institute kritisiert Republik Armenien
Die US-amerikanischen Genozid-Forscher werfen der armenischen Staatsführung Menschenrechtsverletzungen vor
Mahnwache vom 9.12.2025 vor dem Bundeskanzleramt. Der Protest richtete sich auch gegen das fehlende Engagement der armenischen Regierung, die in Baku gefangen gehaltenen Armenier aus Arzach/Karabach frei zu bekommen. (Quelle: Zeitung „Orer“, 10.12.2025, https://orer.eu/hy/2025/12/10/pashinyan-berlin-tsuits-2025/)
Von Tessa Hofmann
Das in den USA ansässige multinationale Lemkin Institute for Genocide Prevention hat in einer Stellungnahme (28. Dezember 2025) auf die bedenklichen Parallelen zwischen der aktuellen Kirchenpolitik des armenischen Ministerpräsidenten Paschinjan und dem historischen Elitizid der damaligen jungtürkischen Regierung hingewiesen, die sich 1915 vor allem gegen die spirituelle Führung der Armenier richtete.
Erklärung zur Unterdrückung der Armenisch-Apostolischen Kirche: Historische Kontinuitäten der Auslöschung von Identität innerhalb von Opfergruppen
Das Lemkin-Institut zur Verhütung von Völkermord äußert seine tiefe Besorgnis über die anhaltende staatliche Unterdrückung der Armenisch-Apostolischen Kirche in Armenien, einschließlich der Verhaftungen und Einschüchterungen von Geistlichen, der gezielten Verfolgung kirchlicher Institutionen und des zunehmenden Einsatzes des Rechtssystems durch den Staat, um religiöse Führer zum Schweigen zu bringen. Diese Entwicklungen stellen eine gefährliche Herausforderung für die demokratischen Institutionen Armeniens sowie einen Eingriff in die Kerninstitutionen der armenischen Identität dar. Sie sind ein bedauerliches Beispiel dafür, wie Völkermordprozesse in Zeiten der Bedrohung verinnerlicht werden können.
Die Spannungen zwischen der armenischen Regierung und der Armenisch-Apostolischen Kirche wurden durch Bildungsreformen im Jahr 2023 verschärft, durch die die Geschichte der Armenischen Kirche als eigenständiges Pflichtfach abgeschafft und in einen breiteren, allgemeinen Lehrplan integriert wurde. In jüngerer Zeit fielen die Angriffe des Staates auf die Armenisch-Apostolische Kirche mit einer internationalen Konferenz zusammen, die vom Mutterstuhl von Etschmiadsin zusammen mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen und der Evangelischen Kirche der Schweiz organisiert wurde. Die Konferenz fand vom 26. bis 28. Mai 2025 in Bern (Schweiz) statt und hatte zum Ziel, sich mit der Erhaltung des armenischen Kulturerbes in der historisch armenischen Region Artsakh zu befassen, die im September 2023 von Aserbaidschan überfallen und vollständig entvölkert wurde.
Diese Konferenz wurde vom geistlichen Führer Aserbaidschans, Scheich-ul-Islam Allahşükür Paşazade, der der aserbaidschanischen Regierung nahesteht, kritisiert, weil sie angeblich die Armenier dazu auffordere, „bis zum Tod zu kämpfen“, indem sie sich für die Unversehrtheit des armenischen Kulturerbes einsetzte.
Einige Wochen später, Ende Juni, nahmen die armenischen Behörden zwei Erzbischöfe der Armenisch-Apostolischen Kirche, Bagrat Galstanjan und Mikajel Adschapahjan, fest und klagten sie wegen versuchten Staatsstreichs und Destabilisierung des Staates an. Auf diese Verhaftungen folgten die Festnahmen mehrerer Priester im Rahmen einer ausgeweiteten Untersuchung gegen Geistliche, denen politische Einmischung und Korruption vorgeworfen wird.
Im Oktober 2025 verhafteten die armenischen Behörden Bischof Mkrtitsch Proschjan, den Leiter der Diözese Aragatsotn der Armenisch-Apostolischen Kirche. Am 4. Dezember 2025 nahmen die armenischen Behörden den dritten armenischen Erzbischof, Arschak Chatschatrjan, fest. Zwei Wochen später, am 18. Dezember, wurde von einer kleinen Gruppe von Erzbischöfen und Bischöfen im Mutterstuhl von Etchmiadzin, dem Verwaltungssitz der Armenisch-Apostolischen Kirche, ein Protest initiiert, in dem die Absetzung des Katholikos aller Armenier, Garegin II., gefordert wurde. Obwohl Premierminister Nikol Paschinjan nicht bei der Protestaktion anwesend war, bekundete er seine Zustimmung in einer morgendlichen Pressekonferenz, in der er behauptete, der Katholikos habe Verbindungen zu nicht näher bezeichneten ausländischen Geheimdiensten. In Verbindung mit den veröffentlichten Plänen des Premierministers, Katholikos Garegin II. abzusetzen, scheint diese Protestaktion eine Taktik der Paschinjan-Regierung zu sein, um die Unabhängigkeit des armenischen Klerus zu untergraben und dessen Macht an sich zu reißen.
Während die Regierung behauptet, ihre Maßnahmen basierten auf Beweisen für kriminelles Fehlverhalten, verurteilen die Kirchenführer die Verhaftungen als politisch motiviert und bezeichnen sie als Angriff auf die Religionsfreiheit und als bewusste Bemühung, die Kirche zu schwächen.
Insgesamt geben diese Entwicklungen, insbesondere die Verhaftungen einzelner Mitglieder des hohen Klerus, Anlass zu ernsthaften Bedenken hinsichtlich der Schwächung der rechtsstaatlichen Garantien.
Der Staat hat keine Beweise vorgelegt, um die Vorwürfe gegen die Geistlichen zu belegen. Gleichzeitig hat das dokumentierte Verhalten der staatlichen Behörden, darunter Versuche, Einfluss auf Gottesdienste zu nehmen, Druck auf die Kirchenleitung auszuüben und in die interne Verwaltung der Kirche einzugreifen, starke Kritik von Bürgerinitiativen und Menschenrechtsorganisationen hervorgerufen, da es die rechtmäßige Staatsgewalt überschreitet und die verfassungsrechtlichen Grundsätze der Trennung von Kirche und Staat untergräbt.
Die Kombination aus selektiver Strafverfolgung, mangelnder Transparenz und direkter staatlicher Einmischung in religiöse Angelegenheiten gibt Anlass zu ernsthaften Bedenken, dass rechtliche Mechanismen nicht zur Durchsetzung des Gesetzes, sondern zur Untergrabung der Autonomie der Armenisch-Apostolischen Kirche eingesetzt werden.
Darüber hinaus stellt die jüngste Entscheidung der armenischen Regierung, den Fernsehsender Schorakat (ein von der Armenisch-Apostolischen Kirche gegründetes und historisch mitfinanziertes Medienunternehmen) aus dem nationalen Digitalpaket zu entfernen, einen weiteren Schritt in den anhaltenden Bemühungen dar, die Kirche zu marginalisieren.
Schorakat hat nun nicht mehr den Status eines öffentlich-rechtlichen Senders. Während die Regierung diese Entscheidung als reine technische Anpassung aufgrund eines neuen Gesetzes darstellt, hat sie in Wirklichkeit die selektive Entfernung der wichtigsten Plattform der Kirche für kulturelle und spirituelle Ausdrucksformen zur Folge – kein anderer Sender ist von dem Gesetz betroffen.
Aufgrund des selektiven Charakters der Gesetzesänderung wirft die Entscheidung ernsthafte Bedenken im Hinblick auf Artikel 18.1 der Verfassung auf, der die Armenisch-Apostolische Kirche als nationale Kirche mit einer exklusiven historischen Mission im spirituellen Leben, in der Entwicklung der nationalen Kultur und der nationalen Identität anerkennt. Durch den Entzug der wichtigsten öffentlichen Plattform der Kirche untergräbt die Entscheidung auch Artikel 42.2, der die Pressefreiheit garantiert und den Staat verpflichtet, dafür zu sorgen, dass öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten vielfältige Informations-, Bildungs- und Kulturprogramme anbieten. Im weiteren Sinne birgt die Beseitigung dieser unverwechselbaren religiösen und kulturellen Stimme die Gefahr, den durch Artikel 8 der Verfassung geschützten Grundsatz des politischen und ideologischen Pluralismus zu untergraben und damit das Bekenntnis des Staates zu einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft in Frage zu stellen. Die Razzien finden vor dem Hintergrund erhöhter Spannungen um den Umgang von Premierminister Nikol Paschinjan mit Aserbaidschan und der Türkei statt, den die Kirchenführer kritisiert haben.
Die Armenisch-Apostolische Kirche ist seit Jahrhunderten das spirituelle, kulturelle und historische Fundament des armenischen Volkes. Seit dem vierten Jahrhundert, als Armenien als erste Nation das Christentum als Staatsreligion annahm, ist die Kirche die wichtigste Hüterin der armenischen Gemeinschaft und bewahrt über Jahrhunderte der Fremdherrschaft hinweg Sprache, Kultur und Gedächtnis. Ihr Überleben in Zeiten der Kolonialisierung, des Völkermords und des Exils symbolisiert seit langem die Ausdauer der armenischen Nation selbst.
Die aktuelle Welle der Unterdrückung spiegelt ein bekanntes und tragisches historisches Muster wider, das tief in der kollektiven Erinnerung des armenischen Volkes verankert ist: Während des Völkermords an den Armeniern (1915–1923) versuchten die osmanischen Behörden nicht nur, eine Bevölkerung zu ermorden oder zu vertreiben, sondern sie wollten eine ganze Zivilisation auslöschen, indem sie deren Identität von ihrem moralischen und spirituellen Kern trennten.
Die erste Phase des Völkermords begann mit der systematischen Verfolgung armenischer Intellektueller, Geistlicher und Gemeindevorsteher – eine bewusste Strategie, um die Führung der Nation zu enthaupten und die Stimmen zum Schweigen zu bringen, die Widerstand organisieren oder den kulturellen Zusammenhalt zu bewahren vermochten.
Die osmanische Führung verstand, dass das armenische Christentum nicht nur eine Religion war, sondern auch Träger der armenischen nationalen Identität, Zentrum der Bildung und Vehikel des kollektiven Gedächtnisses. Die Angriffe der Osmanen auf die Kirche waren kein Kollateralschaden, sondern bildeten die bewusste Zerstörung der spirituellen Infrastruktur eines ganzen Volkes. Durch die Zerstörung der Kirche versuchten die osmanischen Führer, genau den Mechanismus zu zerstören, der es der armenischen Identität ermöglicht hatte, Jahrhunderte imperialer Herrschaft und kultureller Unterdrückung zu überstehen.
Diese kalkulierte Kampagne gegen das armenische Christentum zeigt, dass Völkermord nicht nur durch physische Vernichtung, sondern auch durch die Auslöschung der kulturellen und spirituellen Identität erfolgt. Die Auslöschung der Kirche als moralischer Kompass und vereinigende Institution der Nation war zentral für die Logik des Völkermords. Sie zielte darauf ab, eine Bevölkerung zu schaffen, die ihres historischen Bewusstseins, ihrer heiligen Geografie und ihrer gemeinschaftlichen Bindungen beraubt ist.
Die Narben dieser Zerstörung sind bis heute sichtbar, da Tausende armenischer religiöser Denkmäler in der Türkei und in Aserbaidschan weiterhin in Trümmern liegen oder bedroht sind.
Die ideologische Kontinuität ist offensichtlich. Damals wie heute wird die Apostolische Kirche als moralische und soziale Institution, die in der Lage ist, Menschen über politische Grenzen hinweg zu vereinen, von den Machthabern als potenzielle Bedrohung für die staatliche Kontrolle wahrgenommen.
Historisch gesehen betrachtete der türkische Staat das Christentum als Kernstück der armenischen Identität und somit als Hindernis für die nationale Homogenisierung. Heute wird die Armenisch-Apostolische Kirche von einigen politischen Akteuren in Armenien als konkurrierendes Machtzentrum, Überbleibsel der alten Ordnung oder destabilisierende Kraft dargestellt. Diese Rhetorik, verbunden mit dem Einsatz rechtlicher Instrumente zur Zerschlagung oder Einschüchterung des Klerus, spiegelt einen zutiefst beunruhigenden Versuch wider, die Rolle der Kirche als moralische Autorität und Beschützerin der nationalen Identität zu schwächen.
Diese Entwicklungen spiegeln mehrere Frühwarnindikatoren für identitätsbasierte Unterdrückung wider: die Kriminalisierung moralischer Autoritäten, die Darstellung religiöser Führer als Bedrohung für die nationale Sicherheit, die Delegitimierung von Institutionen, die das kollektive Gedächtnis verkörpern, und der Einsatz von Gesetzen zur Schwächung von Institutionen außerhalb der staatlichen Kontrolle. Die Geschichte zeigt, dass solche Muster oft vor umfassenderen Kampagnen zur Spaltung der Gesellschaft und Auslöschung der kulturellen Identität auftreten.
Verschärft wird diese Krise durch die aktuelle geopolitische Entwicklung Armeniens. Angesichts der jüngsten Friedensgespräche und Normalisierungsbemühungen mit der Türkei sowie des wachsenden diplomatischen Einflusses Aserbaidschans scheint die interne Strategie Armeniens gegenüber seiner wichtigsten religiösen Institution zunehmend, ob absichtlich oder unabsichtlich, mit den langfristigen Zielen dieser Nachbarstaaten in Einklang zu stehen. Die Marginalisierung der Apostolischen Kirche, jener Institution, die historisch gesehen die nationale Widerstandsfähigkeit verkörpert hat, spiegelt die Strategien wider, die Ankara und nun auch Baku seit jeher anwenden, um die armenische Identität und den Zusammenhalt zu untergraben. Wenn dieser Kurs nicht gestoppt wird, besteht die Gefahr, dass die moralischen und kulturellen Grundlagen, die das Überleben Armeniens seit Jahrhunderten gesichert haben, untergraben werden, was den Zielen der Mächte, die die Unabhängigkeit und Einheit Armeniens schwächen wollen, effektiv Vorschub leistet.
Zwar kann die aktuelle Situation nicht mit der genozidalen Gewalt von 1915 gleichgesetzt werden, doch müssen die Parallelen in Logik und Methode anerkannt werden. Frühe Warnzeichen für identitätsbasierte Unterdrückung beginnen oft mit Bemühungen, Institutionen, die das kollektive Gedächtnis und den moralischen Widerstand verkörpern, zu delegitimieren und zu kriminalisieren. Die systematische Diskreditierung der Kirche, die Verhaftung von Priestern und die wachsende Feindseligkeit des Staates gegenüber religiösen Äußerungen schaffen ein feindseliges Umfeld, das nicht nur die Religionsfreiheit, sondern auch die kulturelle und existenzielle Sicherheit des armenischen Volkes gefährdet.
Das Lemkin-Institut fordert die armenische Regierung auf, alle politisch motivierten Maßnahmen gegen den Klerus unverzüglich einzustellen und ihr Bekenntnis zu den verfassungsrechtlichen Grundsätzen der Religionsfreiheit und des Pluralismus zu bekräftigen. Das Institut fordert außerdem internationale Beobachter und Menschenrechtsorganisationen nachdrücklich auf, die Entwicklungen in Armenien genau zu beobachten, da die Aushöhlung religiöser Institutionen historisch gesehen immer einer umfassenderen Kampagne der gesellschaftlichen Fragmentierung und Identitätsauslöschung vorausging.
Die Stärke der Demokratie und Souveränität Armeniens beruht nicht auf der Unterdrückung seiner moralischen Institutionen, sondern auf deren Schutz. Eine Nation, die einen Völkermord überlebt hat, kann es sich nicht leisten, die Mechanismen ihrer historischen Zerstörung in irgendeiner Form zu wiederholen.
Zum weiterlesen:
– Armenien: Der Staat bekämpft die Kirchenführung
– Armenien: Kampf zwischen Staat und Kirche
– Azatutyun.am
– Armenische Apostolische Kirche
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