Flucht ließ die GfbV entstehen !

Vor 52 Jahren wurde die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ von Tilman Zülch und Klaus Guercke gegründet – Zülchs Trauma der frühen Flucht war Motor zum späteren Engagement. Ein Podcast von Claus Biegert.

Von Claus Biegert

Die Menschen fliehen zu uns – aus Afrika, aus Syrien, aus der Ukraine. Die Millionen Flüchtlinge lassen mich täglich an die Gründung der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ denken. Für die Radiosendung „Der lange Atem“ im Bayerischen Rundfunk, ein Feature über Menschenrechtsaktivisten, hatte ich 2011 Tilman Zülch zur Gründung der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ interviewt. Zwei Themen bestimmten unser Gespräch: Tilmans eigene Flucht als Kind 1945 aus dem Sudetenland, er war damals sechs Jahre alt, und sein Einsatz für die Flüchtlinge vom Stamm der Ibo in Biafra, das waren die Jahre 1967 bis 1970, Tilman war damals Student. Ich habe beide Aufnahmen aus meinem Archiv geholt.

Hören wir zuerst seine Erinnerung an die eigene Flucht. Er sieht seine Erlebnisse als Motor für seine spätere Arbeit als Menschenrechtler: “Ich denke, wenn man jetzt zurückblickt, dass die Flucht aus dem früheren Ostdeutschland den Ausschlag gegeben hat. Ich glaube, dass das Ursache war, dass ich später dann zum Gründer einer Menschenrechtsorganisation wurde, dass ich eigentlich immer sympathisierte mit Flüchtlingen, wenn ich Lastwagen mit Flüchtlingen, Flüchtlingen auf Meeren wie jetzt in diesen Tagen in Libyen. Das sind Szenen, wo mir häufiger die Tränen kommen.“

Der 21. Januar 1945 ist in seinem Gedächtnis eingebrannt:“ Die Mutter, die Großmutter, die Freundin der Mutter ergriffen uns und haben uns eingemummelt in Wolle. Wir sahen aus wie kleine Bärenjunge vielleicht. Dann wurden wir vor die Tür geführt. Das war der 21. Januar 1945, und draußen standen zwei Pferdewagen mit je zwei Pferden.Und dann ging diese Fahrt los. Es war auf der ganzen Fahrt ein Meter Schnee und 20 Grad minus. Wir befanden uns auf Landstraßen. Und diese Landstraßen waren gar nicht mehr richtig zu sehen, weil ein Pferdewagen hinter dem anderen fuhr. Heute würde man sagen „Stop and go“. Und das ging über Hunderte von Kilometern. Manchmal hatten die eine Decke, in die etwas gehüllt war. Ab und zu hielt eins dieser Pferdewagen, legten das Bündel an den Straßenrand, sprachen ein Gebet und dann ging es weiter. Das haben wir Kinder erst viel später verstanden. Und natürlich hatten alle Angst vor der Roten Armee. Und meine Mutter und dieser 74-jährige Deutsche vom Schwarzen Meer mit seiner Frau Magda, die wir abgöttisch liebten und die kein Wort Deutsch konnte. Aber sie hatte diese Herzlichkeit. Und dann kam eine Straße, oder vielmehr ein Feldweg, der von der Straße abging, und man sah weiß geschneite Felder und irgendwo in der Ferne einen Wald. Dann, unter Leitung des Herrn Volkmann und meiner Mutter, entschied sich unsere Kleingruppe, einfach vom Wege abzufahren um über einen Umweg schneller zu sein als die anderen. Das ist uns gelungen.

Wir erreichten dann in einer Nacht ein riesiges Tor. Das ging auf einen Gutshof zu, in dem ein Graf lebte. Meine Mutter klopfte und dieser hohe Herr kam herunter und sagte: Hier werden keine Flüchtlinge aufgenommen. Und meine Mutter wuchs in solchen Situationen über sich hinaus und erwiderte: ‚Morgen, spätestens übermorgen wird die Rote Armee hier sein, und wir wollen jetzt hier schlafen!‘ Bis heute fühle ich noch diese Plumeaus, die übrigens nicht bezogen waren. Das war auf unserer Flucht übrigens die einzige Nacht, in der wir in einem Bett geschlafen haben. Und dann ging es weiter. Es gab Tiefflieger, wir Kinder beobachteten sie. Wir haben das dann unbeschadet überstanden, im Unterschied zu etwa 40 Prozent von unserem Treck, aus unserem Kreis, die Vergewaltigung, Arbeitslager, zum Teil auch Sibirien erlebt hatten, wenn sie überlebten. Wir erreichten dann ein kleines Gut unserer Verwandten. Eine Schwester meiner Mutter hatte einen Gutsbesitzer geheiratet. Dort herrschte Trauer. Der Mann der Schwester meines Vaters war gerade gefallen. Das alte Ehepaar war reizend zu uns, und wir sind dann nach Ostholstein auf das Gut der Reemtsmas und haben dort gute acht Jahre als Flüchtlinge gelebt. Und nach einiger Zeit kam die Schwester meines Vaters mit ihrem dreijährigen Kind mit einem Lastwagen, und wir standen draußen und riefen: Ihr seid gar keine Flüchtlinge!, weil sie einen Lastwagen hatten und ganz viele Möbel auf dem Lastwagen. Und wir waren auch in diesem Gut Trenthorst angekommen und haben protestiert, wir Kinder. Und wir haben gesagt, wir wollen weiter. Und meine Mutter fragte: Warum wollt ihr weiter? Ja, sagten wir, wir sind hier nicht zu Hause, wir halten nur, wenn wir zu Hause sind. Später kam dann dieser Gutsbesitzer mit seiner Frau und wir Kinder. Wir hatten nie verstanden, warum diese Großeltern so gräuslich waren. Bis ich jetzt vor zwei Jahren von meiner Cousine erfuhr, diesem damals 3-jährigen Mädchen, dass die Mutter zweimal Opfer einer Massenvergewaltigung geworden ist.

Tilman wuchs als sogenannte Flüchtlingskind in Schleswig-Holstein auf, nach dem Abitur 1960 studierte er Volkswirtschaft und politische Wissenschaften in Graz, Heidelberg und Hamburg, wo er sich im Sozialdemokratischen Hochschulbunds engagierte. Als im Juli 1967 der Biafa-Krieg im Osten Nigerias ausbrach, sah er sich an seine Kindheit erinnert. Er spürte die Ängste der eingekesselten Menschen der Region Biafra, gegen die die Zentralregierung eine Blockade verhängt hatte. Die eingeschlossene Zivilbevölkerung – über  10 Millionen Menschen  – erlebte eine dramatische Hungersnot. Hilfsgüter und Lebensmittel konnten nur über eine Luftbrücke transportiert werden. Dazu schlossen sich 25 Hilfswerke zur Joint Church Aid (JCA) zusammen; es wurde die bis dahin umfassendste humanitäre Hilfsaktion nach dem Zweiten Weltkrieg.Tilman gründete in Hamburg die Biafra-Hilfe und war selbst in Afrika vor Ort. Er erinnert sich:

„Als wir 1968 Studenten waren, tobte in Biafra aus Nigeria ein furchtbarer Krieg. Dort waren 10 Millionen Menschen eingeschlossen, und die britische und sowjetische Regierung unterstützten die nigerianische Militärregierung bei diesem Völkermord. Als wir hörten, dass jeden Tag 10.000 Kinder starben, bin ich zum linken Teilen der Studentenbewegung gegangen und habe gefragt: Was macht ihr? Alle hatten für Vietnam demonstriert und jetzt? Dann wurde mir gesagt: Das ist ein Nebenwiderspruch. Ich fragte: Warum ist das ein Nebenwiderspruch? Weil die Sowjetunion eine kommunistische Regierung ist und weil die britischen Sozialdemokraten unter Premierminister Wilson diesen Völkermord unterstützten und die nigerianischen Generale, die dafür verantwortlich waren. Dabei traf ich auf einen Medizinstudenten, er hieß Klaus Guerke. Seinen Namen werde ich nie vergessen. 27 Jahre alt, schon drei Kinder, Student der Medizin, der sagte, dass er Biafra humanitär helfen wollte. Mein Anliegen war eigentlich die  politische Aktion, also Dokumentation der Verbrechen, Politiker bewegen, Hilfsaktionen, das Ganze medienmäßig zu unterstützen. Wir beiden fanden uns zusammen, und als Erstes machten wir eine Wandzeitung im Kaffeegang der Hamburger Universität. Und plötzlich merkten wir, dass Biafra – diese Einkesselung, dieser Hunger, dieser Massenmord – dass das unendlich viele Menschen erschreckt hatte, dass viele Menschen nicht wussten, wie sie handeln sollten, und dass viele Menschen handeln wollten. So haben wir dann eine Strategie entwickelt. Wir haben ganze U-Bahn Stationen mit Plakaten beklebt, das heißt: wir fanden Agenturen, die das umsonst machten, und wir haben die Öffentlichkeit aufgefordert, die Luftbrücke der Kirchen zu unterstützen. Eine beispielhafte Leistung gegen die gesamte internationale Politik: des Nachts Flugzeuge zu landen und diese Kinder mit den Hungerbäuchen zu versorgen, damit sie überlebten.“

Aus der Biafra-Hilfe entstand 1970 die „Gesellschaft für bedrohte Völker“. Tilman Zülch lebt heute in Göttingen in einem Altenheim und ist durch Krankheit nicht mehr in der Lage, zu den aktuellen Ereignissen Flagge zu zeigen, wie er das sein Leben lang getan hat.

Dieser Beitrag ist auch als Podcast vorhanden.

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