50 Jahre Sprachproporz: Tagung zur Rolle des Instruments der Eurac Research am 20. April 2026
50 Jahre Sprachproporz: Tagung zur Rolle des Instruments der Eurac Research am 20. April 2026
50 Jahre Sprachproporz: Tagung zur Rolle des Instruments der Eurac Research am 20. April 2026

In der autonomen Provinz Bozen, Südtirol, werden die Jobs in der öffentlichen Verwaltung gemäß Stärke der Sprachgruppen vergeben. Das nennt sich Proporz, ist aber keine Südtiroler Besonderheit.

In den USA erkämpfte sich die Bürgerrechtsbewegung Ende der 1960er Jahre ein ähnliches Instrument für die vielen Minderheiten, die affirmative action. Positive Diskriminierung bezeichnet gezielte Maßnahmen zur Förderung benachteiligter Gruppen, um Diskriminierung auszugleichen und Chancengleichheit herzustellen.

Auf einer Tagung befasste sich die Europäische Akademie mit dem Proporz, Macht teilen, Vielfalt sichern? Ein Grund dafür, immer öfter und stärker wird das Instrument Proporz in Frage gestellt. Und zwar von italienischsprachigen Bürger:innen und von Progressiven, die die Proporz-Befürworter:innen als „Ewiggestrige“ abtun. Viele junge Südtiroler:innen wissen kaum Bescheid über das Instrument Proporz. Auch deshalb will die Eurac einen Diskussionsraum zum Thema schaffen.

Die Job-Verteilung über den Proporz ist wegen Personalmangels „vorübergehend“ ausgesetzt, bedauerlich findet Professor Oskar Peterlini, dass dieses Aussetzen auch für den Zweisprachigkeits-Nachweis gilt. Für Peterlini ein Rückschritt. Laut Autonomiestatut – ein Verfassungsgesetz – ist der öffentliche Dienst zur Zweisprachigkeit (in Ladinien zur Dreisprachigkeit) verpflichtet.

In ihrem Policy-Brief greift Anna Wolf vom Eurac-„Center for Autonomy Experience“ die Thematik Proporz auf. Mit dem Proporz ist es gelungen, historische Ungleichheiten abzubauen. Der Staatsdienst wurde für deutsch- und ladinischsprachige Job-Bewerber:innen geöffnet. Der ethnische Proporz heute garantiert das friedliche Zusammenleben der Sprachgruppen, heißt es im „Policy Brief“.

Der Proporz entwickelte sich weiter, wurde reformiert, weil die „Zivilgesellschaft“ dies einforderte: „Angesichts des gesellschaftlichen Wandels steht das Proporzsystem vor der Herausforderung, inwiefern neue Personengruppen einbezogen werden können. Reformen und Flexibilisierungen haben bereits zu einer Öffnung des Systems beigetragen.“

Während in den Gemeindeverwaltungen und beim Landesdienst die Job-Vergabe gemäß der Stärke der Sprachgruppen erfolgt (fast 70 Prozent deutschsprachig, knapp 30 Prozent italienischsprachig, wenige Prozentpunkte ladinischsprachig), sind im Staatsdienst nur 40 Prozent der Jobs von deutschsprachigen Angestellten „besetzt“. Tendenz weiter rückläufig. Gleichzeitig nehmen die Betrugsfälle beim Erwerb der Zweisprachigkeitsnachweises zu, stellt der „Policy Brief“ fest.

Anna Wolf kommt in ihrer Analyse zum Schluss, dass der Proporz ein höchst sensibles Thema ist: „Auch das Expert*innengremium im Autonomiekonvent von 2017 fand keinen Konsens über die Ausdehnung bzw. weitere Flexibilisierung oder vor-übergehende Aussetzung der Proporzregelung und sprach sich stattdessen geeint für deren Beibehaltung aus.“

Wolf verweist auf entsprechende Zahlen: 2025 würdigten zwei Drittel der deutsch- und ladinischsprachigen Bürger:innen den Proporz als ein Instrument für das friedliche Miteinander. Nur knapp die Hälfte der italienischsprachigen Bürger:innen teilt diese Meinung.

Gleichzeitig befand aber auch mehr als die Hälfte aller Befragten, dass der Proporz negative Auswirkungen auf die Qualität öffentlicher Dienstleistungen haben könne.

Der Südtiroler Proporz ist keine Südtiroler Besonderheit. Anna Wolf stellt in ihrem Policy Brief fest: „Der internationale und europäische Vergleich zeigt jedenfalls, dass Quoten und ähnliche Maßnahmen zur Bekämpfung von Ungleichheit, speziell in der Verwaltung, in anderen Rechtsordnungen durchaus üblich sind (vgl. etwa Belgien, Nordirland, Zypern, Mazedonien, Kroatien). Entscheidend bleibt, eine Balance zwischen den Interessen von Minderheiten, individuellen Grundfreiheiten und gesellschaftlichem Wandel zu finden.“

Seit seiner Einführung vor 50 Jahren wurde der Proporz deshalb immer wieder reformiert. Es waren erstrittene und erzwungene Reformen. Welche Zukunft hat der Proporz? Zitat aus dem „Policy Brief“ von Anna Wolf: „Ob der ethnische Proporz in Südtirol auch 50 Jahre nach seiner Einführung zukunftsfähig bleibt, hängt letztlich von seiner ständigen Anpassungsfähigkeit ab.“