Der neue walisische Regierungschef Rhun ap Iorwerth von Plaid Cymru setzt auf eine konsequente Föderalisierung des Vereinigten Königreiches. Foto: herald.wales
Der neue walisische Regierungschef Rhun ap Iorwerth von Plaid Cymru setzt auf eine konsequente Föderalisierung des Vereinigten Königreiches. Foto: herald.wales
Der neue walisische Regierungschef Rhun ap Iorwerth von Plaid Cymru setzt auf eine konsequente Föderalisierung des Vereinigten Königreiches. Foto: herald.wales

Rhun ap Iorwerth von Plaid Cymru ist der neue Ministerpräsident von Wales. Die linke pro-walisische Partei ist stärkste Parlamentsfraktion. Sie löst Labour ab, die Sozialdemokraten waren 100 Jahre lang die dominierende Partei in Wales.

Seit den letzten Parlamentswahlen ist Wales anders. Plaid Cymru ist mit 35 Prozent stärkste Partei im Senedd, im Parlament. PC hält 43 der 96 Sitze und bildet eine Minderheitsregierung. The Guardian nannte den Wahlsieg von Plaid Cymru „seismisch“.

Die einstige Mehrheitspartei und Partner von Plaid Cymru, Labor, fiel auf elf Prozent zurück. Labour und Grüne unterstützen die Minderheitsregierung von außen.

Wie in anderen britischen Landesteilen auch erstarkten die Rechtsradikalen von Nigel Farage, Reform-UK folgt mit 29 Prozent auf Platz zwei hinter Plaid Cymru. Reform-UK beerbte die Konservativen und fing wohl auch Labour-Wählende auf.

Plaid Cymru besteht seit den 1920er Jahren, 1929 erhielt Plaid bei den Unterhauswahlen verschwindend geringe 0,1 Prozent. Der nordwalisische Teil vom Plaid strebte eine weitereichende Autonomie an, die südwalisischen Ortsgruppen forderten Cymru als alleinige Amtssprache.

 

Plaid Cymru, links und strikt walisisch

Plaid positionierte sich ähnlich wie die SNP, sozialdemokratisch und strikt pro-gälisch. Bis zur jüngsten Parlamentswahl im Mai 2026 galten die westlichen und nordwestlichen Wahlreise als die PC-Hochburgen, die Regionen mit dem höchsten Anteil walisisch sprechender Bevölkerung. Inzwischen ist die Partei in allen Regionen gut verankert.

1966 zog PC erstmals ins Unterhaus ein, bei Nachwahlen 1967 und 1968 erzielte Plaid Cymru Achtungserfolge. Besonders aggressiv reagierte Labour auf die linke Konkurrenz. Der walisische Nationalismus sei die falsche Antwort auf die verschiedenen Probleme, wie die Krise des Bergbaus und der Schwerindustrie, polemisierte Labor gegen walisischen Sozialdemokraten.

Die Labour-Polemik war meist Hetze gegen die traditionelle Volkskultur, mit der sich viele Waliser:innen trotzdem verbunden fühlen.

Plaid Cymru fordert eine konsequente Föderalisierung Großbritanniens. Ein Weg voller Hindernisse. So stimmte 1979 eine Mehrheit der Waliser:innen bei einem Referendum gegen ein eigenes Parlament. Beim Referendum 1997 votierte eine Mehrheit für eine eigene Nationalversammlung, in der Plaid Cymru lange stärkste Oppositionspartei war.

Im Januar 2000 gab Plaid Cymru die Forderung nach einer staatlichen Unabhängigkeit für Wales auf. Sieben Jahre später bildete PC eine Koalitionsregierung mit Labour, Motto: One Wales. Seitdem regierten die beiden Linksparteien Wales, inzwischen mit starken walisischen Akzenten. Mit Leanne Wood stand bis September 2018 eine sozialistische Gewerkschafterin an der Parteispitze.

Im Europäischen Parlament war Plaid Cymru bis zum EU-Austritt des Vereinigten Königreichs mit einem Abgeordneten vertreten, der der Fraktion Grüne/Europäische Freie Allianz angehörte. Plaid Cymru sprach sich, wie die schottische SNP und die nordirische Sinn Fein, gegen den Brexit aus.

 

Für ein anderes Cymru

Erstmals stellt nun Plaid Cymru die walisische Regionalregierung. Ob das Parteimanifest von 2021 die Richtung vorgibt? Ziel bleibt die nationale Unabhängigkeit, diese soll mit einem Referendum aber in Abstimmung mit der britischen Regierung ermöglicht werden. Mit einer eigenen Entwicklungsbank soll die wirtschaftliche Entwicklung von Wales gesteuert werden.

Plaid Cymru setzt auf ein klimaneutrales Wales, will den öffentliche Gesundheitsdienst sowie das Bildungswesen großzügig ausbauen.

Schwerpunkte bilden auch der Ausbau des öffentlichen Wohnungswesens und des öffentlichen Nahverkehrs.

Außerdem soll walisisch verpflichtendes Schulfach werden, so dass jedes Schulkind fließend die Sprache beherrscht und damit eine Million Walisisch-Sprecher bis 2050 erreicht werden.

Außenpolitisch sucht Plaid Cymru enge Beziehungen zur Europäischen Union, auch über eine Mitgliedschaft in der Europäischen Freihandelsassoziation.

 

Auftakt für eine neue Dezentralisierung

Die britische Tageszeitung „The Guardian“ findet, dass die Wahlsiege von Sinn Fein (schon vor vier Jahren), Plaid Cymru und der SNP eine neue Ära der Dezentralisierung einleiten werden. Die Zeitung nennt dies eine institutionelle Herausforderung.

Vor 26 Jahren konzedierte die Labour-Regierung Schottland und Wales – nach Referenden – eigene Parlamente. Mit dieser Dezentralisierung wollte die britische Regierung die nationalistischen Bewegungen eindämmen. Das Gegenteil trat ein. In Schottland gewann die SNP bereits zum fünften Mal die Wahlen, Plaid Cymru fuhr in Wales einen historischen Sieg ein. Der Druck vom Norden und Westen auf London wird größer, verfassungskonforme Unabhängigkeitsreferenden zu gewährleisten.

Die einstige Labour-Hochburg Schottland ging schon vor einigen Jahren an die SNP verloren. Wie in England entschieden sich viele Progressive für die Scottish Greens und UK gewann Wähler:innen in den ehemaligen Kerngebieten von Labour.

In Wales endete mit dem Wahlsieg von Plaid Cymru eine hundertjährige sozialdemokratische Dominanz. Wegen verschiedener Versäumnisse in der Gesundheits- und Bildungspolitik wechselten Labour-Wähler:innen massenhaft zu Plaid Cymru. „Eine Stimme für Plaid galt ebenfalls als die beste Strategie, Nigel Farages Reform UK zu stoppen“, kommentierte „The Guardian“. UK ist im Senedd aber stärkste oppositionelle Kraft.

 

Dezentralisierung als Dekolonisierung?

Trotzdem erwartet „The Guardian“ keinen konzertierten Druck für Unabhängigkeitsreferenden in Schottland und in Wales. So schloss der walisische Ministerpräsident Rhun ap Iorwerth in dieser Amtsperiode ein Unabhängigkeitsreferendum aus. SNP-Vorsitzender John Swinney äußerte sich ähnlich zurückhaltend.

„The Guardian“ geht davon aus, dass Schottland und Wales enger zusammenarbeiten werden, auf weitere Dezentralisierungen setzen, die britische Regierung wird wohl mit den Regionalregierungen künftig auf Augenhöhe verhandeln müssen.

Während Schottland ein ersten Unabhängigkeitsreferendum testete und damit scheiterte, wird Rhun ap Iorwerth in Wales Abkommen mit London anstreben. Wie über die Kontrolle des Meeresbodens (wegen reichhaltiger Ölreserven), wie die Finanzierung des öffentlichen Nahverkehrs. Wales drängt auf eine neue Finanzpolitik, auf eine regionale Aufteilung der Ressourcen und Investitionsvorhaben. London sauge davon zuviel auf, auf Kosten der Regionen, heißt es aus Cardiff.

Die britische Politik manifestiert eine zerstrittene Volatilität, findet „The Guardian“, das Vereinigte Königreich benötige neue Lösungen. Die schottischen und walisischen Wahlen könnten helfen, solche Lösungen zu erreichen, raunt „The Guardian“. Es scheint, die ersten Kolonien der späteren englischen Kolonialmacht, Nordirland, Schottland und Wales, dekolonisieren sich. Ein wahrscheinlicher Wahlsieg der rechten Reform UK bei den nächsten britischen Parlamentswahlen wird den Prozess der Dezentralisierung beschleunigen.