Teilen
Vor 50 Jahren erschien „Seit 200 Jahren ohne Verfassung“ von GfbV-Beirat Claus Biegert. Damals war der indianische Aktivismus noch virulent, Alcatraz, BIA, Wounded Knee, the longest walk. Das „American Indian Movement“ forderte mit seinen medial professionell inszenierten Protest-Aktionen das weiße US-Establishment heraus. Die Aktivist:innen kämpften nicht um Bürgerrechte, sondern um die Souveränität ihrer Stammes-Nationen.
Die Reaktion darauf war heftig, die militante indigene Szene wurde kurzerhand kriminalisiert, Aktivist:innen zu langen Haftstrafen verurteilt, manche auch ermordet.
Ein halbes Jahrhundert später ist vieles diffuser. Die militanten Aktivist:innen erreichten den Ausbau von tribal schools und colleges, die „Wiedergewinnung“ verlorener Sprachen, Landrückkauf, indigene Wahl-Mobilisierung. Einerseits, anderseits ist mit Präsident Trump und seinen MAGA-Republikaner:innen der „Wilde Westen“ zurückgekehrt. MAGA-Exponenten feiern Sklavenhalter und Sklavenjäger, bejubeln Indianermörder, wie Kriegsminister Heghset die Killer vom Wounded Knee-Massaker 1890. MAGA drängt mit ihrem „project 2025“ liberale und bürgerrechtliche Errungenschaften zurück, schert sich wenig um indigene Belange, setzt sich über indigene Bedenken beim Abbau von Rohstoffen in Reservaten kaltschnäuzig hinweg.
Die MAGA-Cowboys können sich auf genügend indigene Unterstützer verlassen, fast die Hälfte der indianischen Wähler:innenschaft stimmte bei den letzten Präsidentschaftswahlen für Donald Trump, indigene Republikaner steigen die Karriereleiter hoch, sie sind das Aushängeschild für den letzten Ansturm auf die Reservate.
„Indian Country Today“ erinnert das „Geburtstagskind“ daran, dass es die meisten Verträgen nicht eingehalten hat, dass Reservatlands enteignet, dass mit seiner Assimilierungspolitik indigene Sprachen vernichtet wurden. Genau so wenig hielten sich die US-Regierungen an die Versprechen der Umsiedlungszeit in den 1950er, also Unterstützung und Jobs für Reservats-Bürger:innen, die in Städte „freiwillig“ übergesiedelt sind.
„Brich ihren Geist!“
Schon 1976, beim Bicentennial und bei der Feier des Columbus Day 1992, blendete die weiße USA ihre Geschichte kurzerhand aus, die Geschichte über die fast gelungene Auslöschung der Ureinwohner, die Geschichte über den brutalen Siedlerkolonialismus und die Sklaverei, zitiert „Indian Country Today“ Universitätsprofessor Kyle T. Mays, ein Angehöriger der Black and Saginaw Chippewa. Die von aufständischen britischen Kolonialisten gegründeten USA verfolgten laut „Indian Country Today“ ein klares Programm: Brich ihren Geist, assimiliere sie, nimm ihr Land, entziehe ihnen ihre Rechte, lösche ihre Geschichte.
Nur wenige US-Politiker versuchten einen anderen Weg, wie Präsident Franklin D. Roosevelt und sein „Indianer-Beauftragter“ John Collier, die wie Kennedy-Brüder, der republikanische Präsident Nixon förderte mit seinem Indian Self-Determination Act 1975 ein stückweit die indianische Autonomie, Präsident Obama suchte den Dialog, Präsident Joe Biden entschuldigte sich für die Internatspolitik und ihre katastrophalen Auswirkungen, Biden verurteilte die Assimilationspolitik als „eine Sünde für unsere Seele“. Überschaubare Ausnahmen.
Denn, in den vergangenen Jahren kehrte eine starke anti-indianische Stimmung zurück, zitiert „Indian Country Today“ die Schriftstellerin Suzan Taught Harjo, eine Cheyenne und Hodulgee Muscogee. Sie verweist auf die republikanische Bundespolitik, auf die Aufhebung von Bürgerrechten, auf das Einfrieren von Autonomieprojekten der Stammesnationen.
„Es gibt uns noch!“
N. Bruce Duthu, Vorsitzender für Native American and Indigenous Studies am Dartmouth College und Mitglied der United Houma Nation, erinnert trotz aller Schwierigkeiten und Rückschläge daran, dass es dem „American Indian Movement“ und anderen Organisationen gelungen ist, die Stammessouveränität zu stärken und Motor zu werden für die weltweite indigene Bewegung. Duthu weist auf ein besonderes Instrument des Widerstandes hin, auf die historischen Verträge zwischen indigenen Nationen und den USA.
575 Stammes-Nationen, so bezeichnet Duthu die indigenen Völker und ihre Souveränität wurden von den USA anerkannt, über die bereits zitierten Verträge. Kürzlich wurden die Lumbee bundesstaatlich anerkannt, weitere kämpfen noch darum, die im Zuge der „Termination“ ihren Bundesstatus verloren haben. Die Einhaltung und Umsetzung der Verträge sind Teil der Überlebensstrategie, wirbt Duthu für die Neubelebung des „Vertrags-Aktivismus“. Diese Verträge ermöglichen einen Dialog auf Augenhöhe.
N. Bruce Duthu findet, dass es Native Americans gelungen ist, trotz ihrer geringen Zahl, sich politisch einzubringen. So wurde die Umweltpolitik beeinflusst, genauso die Rechtsprechung, die Reservatpolizei darf nicht-indigene Straftäter zur Rechenschaft ziehen. Einiges wurde in den vergangenen 50 Jahren richtig gemacht, ist Duthu überzeugt, Humus für heutigen und gegenwärtigen indigenen Aktivismus.
Duthu wirbt für einen aufrechten Gang, wie auch Scott Manning Stevens, Akwesasne-Mohawk und Direktor für Native American and Indigenous Studies an der Syracuse University. Die frühen USA kopierten die Haudenosaunee-Föderation, ihr Bündnis und ihre Demokratie, sagt Stevens im ICT-Artikel „How the Haudenosaunee shaped americas democracy“. Eine Geschichte, die in den USA gerne verdrängt wird. Wie vieles andere auch. Jahrzehntelang widerstand die Föderation französischer, britischer und später US-Eroberern, beschreibt Pekka Hämäläinen, Professor für Amerikanische Geschichte an der University of Oxford, in seinem Buch „Der indigene Kontinent“ die herausragende Rolle der Haudenosaunee in der amerikanischen Geschichte.
Trotz vieler Kriege und Umsiedelungen existiert die Föderation immer noch, wurde von Akwesasne aus die landesweite indigene Renaissance befeuert. Erst kürzlich trafen sich die Mitglieder der Föderation, eine Dachorganisation von 19 Hauenosaunee-Bevölkerungsgruppen in den USA und in Kanada. Die Föderation nimmt regelmäßig am Ständigen Indigenen Forum der UNO teil.
„Wir engagieren uns für globale indigene Rechte“, sagte Stevens „Indian Country Today“. „Wir kämpfen weiterhin für unsere Rechte. Wir haben weiterhin Landansprüche sowohl gegen den Bundesstaat New York als auch gegen Kanada, wir kämpfen für unsere Umwelt, für sauberes Wasser und vieles mehr. Die Föderation ist die politische Struktur der sechs Nationen.“ Pragmatischer Widerstand.
Verbotene Religion
Die US-Siedlernation raubte nicht nur indigenes Land und indigene Kinder und unterdrückte die indigenen Sprachen. Pastoren, Pfarrer, Ordensleute, bigotte Milizionäre, der Staatsapparat der jungen Republik ging auch gegen die indigenen Religionen vor. Den Gründervätern ging es um die Religionsfreiheit, ein Kernelement der USA. Diese Freiheit galt aber nicht für die Ureinwohner und die Reste, die den europäischen, später den US-Ansturm überlebt haben.
„Die Gründerväter waren weniger an der Bekehrung der Ureinwohner interessiert, sondern vielmehr an ihrem Land“, sagt Michael John Witgen, Geschichtsprofessor an der Columbia University und Bürger der Red Cliff Band of Lake Superior Ojibwe im Gespräch mit ICT. Sein Buch „Seeing Red: Indigenous Land, American Expansion, and the Political Economy of Plunder in North America“ war 2023 Finalist für den Pulitzer-Preis. Die „Enteignung“ indianischen Landes, den Landraub, begründeten die weißen Eroberer, dass die indigenen Völker das Land nicht richtig nutzten.
In diesem Sinne empfahlen die Autoren von „project 2025“ die Öffnung der Reservate für den Bergbau und die Erdölförderung. Indigenen heiligen Stätte verloren ihren Schutzstatus, sind sie doch begehrte Standorte von Rohstofflagern.
Die USA, Hort der Demokratie, Menschenrechte und Religionsfreiheit, erst 1978 wurde mit dem American Indian Religious Freedom Act auch den Native Americans die Religionsfreiheit gewährt. 250 Jahre USA, für viele US-Bürger:innen nichts zu feiern, am allerwenigsten für die Angehörigen der Stammesnationen.
Die Gegenfeier
Der Contrapunkt: 19 Stammesnationen feierten am 25. Juni den 150. Jahrestag des Sieges über Oberstleutnant Custer und seine 7. Kavallerie. Es war der Anfang vom Ende des indigenen Kontinents. Tausende Lakota, Cheyenne und Arapaho stellten sich den westwärts ziehenden Goldsuchenden und landhungrigen weißen Invasoren entgegen. Die zu ihrem Schutz hinbeorderte Army wurde am Little Bighorn, in der indigenen Geschichtsschreibung die Schlacht von Greasy Grass im südöstlichen Montana, geschlagen. Damals, am 25. Juni 1876, feierten die USA ihren 100. Geburtstag. Er fiel zusammen mit einem indigenen Sieg, den die Nachfahren ausgiebig feiern. Peji Sla Wakapa, fettes Gras, ist der Inbegriff des indigenen Widerstandes gegen die totale Unterwerfung.
Präsident Trump ließ auf dem Parkgelände des „Little Bighorn National Monument“ Hinweistafeln über die indigene Geschichte entfernen wie auch Infos zum Klimawandel. Auf Grund eines Gerichtsentscheids mussten die entfernten Tafeln wieder angebracht werden. Das wurde auch gefeiert am 150. Jahrestages des Sieges über die 7. Kavallerie.
Dutzende indigene Jugendliche beteiligten sich am Staffellauf vom Northern Cheyenne-Reservat zum ehemaligen Schlachtfeld laufen. Betreut wurden die Gedenkläufer Blue Bird Lifeways, einer gemeinnützigen Organisation aus Northern Cheyenne. Dutzende indigene Motorradfahrer:innen postierten sich am Denkmalgelände. Und Pferde. Pferde waren – und sind immer noch – ein wichtiger Teil der Kultur der Prärie. Tausend Reiter kamen von den verschiedenen Reservaten nach Greasy Grass, sie versammelten sich auf dem Land der Familie Real Bird aus der Crow Nation, Apsáalooke.
Mehr als 10.000 Menschen besuchten das Schlachtfeld am „Little Bighorn National Monument“, greasy grass, Peji Sla Wakapa. Sie feierten den Sieg vor 150 Jahren gegen den Indianer-Schlächter, es war aber auch ein Tag ihrer indigenen Widerstandskraft. „Unser Volk, unsere Nationen sind zusammengekommen“, sagte Ryman Lebeau, Vorsitzender des Cheyenne River Sioux Tribes. „Wir erinnern uns an diejenigen, die sich für diesen Sieg geopfert haben.“

