Was läuft falsch in Süd-Kurdistan? Ist die autonome Region Kurdistan im Irak nicht mehr sicher und stabil?

Von Wolfgang Mayr

Voices hat sich schon die Frage gestellt, warum verlassen so viele junge KurdInnen ihre autonome Region? Voices zitierte Analysen der PKK nahen Nachrichten-Agentur anf-deutsch. Die Analysen, so scheint es, waren zutreffend. Ähnliche kritische Aussagen traf disorient, ein Forum aus WissenschaftlerInnen, JournalistInnen und AktivistInnen.

Ein weiterer Kenner meldet sich zu Wort, Thomas von der Osten-Sacken, von deutsch-irakischen Hilfsorganisation wadi (Über | Wadi (wadi-online.de). Auf mena-watch (Mena-Watch | Der unabhängige Nahost-Thinktank) schaut er hinter die Kulissen der kurdischen Region, die von ihrer Elite als der andere Irak hochgelobt wird.

Von der Osten-Sacken zitiert Masrour Barzani, Premierminister des Kurdistan Regional Government of Iraq (KRG). Barzani behauptete in der FAZ, „kalt von der Krise an der belorussisch-polnischen Grenze erwischt“ worden zu sein. Viele der Migranten dort stammen aus Süd-Kurdistan.

Ist der kurdische Spitzenpolitiker politisch blind oder einfach nur abgehoben? Von der Osten-Sacken rechnet vor, seit Beginn des Jahres 2021 versuchten 75.000 Kurden nach Europa zu gelangen. Warum diese Flucht, fragte Osten-Sacken Salam Omer vom irakischen Online-Magazins Kirkuk Now. Die Antwort:

„Irakisch-Kurdistan leidet unter einem völlig dysfunktionalen politischen System und unter unzähligen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen. Es ist eine der korruptesten Regionen im Nahen Osten, die Ressourcen der Region liegen in den Händen der Herrscherfamilien in Erbil und Sulaimaniyah.

Publizist Kamal Chomani ergänzt: „Das Versagen der nationalistischen Regierungen in der Region ist offensichtlich, und der Arabische Frühling hat uns gezeigt, wie die Jugend im Nahen Osten nach Jahren repressiver und undemokratischer Herrschaft genug hatte. (…) Zwei Familien – die Barzanis und Talabanis – haben für sich die Ressourcen der Region monopolisiert und gehen gegen abweichende Meinungen vor, um ihre Macht zu erhalten.“

Die Hälfte der Bevölkerung Irakisch-Kurdistans ist unter 25 Jahre alt, die  Arbeitslosenquote in dieser Altersgruppe liegt bei mehr 20%. Die soziale und wirtschaftliche Lage ist insgesamt düster, schreibt Tomáš Kaválek im Zenith Magazin:

„Steigende Preise, Einkommensunterschiede, fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten und mangelnde Aussichten auf sozioökonomische Mobilität: Diese Gründe sind sowohl in der Autonomen Region Kurdistan zu hören, wenn die Menschen über derzeitige Lage und ihre Zukunftsaussichten klagen und ihre Optionen abwägen, als auch bei denjenigen, die sich bereits entschieden haben, das Land zu verlassen.

Eine Umfrage der UNO ergab schon vor zwei Jahren, dass ein Drittel der kurdischen Jugendlichen ans Auswandern denken. Amnesty International berichtet, dass die Regionalverwaltung zwischen März 2020 und April 2021 mehr als 100 Menschen nach Protesten willkürlich festgenommen wurden.

Auswandern, um der sozialen und politischen Perspektivlosigkeit zu entgehen, so das Fazit. Es gibt aber auch noch junge Menschen, die sich wehren, das zeigten die Studentenproteste der letzten Wochen.

Fakt ist und bleibt, die Regierungsparteien der Familien Barzani und Talabani nahmen die Kritik und die Warnungen der Opposition und der Zivilgesellschaft nicht zur Kenntnis. Oder schlimmer, sie haben sich eingemauert in ihre Scheinwelt.

Ausführlich hier:

Irak: Warum verlassen so viele Kurden ihre Heimat? (mena-watch.com)

Raus aus Barzanistan | zenith.me

There Is No Business Like Family Business (mena-watch.com)

Kurden-Aufstand gegen Kurden-Regierung (mena-watch.com)

Irak: Jugendliche Demonstranten gegen pro-iranische Milizen (mena-watch.com)

 

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