Verratenes Afghanistan. Der Westen überlässt Land und Leute den Taliban

S.K. Vemmer (U.S. Department of State), cropped by User:Officer, Public domain, via Wikimedia Commons

Von Wolfgang Mayr

Es gab viele – nachvollziehbare – Proteste gegen die Abschiebung afghanischer Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich. Unverständlich die Aufregung über die Abschiebung von straffälligen Afghanen, darunter Vergewaltiger und Mörder. Unverständlich deshalb, weil diese KritikerInnen jetzt schweigen. Sie schweigen über den Vormarsch der Taliban. Schweigen sie deshalb, weil es eine geistige Kumpanei zwischen Teilen der Linken und den Taliban gibt? Stichwort Antiimperialismus und Antiamerikanismus?

Richard Herzinger findet auf seinem Blog die richtige Sprache: „Die Preisgabe Afghanistans bedeutet für den Westen aber nicht nur einen moralischen Offenbarungseid. Auch machtpolitisch und strategisch ist das ein folgenschweres Desaster.“

Desaster deshalb, weil der Westen die Menschenrechte preisgegeben hat. Herzinger beschreibt den Rückzug der Nato-Armeen aus Afghanistan als Selbstentmachtung: „Für die autokratischen Machthaber in Moskau und Peking ist dies ein weiterer Triumph, zielt ihre ganze Propaganda doch auf den Nachweis, dass die westliche Werte nichts als pure Heuchelei und die Zukunftsversprechen der in Wahrheit schwächlichen liberalen Demokratien bloße Trugbilder seien.“

Das Putin-Russland und die kommunistische Volksrepublik China haben sich hinten den Weltkulissen mit den Taliban arrangiert. Der Abzug ist somit auch ein voller Erfolg für Moskau und Peking, geißelt Herzinger den westlichen Verrat an Afghanistan.

Als vor 20 Jahren die US-Armee und ihre Verbündeten die Taliban aus Kabul verjagten, meldeten sich kritische Stimmen. Die Menschenrechtlerin Sima Samar drängt den Westen, mit demokratischen Kräften und besonders mit Frauen das Gespräch zu suchen. Der Arzt und Ethnolge Michael Pohly stellte damals fest, die westlichen Politiker lassen ihre Soldaten ohne konzeptionelle Perspektive ins Land marschieren. Samar und Pohly bedauerten den Schulterschluss der westlichen Truppen mit den nicht weniger islamistischen Anti-Taliban warlords.

Sima Samar ließ 2001 keinen Zweifel daran, dass die radikal-islamische Diktatur der Taliban bald einer demokratischen Regierung unter Einschluss aller ethnischen, religiösen und sozialen Gruppen Platz machen muss. In einer solchen Regierung dürften nicht wieder dieselben Mudschaheddin und Mullahs dominieren, die Afghanistan in die Katastrophe geführt haben. Zugleich warnte Sima Samar die USA und ihre europäischen Verbündeten davor, dass jede – auch unbeabsichtigte – Bombardierung von Zivilisten die Taliban stärken könnte. Überhörte Warnungen.

 

Frauen sind die Opfer

Von Sima Samar

Frauen sind die Hauptopfer der andauernden Menschenrechtskrise in Afghanistan. Zwar respektiert keine der militärischen Gruppierungen in Afghanistan die Menschenrechte von Frauen und Mädchen, doch waren die Handlungen der Taliban die extremsten, und die aktuellen Bedingungen unter den Taliban zeigen keinerlei Verbesserungen.

Einige Leute behaupten, die Lage habe sich gebessert, seit die Taliban im Lande seien, denn sie hätten “Frieden und Sicherheit” in ein von Krieg und politischen Cliquenkämpfen zerrissenes Land gebracht. Sie sagen auch, das Land sei weniger gefährlich für die Frauen. Zuvor hätten Mujaheddin-Gruppen und Befehlshaber Frauen vergewaltigt und entführt.

Aber was für einen Frieden haben die Taliban gebracht? Die Wahrheit ist, dass Vergewaltigungen und Entführungen unter den Taliban nicht aufgehört haben. Die Soldaten der Taliban vergewaltigen weiter Frauen, entführen Frauen aus ihren Häusern und zwingen Familien, ihre Töchter mit den Taliban zu verheiraten.

Und welchen Frieden und welche Sicherheit gibt es, wenn Frauen auf offener Straße geschlagen werden? Wenn die ethnischen Minderheiten Ziel talibanischer Verfolgung geworden sind und an den Hazaras Massenmorde begangen werden? Wenn Hunderte und vielleicht Tausende gefangengenommen worden sind und weiterhin willkürlich festgehalten werden?

Die sogenannte Ordnung, die die Taliban gebracht haben, gründet sich auf Gewalt und auf die Tatsache, dass sie alle Waffen tragen. Sie herrschen durch unmittelbare Gewalt und die Drohung mit Gewalt. Die Einwohner Afghanistans hatten keine Möglichkeit zu bestimmen, wer über sie herrschen soll. Das ist weder Frieden noch Sicherheit. Das ist Terror.

Stabilität und Frieden werden in der afghanischen Gesellschaft immer fehlen, solange Frauen nicht an der Konfliktlösung und dem Wiederaufbau des Landes beteiligt werden. Wahre Verpflichtung zum Frieden kann nur entstehen, wenn die Rechte der Frauen voll anerkannt und gesetzlich verankert werden.

In letzter Zeit hörte man immer wieder, Mädchen unter neun Jahren studierten den Koran in den Moscheen, und das bedeute, dass die Einschränkungen für die Ausbildung von Mädchen gelockert worden seien. Die Wahrheit ist, dass Mädchen schon immer den Koran studieren durften, aber das bedeutet nicht Bildung, und auch dieser Unterricht steht älteren Mädchen nicht offen. Wir hören auch, dass Mädchen Hausunterricht bekommen. Doch erstens ist Hausunterricht kein Ersatz für eine Schulbildung. Zweitens riskieren sowohl die Mädchen als auch die Lehrerinnen, die Hausunterricht erteilen, schwere Strafen von den Taliban.

Manchen NGOs ist es gelungen, außerhalb von Kabul einige Mädchenschulen einzurichten. Das ist sehr gut, aber es bedeutet nicht, dass das Bildungsverbot für Mädchen aufgehoben ist. Die NGOs konnten die Schulen einrichten, weil sie hart gearbeitet haben und weil die Taliban das Verbot nicht konsequent durchhalten, nicht weil die Taliban ihnen das erlauben. Außerdem sind die meisten dieser Schulen von NGOs nur Grundschulen. Das genügt aber nicht für die Zukunft des Landes. Wir brauchen auch weiterführende Schulen sowie fachliche und berufliche Weiterbildung aller Art für Frauen und für Männer. Ehe das Bildungsverbot nicht aufgehoben wird, haben afghanische Frauen keine Zukunft.

Manche sagen auch, wir sollten uns nicht so viele Sorgen machen, nur weil Mädchen der Zugang zur Bildung verweigert wird. Wir sollten auch nicht den Taliban die Schuld dafür geben, denn vor der Herrschaft der Taliban habe es auch nur für wenige Schulbildung gegeben. Sie sagen, Analphabetinnen und Frauen aus ländlichen Gebieten hätten keinen Bedarf an Bildung. Das ist nur teilweise richtig. Es stimmt, dass vor den Taliban einige Frauen Zugang zur Bildung hatten. 1991 waren 55 Prozent der Studenten an der Universität in Kabul Frauen. Während der Mujaheddin-Zeit sank die Zahl der Studentinnen auf 40 Prozent. Heute werden keine Mädchen zum Studium an der Universität zugelassen.

Andererseits war man in Afghanistan immer an Bildung für Töchter und Söhne interessiert. Vor den Taliban hatten Frauen in den Städten Zugang zu Bildung erhalten und schnelle Fortschritte gemacht. Leider hatten Frauen aus ländlichen Gebieten nicht die in der Verfassung zugestandenen Bildungsmöglichkeiten. Dort, wo die Mädchen vor der Herrschaft der Taliban nicht zur Schule gingen, lag das entweder am Verbot der dortigen Machthaber oder an den fehlenden Ressourcen zur Einrichtung von Schulen. Privatschulen waren in Afghanistan nicht erlaubt. Immer wenn Frauen und Mädchen in Afghanistan Zugang zur Bildung hatten, haben sie ihn auch genutzt. Vor den Taliban gab es kein offizielles Verbot der Bildung für Frauen und Mädchen.

Die generellen Einschränkungen für die Erziehung von Mädchen in Afghanistan sollten nicht als kulturell bedingt akzeptiert werden. In den Lehrplänen der Schulen sollten neue Erkenntnisse der Wissenschaften und Technologie ebenso wie Grundwissen in Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften stehen, denn religiöse Unterweisung allein erfüllt nicht alle Bedürfnisse der Menschen im neuen Jahrhundert.

Die Gesundheitsversorgung ist für das gesamte afghanische Volk sehr schlecht, doch für Frauen ist sie besonders schlimm. Wenn eine Frau ohne männlichen Verwandten bei einem Arzt angetroffen wird, werden sowohl die Frau als auch der Arzt schwer bestraft. Der Arzt kommt ins Gefängnis, und die Frau wird geschlagen. Auch in Anwesenheit eines männlichen Verwandten kann ein Arzt keine vollständige medizinische Untersuchung an einer Frau vornehmen.

Wir brauchen dringend mehr humanitäre Hilfe in Afghanistan. Die Gräueltaten der Taliban selbst sind der Grund, warum so wenig Hilfe nach Afghanistan gelangt. Internationale Hilfsorganisationen sagen, auch, die Frauen hätten stärkere Einschränkungen zu befürchten, wenn die Taliban internationale Kritik für ihre Menschenrechtsverletzungen an Frauen erfahren. Das stimmt nicht. Diese Hilfsorganisationen sollten nicht für sich in Anspruch nehmen, für die Frauen zu sprechen.

Afghanische Frauen bitten Frauen- und Menschenrechtsgruppen dringend um Hilfe, der ganzen Welt mitzuteilen, was afghanischen Frauen angetan wird. Die Welt muss erfahren, was die Taliban den afghanischen Frauen antut, wenn wir jemals wieder Frieden und Freiheit erleben wollen.

Afghanistan: Fassungslos vor dem Verrat des Westens | Herzinger.org

Kein neues Afghanistan ohne Frauen! Sima Samar und Shuhada Organisation, 23.10.2001 (gfbv.it)

Afghanistan: Lasst uns nicht im Stich! Eine afghanische Frauenrechtlerin ueber Menschenrechtsverletzungen der Taliban, von Andreas Selmeci, 12.10.2001 (gfbv.it)

Afghanistan: Die Freunde der Taliban. Auslaendische Interessen in Afghanistan, Michael Pohly, 12.10.2001 (gfbv.it)

Afghanistan nach den Taliban. Die „Pax americana“ brachte keinen gerechten Frieden und keine Demokratie, Interview von Wolfgang Mayr an Michael Pohly, 29.12.2002. (gfbv.it)

Afghanistan. Intervista con la Presidente della Commissione per I Diritti Umani in Afghanistan, traduzione a cura di Roberta Mineo, 21.10.2002. (gfbv.it)

 

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